Zum Geleit
Die Idee zu diesem Buch entstand in einem Gespräch über die Fischer auf Hiddensee und erschien so unvermittelt am Handlungshorizont wie jener Regenbogen über Ahrenshoop, der am Nachmittag des 3. Oktober 2016 eine Sturmflut
ankündigte: Fotos, die Edith Tar 1976 auf Hiddensee gemacht hat, wurden zur Basis für ein Experiment im
Labor der Zeit. Radjo Monk konterte die Fotoreportage mit Gedichten und 2016 entstandenen Reisenotizen. Die
Kombination gleitet als ein Netz subjektiver Erinnerungen durch das kollektive Gedächtnis.
Viele Namen von Orten an der Ostsee stehen seit über hundert Jahren ganz oben auf der Sehnsuchtsliste.
Tonnenweise Ansichtskarten versickern in Schubladen.
Dabei verzeichnet jedes Foto ein Ereignis, jedes liegt wie ein Gepäckstück auf dem Transportband Zeit: Es kommt nur
darauf an, wer wann welches Gepäckstück greift, wohin die Person damit geht und was damit gemacht wird. Edith Tar strebte als Fotografin und Künstlerin Nähe und Teilhabe an. Radjo Monk sucht als Dichter die Essenz des Augenblicks. Gemeinsam war beiden die Freude an der Vergegenwärtigung eines Lebens, das heute nur noch in Spuren auf der Insel zu finden ist.
Edith Tar ist mit den Fischern rausgefahren, hat ihre Arbeit und ihren Alltag auf Hiddensee begleitet. Zu diesem Alltag gehörten damals Schafe, die das Gras kurzhielten. Einmal im Jahr wurden dieTiere geschoren, verladen und nach
Schaprode gebracht.
2017 erinnerte sich Edith Tar im Gespräch mit Radjo Monk:
„Es war noch duster, als die Schafe verladen wurden. Aber als dann alle Tiere und Menschen auf dem Schiff waren und wir ablegten, da war es rosa und hellblau, und ich fühlte mich wie auf einer Schaukel, nach oben war alles offen. Dunstig, hellblau, rosa, und wenn mal ein Tier ‚Bäh‘ gemacht hat, dann war es, als würden die Seile reißen, an denen die Farben aufgehängt schienen. Das war ein unvergesslicher Moment; alle waren stille Zeugen einer Stunde, die aus der Zeit
gefallen war. Niemand hat etwas gesagt, die Männer haben geraucht. Menschen, Tiere, Wasser, Boot, Himmel – das war so eine unglaubliche Einheit, zusammengehalten von ‚Bäh‘. Ich fühlte mich wie auf einem Nachen zwischen Leben und Tod. Das war nicht nur optisch sensationell, sondern seelisch, es war ganz fein, wie ein Wunder. Und das Schweigen. Erst die Tiere, die nicht wollten und mit Karacho ins Boot gezerrt wurden … Es waren laute Taten, eine ganze Stunde voll Handlungen – und dann plötzlich nichts. Nicht nichts, sondern es war stumm, und das Stumme war mit dem Licht zusammen. Und das Wissen, dass die Schafe am anderen Ufer zum Schlachthof gebracht werden. Für die Männer gab es dann Geld und Schnaps auf der Rückfahrt, die ganz normal war, alles war gemacht, alles erledigt, es gibt ein neues Jahr, neue Schafe.“
Weltmeer I
Zwischen Gischt und Riesenrad
Die Alten auf der Festungsmauer
Halten Ruten in den Fäusten:
Antennen
Lippen
Grün geschminkt und
Augen, vom Ozean aus gesehen
Schwarze Höhlen, in denen Gesindel wohnt.
In der Bar führt eine Kompassnadel
Mann für Mann zum Tanz
Lang umkämpfte Erinnerungen
Krümmen nicht länger den Himmel.
Welle für Welle bricht
Das Meer auf, deinem Atem
Zu lauschen.
Welle für Welle
Bricht Zeit.
Das Logbuch liegt
Aufgeschlagen.
Die Seiten blank.
Von Ahrenshoop über Rügen zur Insel Hiddensee
Eine Annäherung
Ahrenshoop am 3. Oktober 2016
Durchgangsstraße überqueren? Fehlanzeige,
die Autoschlange reißt nicht ab,
Ampeln wurden noch nicht installiert.
Angst vor Terrorismus, heißt es, beschere dem
deutschen Tourismus zweistellige Zuwachsraten, besonders
an der Ostsee.
Ein Doppelzimmer teurer als eine Woche Hurgada,
der Ausblick von Speisekarten eingehegt.
Musste sich der FDGB-Urlauber die Platzanweisung
durch mürrische Kellner gefallen lassen, lässt sich der
bundesdeutsche Nestwärmesucher von unbehausten
jungen Menschen bedienen, die ihre Zeitverträge mit der
riskanten Garantie von Mindestlohnverträgen
kompensieren müssen.
Ich erinnere mich an ein Ahrenshoop in den sechziger und siebziger Jahren, als hier der schlichte Glanz längst
vergangener Zeiten fühlbar und sichtbar war. Das Leben schien einfach und doch irgendwie dem DDR-Alltag
entrückt. Im wiedervereinigten Deutschland ging manch beliebtes Urlaubsziel im Tourismusgeschäft baden, soziale Trennlinien wurden deutlich; aber die Gewinnorientierung der Branche konnte die Sehnsucht nach dem Meer nicht
auslöschen.
Vorschlag zur Verkehrsberuhigung:
Der Ort wird untertunnelt,
überbrückt und in Hartzvierschleim
gegossen.
Einmal pro Woche übernehmen Ampelmännchen den Dienstleistungssektor, zur personellen Absicherung wird ein
bundesweiter Wettbewerb ausgeschrieben, Nickis und T-Shirts mit einem aufgedruckten A sind nicht erlaubt.
...