WEIHNACHTEN IM ORCHESTERGRABEN
Eberhard Figlareks Weihnachten im Orchestergraben ist vielen schon bekannt und wurde so häufig nachgefragt, dass die erste Auflage sehr schnell vergriffen war. Nun liegt dieser ideale Geschenkband erneut vor, in dem der Dichter eine Reihe von „musikalischen“ Werken in Verbindung mit heiteren wie auch besinnlichen, teilweise sogar betroffen machenden Eindrücken zu Weihnachtsfest und Jahreswechsel präsentiert. Die Leser erwartet ein pointierter Mix aus verschiedenen Stimmungen und Stimmlagen, konzert- und festtagswürdig, nicht immer gereimt, aber von Anfang bis Ende mit viel Empathie und poetischem Esprit komponiert.
ISBN 978-3-942469-79-1, 100 S., 2. Aufl.
Ein paar Worte vorweg . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Gespräche im Orchestergraben . . . . . . . . . . . 11
A capella . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Arroganz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Guter Tausch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Belehrung in Moll . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Des Sängers Flucht . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Fleißig, fleißig … ! . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Ibykus, modernisiert . . . . . . . . . . . . . . . 25
Löchrige Angelegenheit . . . . . . . . . . . . . 26
Saitenwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Unvermuteter Durchfall . . . . . . . . . . . . . 30
Untaugliche Angel . . . . . . . . . . . . . . . . 33
Verkanntes Genie . . . . . . . . . . . . . . . . 34
So oder so … . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Reizende Töne . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Unbekümmert . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Familie Maus und die Musik . . . . . . . . . . . 38
Tannenzweig oder Palmwedel ? . . . . . . . . . . . . 43
Vorwinter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Zum Fest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Bescheidener Weihnachtswunsch . . . . . . . . 48
Die Ballade vom verbrannten Schnee . . . . . . . 52
Im Weihnachtsland . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Weihnachtsüberraschungen . . . . . . . . . . . 60
O du schöne Weihnachtszeit . . . . . . . . . . . 62
Voll daneben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Verstolperter Weihnachtsgruß . . . . . . . . . . 66
Winter-Geburtstag . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Nur weiter so … ! . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Winterweihnacht . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
Straßenmusikant zur Weihnachtszeit . . . . . . . 73
Dritter Feiertag . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
Zeitgemäße Bescherung . . . . . . . . . . . . . 76
Finstere Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Schneeflöckchen … . . . . . . . . . . . . . . . 78
Silvestertag eines Optimisten . . . . . . . . . . . 80
Einsamkeit am 1. Januar . . . . . . . . . . . . . 82
In der Winternacht . . . . . . . . . . . . . . . 84
Ausklang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Ankunft 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
Stern-Zeichen zur Weihnacht . . . . . . . . . . . . . 96
Ein paar Worte vorweg
Lieber Leser!
Vor Ihnen liegt ein Büchlein, das Gedichte zur Musik und zum Weihnachtsfest in sich vereint. Denn das Fest und die Klänge vieler Instrumente hängen untrennbar zusammen. Und das ist auch kein Wunder.
Allein die Tatsache, daß Gott der Herr dank der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria einen Sohn in die Welt gesetzt hat, ist doch durchaus dazu angetan, Freudengesänge anzustimmen. Um so mehr, als es sich bei dem Knaben nicht um ein durchschnittlich ent-wickeltes und begabtes Kind handelte, sondern um Jesus Christus, der in ferner Zeit die Menschheit erlösen wird von dem Übel und den Weg weist in eine glückliche, ewig währende Zukunft.
Diese glückverheißende Perspektive war bereits für die himmlischen Heerscharen Grund genug, ihre Posaunen lautstark erschallen zu lassen – ein Brauch, der sich bis heute erhalten hat. Und nicht nur das. Die Geburt des Erlösers veranlasst seitdem die Christenheit dazu, ihre Freude darüber musikalisch auszudrücken. Und so wird seit knapp 2000 Jahren um den 24. Dezember herum gesungen, musiziert und jubliert, daß es nur so eine Art hat. Süßer die Glocken nie klingen – vom bescheidenen Dorfkirchlein in Niederbayern bis zum tonnenschweren Geläut im Kölner Dom.
Außerdem werden natürlich all die Weihnachtslieder gespielt und gesungen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind. Auch hier ist die Auswahl groß; sie reicht vom schlichten „O Tannenbaum“ bis zu Bachs „Weihnachtsoratorium“. Aber während jenes erstgenannte, vielleicht bekannteste Weihnachtslied in jedem bescheidenen Weihnachtsstüb’l auf der Zither gespielt werden kann, bedarf es der Aufführung des Bach’schen Monumentalwerkes nicht nur einer angemessenen Spielstätte, sondern vor allem der orchestralen Harmonie, des Zusammenklangs zwischen Streich-, Blas-, Schlag- und Zupfinstrumenten. Den herzustellen ist nicht immer leicht, denn jedes der im Orchester vereinten Instrumente besitzt auch einen eigenen unverwechselbaren Charakter, der ihm vom Musikinstrumentenbauer in Klingenthal oder Markneukirchen in die Wiege gelegt wurde und der sich zumeist nur dem musikalisch Geübten, dem Tonkünstler eben, offenbart.
Mein Anliegen ist es, dem Leser einen Einblick in das Leben derer zu geben, die die gesamte Kunst des Musizierens erst zu einem lebendigen akustischen Klangerlebnis machen.
Auf diese Weise ist eine Mischung aus literarischer Musikalität und weihnachtlicher Poesie entstanden, mit der ich meinen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest wünsche.
Eberhard Figlarek
Chemnitz, Weihnachten 2017
Gespräche im Orchestergraben
Das Orchester eines Opernhauses ist ein subtiles Gebilde. Schließlich wurde es ja nicht dazu auserkoren, das ewige „umba-umba-umba-täteräää“ zur Karnevalszeit zu intonieren, sondern um die anspruchsvollen Werke der Opernwelt zu interpretieren. Denn das musikalische Äquivalent zu den Bühnenszenen ist für das Verständnis der Handlung ebenso wichtig.
Dies um so mehr, als man die Streicher, Bläser, Zupfer und Schläger während der Aufführung so gut wie nicht sieht, weil sie im sogenannten Orchestergraben sitzen. Dort fühlen sich aber die Musiker nicht sonderlich wohl, weil sie abgesenkt sind unter die Bretter, die die Welt bedeuten und abgeschirmt vom Zuschauerraum.
Den Instrumenten (von denen wir nach der Lektüre des Vorwortes wissen, dass sie ebenfalls eine Seele besitzen) geht es nicht viel anders. Deshalb freuen sich auch alle auf den einzigen Tag im Jahr, an dem sie einmal ihre Erlebnisse, gleich welcher Art, austauschen können. Diese Gelegenheit ist ihnen allein in der Heiligen Nacht zu Weihnachten vergönnt.
Denn nur dann, wenn am Abend des 24. Dezember der letzte Ton der Christmesse verklungen ist, nehmen die Musiker ihre Instrumente nicht wie sonst erst mit nach Hause, sondern legen sie behutsam auf ihren Platz, wo sie zum festlichen Konzert am 1. Feiertag wieder benötigt werden.
In dieser Nacht nun dürfen die Instrumente die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr nutzen, um sich gegenseitig ihre Erlebnisse, Sorgen und Nöte zu schildern. Das tun sie lautstark und hemmungslos.
„Ihr glaubt ja gar nicht, wie schmerzhaft es ist, wenn dieser Flegel von einem Pianisten auf meine Tasten eindrischt und dazu auf den Pedalen herumtrampelt“, klagt das Klavier, „kein Wunder, dass ich ständig verstimmt bin.“ „Also ich kann mich da überhaupt nicht beschweren“, mischt sich die Harfe ein. „Im Gegenteil: wenn mir einer in die Saiten greift und ein paar ordentliche Akkorde zupft – oooh, da könnte ich zerspringen vor Glück.“
„Du meinst wohl, deine Saiten könnten zerspringen, so wie es mir ergangen ist“, brummt der Kontrabass dazwischen. Und er stellt sich so, dass alle seine herabhängende A-Saite sehen können.
„Tja, allzu straff gespannt, zerspringt die Saite“, lästert die Bratsche dazwischen.
„Typisch Bratsche“, lässt die Violine ihre vornehme Stimme erklingen. „Der Bogen heißt es bei Schiller, der Bogen. Und wenn der Erste Geiger den seinigen mit frischem Kollophonium einreibt und mir damit die Saiten streichelt – hach, mich überkommt ein regelrechtes Vibrato, wenn ich nur daran denke …“ Und dabei verdreht sie ihre Augen euphorisch.
„Bogen hin, Bogen her“, schmettert die Trompete dazwischen. „Schließlich seid ihr doch alle nur Streichinstrumente. Die tragenden Instrumente im Orchester sind doch wir Blechbläser: ich, das Horn, die Tuba, die Posaune …“
„Wir wohl nicht ?“, machen sich Blockflöte und Fagott bemerkbar. „Auf uns wird schließlich auch geblasen, was uns viel Freude macht.“
„Wenn ich mal angestupst werde, macht mir das ebenfalls viel Freude“, klingt es aus der Ecke, in der der Triangel liegt.
Aber da meldet sich gleich die Kesselpauke lautstark zu Wort: „Dich könnte man ja glatt ausrangieren. Dich hört ja sowieso kaum jemand. Bei mir ist das etwas anderes.“ Und mit ein paar kräftigen Schlägen aufs Kalbfell bekräftigt sie den Anspruch auf ihren Platz im orchestralen Arrangement.
Plötzlich ist vom Dirigentenpult her ein mehrfaches hölzernes Klopfen zu hören. Der Taktstock hat sich erhoben und beginnt: „Ich will euch jetzt mal eine sehr interessante Geschichte erzählen, die …“
Da schlägt es vom Glockenturm ein Uhr.
Die Geisterstunde ist vorüber und die Musikinstrumente haben die Fähigkeit verloren, ihr Seelenleben zu offenbaren, sich zu unterhalten und gegenseitig zu trösten.
Daher werden wir Menschen nie erfahren, welche Geschichte der Taktstock soeben schildern wollte. Dafür aber lassen wir uns auf den nächsten Seiten die Erlebnisse der Geige, der Flöte, des Cellos, des Schlagzeugs, des Pianos und all der anderen Instrumente erzählen.
A capella
Ein Orchester wollt’ in Theben
einige Konzerte geben,
doch kurz vor dem Bosporus
fiel in eine Schlucht der Bus.
Freilich konnte man die netten
Musikanten grad’ noch retten,
doch die Instrumente fanden
keinen Retter. Sie verbrannten.
Selbst der Flügel ward vermisst.
Dennoch sprach der Pianist:
„Das ist alles nicht so tragisch;
einen schönen Ausweg schlag’ ich
euch aus der Misere vor:
gründen wir doch einen Chor.“
So geschah’s und bald darauf
traten sie als Sänger auf,
sangen auf verschied’ne Weise:
manchmal laut, manchmal auch leise
(da erzeugten sie den Ton
meist durch Lippenvibration).
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