Eberhard Figlarek
MÄRCHENHAFTE IMPRESSIONEN
ISBN 978-3-949143-02-1, 104 S., 4. Aufl.
MÄRCHENHAFTE IMPRESSIONEN
Märchen, besonders die der Brüder Grimm, sind selbst im Computerzeitalter noch immer beliebt. Ihre herkömmliche Erzählform mag jedoch manchem kaum mehr verständlich sein. Eberhard Figlarek schrieb nun einige der berühmtesten Märchen zu spritzigen Balladen um und hauchte ihnen damit neues Leben ein. Dreizehn seiner kleinen, mit Maria Wickleders liebevollen Zeichnungen ausgeschmückten Reimerzählungen wurden vom AndreBuchVerlag in diesem Band zusammengefasst, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
ISBN 978-3-949143-02-1, 104 S., 4. Aufl.
Inhalt
Es war einmal … . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Das tapfere Schneiderlein . . . . . . . . . . . . 13
Der Froschkönig . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Der gestiefelte Kater . . . . . . . . . . . . . . . 29
Der Wolf und die sieben Geißlein . . . . . . . . 35
Die Bremer Stadtmusikanten . . . . . . . . . . . 41
Die sechs Schwäne . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Frau Holle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Hans im Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Hänsel und Gretel . . . . . . . . . . . . . . . . . 69Hase und Igel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Rotkäppchen und der Wolf . . . . . . . . . . . . 83
Schneeweißchen und Rosenrot . . . . . . . . . . . 89
Rumpelstilzchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Ausklang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
Es war einmal…
… so beginnen sie alle – die Märchen, von denen in diesem Büchlein noch die Rede sein wird. So beginnt
aber auch die Geschichte eines bescheidenen Poeten, der sein Lebtag hindurch Gedichte geschrieben hatte, voller Leidenschaft und innerer Freude. Groß war die Vielfalt seiner Themen: über Liebesfreud’ und -leid hatte er gedichtet, ebenso über weniger erhebende Lebenssituationen; er hat sich alltäglichen Begebenheiten gewidmet (weswegen er seine Gedichte auch oft gern als Alltags- oder Straßenlyrik bezeichnete), hatte seine Heimat, aber gleichermaßen auch fremde Gegenden und dort gemachte Erlebnisse, in Reime gefasst; er schrieb Gedichte für seine Kinder und Enkel und zu besonderen Anlässen auch für seine Familie im weitesten Sinne, sowie für Freunde und gute Bekannte; er bedichtete die Tierwelt in- und außerhalb des Zoos ebenso wie die Welt der Musik und auch den großen Kirchenfesten huldigte er jahrelang mit seinen Versen.
Je nachdem, auf welche Wange ihn die Muse küsste, sind in seiner „Reimschmiede“ neben den traditionellen schlichten Gedichten auch Balladen, Langgedichte, ja selbst Oden entstanden, daneben aber auch Limericks und Schüttelreime, die samt und sonders Zeugnis von seiner Freude am Umgang mit seiner Muttersprache ablegen.
Über all dem ist unser Poet alt geworden. Zwar sind ihm die Freude am Fabulieren und der Drang zum Schreiben nicht abhanden gekommen, aber mehr als sieben Jahrzehnte hinterlassen Spuren. Nicht nur am und im Körper. Auch die „innere Welt“ des Dichters verändert sich ebenso wie die uns umgebende Welt, deren Ereignisse unser Tun und auch unser geistiges
Potenzial mehr oder minder intensiv prägen.
Als ich spürte – denn längst ist der Leser dahinter gekommen, dass der Dichter, von dem bisher nur in anonymer Form die Rede war, ich selbst bin – dass mir die Themen für Gedichte nicht mehr so zufielen wie einst und dass ich unendlich lange nach Reimen suchen musste, die ich früher nur so aus dem Ärmel geschüttelt hatte – da wurde ich doch sehr, sehr nachdenklich. Denn es ist ärgerlich für einen, der gern etwas dichten möchte, aber glaubt, alle Themenkreise bereits ausgiebig genug bearbeitet zu haben. Oder der zu manch einem kein Mitspracherecht mehr besitzt. Die Zeit der Jugend und lodernden Liebe ist nun einmal vorbei – und wer schriebe beziehungsweise läse schon gern „Verse aus dem Altersheim“ ?
Solchen Gedanken nachhängend, stand ich eines Tages mit einer Mischung aus Verärgerung und Traurigkeit im Herzen in meiner kleinen Bibliothek, als plötzlich die Tür aufflog und Lilli, meine Ur-Enkelin, ins Zimmer stürmte.
Mit ihrer Bitte „Opa, liest du mir ein Märchen vor ?“ riss mich die aufgeweckte Fünfjährige aus meinen Grübeleien.
„Aber ja doch, meine Kleine.“
Und schon ließ ich meine Augen über die Regalfächer gleiten auf der Suche nach dem Märchenbuch, das es Lilli so angetan hatte.
Als ich es schließlich erspähte und in den Händen hielt, dieses über vierzig Jahre alte Buch – zwar etwas
abgegriffen, aber dennoch gut erhalten und reich bebildert –, da durchzuckte es mich plötzlich wie ein Blitz: Warum sollte ich denn Märchen immer nur als Prosa-Geschichten vorlesen ? Warum nicht auch mal als Gedichte ?
Die Idee war geboren – und ich war mir sicher, dass ich nicht der einzige sein würde, dem sie gefiel. Märchen werden immer ihre Leser finden, so lange es Opas und Omis gibt, die ihren Enkeln, so sie denn im entsprechenden Alter sind, etwas vorlesen müssen oder wollen. Da sind dann die Herren Grimm, Andersen oder Hauff gefragt. Deren Märchen sind, wie man weiß, in aller Herren Länder und in unterschiedlichsten Ausgaben erschienen. Wenn es eine Statistik gäbe (vielleicht gibt es sie ?), in der die Auflagenhöhe nach Branchen verzeichnet ist, dann möchte ich fast wetten, dass Märchen darin ganz oben stehen – gleich nach den Sach- und Unterhaltungsbüchern des Schachspiels.
Märchen sind nicht nur in der klassischen Buchform, sondern auch gezeichnet als Comics erschienen, viele wurden vertont, noch mehr verfilmt, und einige wenige dienten sogar als Vorlage für eine Oper. Warum aber – zum Kuckuck ! – ist noch niemand auf die Idee gekommen, aus den bekanntesten Märchen Gedichte zu machen, also Märchen-Gedichte zu schreiben ?
Diese Lücke gedachte ich auszufüllen. Von der Idee bis zur Ausführung war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Aber der war gar nicht so leicht zu gehen. Denn ich hatte mir zwar im Stillen vorgenommen, so um die zwanzig Märchen „umzudichten“, woraus aber, wie man sieht, nichts geworden ist. Es ist nämlich gar nicht so leicht, eine Prosageschichte von sechs bis acht Seiten so „umzuarbeiten“, dass das entstehende Gedicht einen vertretbar erträglichen Umfang nicht übersteigt. Selbst dem geübtesten Opa oder der geduldigsten
Omi ist nicht zuzumuten, ihren Enkeln Abend für Abend ein Gedicht vom Umfang der „Glocke“ zu Gehör zu bringen. Andererseits aber enthalten alle Märchen viele Details, die für das Verständnis der Handlung erforderlich sind. Beide Aspekte unter einen
Hut zu bringen, fiel dem Märchendichter oft nicht leicht.
Ähnlich verhält es sich mit Dingen, die in Märchen eine wichtige, im heutigen Leben aber überhaupt keine
Rolle mehr spielen. Beispiel: die Spule, mit der man spinnen kann. Was ist überhaupt spinnen ? Und wie geht das ? Wie sieht die Spule aus, die dazu gebraucht wird ? Und wieso kann man sich damit stechen ? So oder ähnlich könnten Fragen lauten, die ein Kind stellt, dem das Märchen von der Frau Holle vorgelesen wird, das aber im alltäglichen Leben ganz problemlos mit Smartphone und X-Box umgehen kann. Um mich aus diesem Dilemma herauszuwinden, fällt – um bei dem angesprochenen Beispiel zu bleiben – bei mir eben ein Ring in den Brunnen, statt der erklärungsbedürftigen Spule …Womit ich nur sagen will, dass es notwendig war, an den Märchen, die ja immerhin vor mehr als zweihundert Jahren aufgeschrieben wurden, gegebenenfalls ein wenig herumzufeilen und zu -biegen, um sie unserer Zeit halbwegs anzupassen. Deshalb ist es schließlich auch nur bei einem reichlichen Dutzend der Märchen-Adaptionen geblieben.
Ich kann nun nur hoffen, dass diese Balladen irgendwie einen Weg zu solchen Vätern und Müttern, Opas und Omis finden, die nicht nur selbst Interesse und Freude an der lyrischen Form der bekannten Märchen finden, sondern auch ihre Nachkommen dafür begeistern können.
Wenn also auf dem Umweg über „gedichtete Märchen“ das kindliche Interesse an dem ebenso breiten wie
schönen Feld der Lyrik geweckt bzw. erweitert würde, dann wäre das für den „Poeten der späten Generation“ tatsächlich ein märchenhaft schöner Lohn.
Chemnitz, im Februar 2015
Eberhard Figlarek
Das tapfere Schneiderlein
Es war einmal ein Schneider,
der saß auf seinem Tisch,
näht’ emsig Wams und Kleider
sehr fleißig Stich um Stich.
Die Marktfrau ging vorüber:
„Ich habe gutes Mus,
das möcht’ ich gern verkaufen.
He, Schneiderlein, willst du’s ?“
Sofort kaufte der Schneider
mehr als ein halbes Pfund,
strich es auf eine Scheibe Brot,
das, sagt er, sei gesund.
Jedoch auf dieses Musbrot
setzten sich sieben Fliegen.
Na warte, dacht’ der Schneider,
ich werde euch schon kriegen.
Er schlug mit seiner Elle
schnell auf das Mus, das weiche,
und tötete die Fliegen,
und zwar mit einem Streiche.
Er griff zu einem Gürtel
und stickte darauf gleich
die inhaltsschweren Worte:
„Sieben auf einen Streich.“
Er ging hinaus zum Tore
mit froh beschwingtem Schritt,
und nahm sich einen Käse
und einen Vogel mit.
Auf einen Bergkamm stieg er,
dort traf er einen Riesen,
dem hat mit Vogel und mit Käs’
er seine Kraft bewiesen.
Den Vogel warf er in die Luft,
er kam nicht mehr herunter.
Der Riese dacht’, es wär ein Stein,
und glaubte an ein Wunder.
Der Riese hat den zweiten Stein
zu feinem Staub zermahlen.
Der Schneider hat den Käs’ gepresst,
da spritzten Wasserstrahlen.
Es riß der Riese eine Linde
samt Wurzel aus der Erde raus.
Der Schneider lästerte: „Ich finde,
die kriegst du nimmermehr nach Haus.“
„Hilf mir den Baum zu tragen“,
der Riese rief im Zorn.
Der Schneider sprach: „Natürlich –
ich hinten und du vorn.“
Er setzte sich ganz locker
nach hinten ins Geäst,
da hat die Last den Riesen
tief in die Knie gepresst.
Er siegte, weil er schlau war,
der Riese aber dacht’:
Das ist doch gar nicht möglich,
was dieser Kerl da macht.
...
Es war einmal … . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Das tapfere Schneiderlein . . . . . . . . . . . . 13
Der Froschkönig . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Der gestiefelte Kater . . . . . . . . . . . . . . . 29
Der Wolf und die sieben Geißlein . . . . . . . . 35
Die Bremer Stadtmusikanten . . . . . . . . . . . 41
Die sechs Schwäne . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Frau Holle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Hans im Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Hänsel und Gretel . . . . . . . . . . . . . . . . . 69Hase und Igel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Rotkäppchen und der Wolf . . . . . . . . . . . . 83
Schneeweißchen und Rosenrot . . . . . . . . . . . 89
Rumpelstilzchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Ausklang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
Es war einmal…
… so beginnen sie alle – die Märchen, von denen in diesem Büchlein noch die Rede sein wird. So beginnt
aber auch die Geschichte eines bescheidenen Poeten, der sein Lebtag hindurch Gedichte geschrieben hatte, voller Leidenschaft und innerer Freude. Groß war die Vielfalt seiner Themen: über Liebesfreud’ und -leid hatte er gedichtet, ebenso über weniger erhebende Lebenssituationen; er hat sich alltäglichen Begebenheiten gewidmet (weswegen er seine Gedichte auch oft gern als Alltags- oder Straßenlyrik bezeichnete), hatte seine Heimat, aber gleichermaßen auch fremde Gegenden und dort gemachte Erlebnisse, in Reime gefasst; er schrieb Gedichte für seine Kinder und Enkel und zu besonderen Anlässen auch für seine Familie im weitesten Sinne, sowie für Freunde und gute Bekannte; er bedichtete die Tierwelt in- und außerhalb des Zoos ebenso wie die Welt der Musik und auch den großen Kirchenfesten huldigte er jahrelang mit seinen Versen.
Je nachdem, auf welche Wange ihn die Muse küsste, sind in seiner „Reimschmiede“ neben den traditionellen schlichten Gedichten auch Balladen, Langgedichte, ja selbst Oden entstanden, daneben aber auch Limericks und Schüttelreime, die samt und sonders Zeugnis von seiner Freude am Umgang mit seiner Muttersprache ablegen.
Über all dem ist unser Poet alt geworden. Zwar sind ihm die Freude am Fabulieren und der Drang zum Schreiben nicht abhanden gekommen, aber mehr als sieben Jahrzehnte hinterlassen Spuren. Nicht nur am und im Körper. Auch die „innere Welt“ des Dichters verändert sich ebenso wie die uns umgebende Welt, deren Ereignisse unser Tun und auch unser geistiges
Potenzial mehr oder minder intensiv prägen.
Als ich spürte – denn längst ist der Leser dahinter gekommen, dass der Dichter, von dem bisher nur in anonymer Form die Rede war, ich selbst bin – dass mir die Themen für Gedichte nicht mehr so zufielen wie einst und dass ich unendlich lange nach Reimen suchen musste, die ich früher nur so aus dem Ärmel geschüttelt hatte – da wurde ich doch sehr, sehr nachdenklich. Denn es ist ärgerlich für einen, der gern etwas dichten möchte, aber glaubt, alle Themenkreise bereits ausgiebig genug bearbeitet zu haben. Oder der zu manch einem kein Mitspracherecht mehr besitzt. Die Zeit der Jugend und lodernden Liebe ist nun einmal vorbei – und wer schriebe beziehungsweise läse schon gern „Verse aus dem Altersheim“ ?
Solchen Gedanken nachhängend, stand ich eines Tages mit einer Mischung aus Verärgerung und Traurigkeit im Herzen in meiner kleinen Bibliothek, als plötzlich die Tür aufflog und Lilli, meine Ur-Enkelin, ins Zimmer stürmte.
Mit ihrer Bitte „Opa, liest du mir ein Märchen vor ?“ riss mich die aufgeweckte Fünfjährige aus meinen Grübeleien.
„Aber ja doch, meine Kleine.“
Und schon ließ ich meine Augen über die Regalfächer gleiten auf der Suche nach dem Märchenbuch, das es Lilli so angetan hatte.
Als ich es schließlich erspähte und in den Händen hielt, dieses über vierzig Jahre alte Buch – zwar etwas
abgegriffen, aber dennoch gut erhalten und reich bebildert –, da durchzuckte es mich plötzlich wie ein Blitz: Warum sollte ich denn Märchen immer nur als Prosa-Geschichten vorlesen ? Warum nicht auch mal als Gedichte ?
Die Idee war geboren – und ich war mir sicher, dass ich nicht der einzige sein würde, dem sie gefiel. Märchen werden immer ihre Leser finden, so lange es Opas und Omis gibt, die ihren Enkeln, so sie denn im entsprechenden Alter sind, etwas vorlesen müssen oder wollen. Da sind dann die Herren Grimm, Andersen oder Hauff gefragt. Deren Märchen sind, wie man weiß, in aller Herren Länder und in unterschiedlichsten Ausgaben erschienen. Wenn es eine Statistik gäbe (vielleicht gibt es sie ?), in der die Auflagenhöhe nach Branchen verzeichnet ist, dann möchte ich fast wetten, dass Märchen darin ganz oben stehen – gleich nach den Sach- und Unterhaltungsbüchern des Schachspiels.
Märchen sind nicht nur in der klassischen Buchform, sondern auch gezeichnet als Comics erschienen, viele wurden vertont, noch mehr verfilmt, und einige wenige dienten sogar als Vorlage für eine Oper. Warum aber – zum Kuckuck ! – ist noch niemand auf die Idee gekommen, aus den bekanntesten Märchen Gedichte zu machen, also Märchen-Gedichte zu schreiben ?
Diese Lücke gedachte ich auszufüllen. Von der Idee bis zur Ausführung war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Aber der war gar nicht so leicht zu gehen. Denn ich hatte mir zwar im Stillen vorgenommen, so um die zwanzig Märchen „umzudichten“, woraus aber, wie man sieht, nichts geworden ist. Es ist nämlich gar nicht so leicht, eine Prosageschichte von sechs bis acht Seiten so „umzuarbeiten“, dass das entstehende Gedicht einen vertretbar erträglichen Umfang nicht übersteigt. Selbst dem geübtesten Opa oder der geduldigsten
Omi ist nicht zuzumuten, ihren Enkeln Abend für Abend ein Gedicht vom Umfang der „Glocke“ zu Gehör zu bringen. Andererseits aber enthalten alle Märchen viele Details, die für das Verständnis der Handlung erforderlich sind. Beide Aspekte unter einen
Hut zu bringen, fiel dem Märchendichter oft nicht leicht.
Ähnlich verhält es sich mit Dingen, die in Märchen eine wichtige, im heutigen Leben aber überhaupt keine
Rolle mehr spielen. Beispiel: die Spule, mit der man spinnen kann. Was ist überhaupt spinnen ? Und wie geht das ? Wie sieht die Spule aus, die dazu gebraucht wird ? Und wieso kann man sich damit stechen ? So oder ähnlich könnten Fragen lauten, die ein Kind stellt, dem das Märchen von der Frau Holle vorgelesen wird, das aber im alltäglichen Leben ganz problemlos mit Smartphone und X-Box umgehen kann. Um mich aus diesem Dilemma herauszuwinden, fällt – um bei dem angesprochenen Beispiel zu bleiben – bei mir eben ein Ring in den Brunnen, statt der erklärungsbedürftigen Spule …Womit ich nur sagen will, dass es notwendig war, an den Märchen, die ja immerhin vor mehr als zweihundert Jahren aufgeschrieben wurden, gegebenenfalls ein wenig herumzufeilen und zu -biegen, um sie unserer Zeit halbwegs anzupassen. Deshalb ist es schließlich auch nur bei einem reichlichen Dutzend der Märchen-Adaptionen geblieben.
Ich kann nun nur hoffen, dass diese Balladen irgendwie einen Weg zu solchen Vätern und Müttern, Opas und Omis finden, die nicht nur selbst Interesse und Freude an der lyrischen Form der bekannten Märchen finden, sondern auch ihre Nachkommen dafür begeistern können.
Wenn also auf dem Umweg über „gedichtete Märchen“ das kindliche Interesse an dem ebenso breiten wie
schönen Feld der Lyrik geweckt bzw. erweitert würde, dann wäre das für den „Poeten der späten Generation“ tatsächlich ein märchenhaft schöner Lohn.
Chemnitz, im Februar 2015
Eberhard Figlarek
Das tapfere Schneiderlein
Es war einmal ein Schneider,
der saß auf seinem Tisch,
näht’ emsig Wams und Kleider
sehr fleißig Stich um Stich.
Die Marktfrau ging vorüber:
„Ich habe gutes Mus,
das möcht’ ich gern verkaufen.
He, Schneiderlein, willst du’s ?“
Sofort kaufte der Schneider
mehr als ein halbes Pfund,
strich es auf eine Scheibe Brot,
das, sagt er, sei gesund.
Jedoch auf dieses Musbrot
setzten sich sieben Fliegen.
Na warte, dacht’ der Schneider,
ich werde euch schon kriegen.
Er schlug mit seiner Elle
schnell auf das Mus, das weiche,
und tötete die Fliegen,
und zwar mit einem Streiche.
Er griff zu einem Gürtel
und stickte darauf gleich
die inhaltsschweren Worte:
„Sieben auf einen Streich.“
Er ging hinaus zum Tore
mit froh beschwingtem Schritt,
und nahm sich einen Käse
und einen Vogel mit.
Auf einen Bergkamm stieg er,
dort traf er einen Riesen,
dem hat mit Vogel und mit Käs’
er seine Kraft bewiesen.
Den Vogel warf er in die Luft,
er kam nicht mehr herunter.
Der Riese dacht’, es wär ein Stein,
und glaubte an ein Wunder.
Der Riese hat den zweiten Stein
zu feinem Staub zermahlen.
Der Schneider hat den Käs’ gepresst,
da spritzten Wasserstrahlen.
Es riß der Riese eine Linde
samt Wurzel aus der Erde raus.
Der Schneider lästerte: „Ich finde,
die kriegst du nimmermehr nach Haus.“
„Hilf mir den Baum zu tragen“,
der Riese rief im Zorn.
Der Schneider sprach: „Natürlich –
ich hinten und du vorn.“
Er setzte sich ganz locker
nach hinten ins Geäst,
da hat die Last den Riesen
tief in die Knie gepresst.
Er siegte, weil er schlau war,
der Riese aber dacht’:
Das ist doch gar nicht möglich,
was dieser Kerl da macht.
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