GROSSMUTTERS GESCHICHTENSCHLOSS
Wenn die Großmutter erzählt, zieht sie die Enkel nur zu leicht in ihren Bann. Bestürmt wird sie dann, muss erklären und wiederholen und neue Geschichten erfinden ... Einem Schloss mit einer üppig gefüllten Schatzkammer gleicht ihr Gedächtnis, und einige ihrer Schätze breitet sie in diesem Buch aus. Sechs wunderschön von der Autorin selbst bebilderte märchenhafte Erzählungen finden die Leser darin, und wer selbst Kinder oder Enkel hat, wird es nicht nur als Hilfe verwenden, um ihnen Spannung und Unterhaltung zu bieten, sondern sich gemeinsam mit ihnen an den zahlreichen liebevoll ausgeführten Illustrationen erfreuen können.
„Oma, bitte, erzählst du uns heute wieder eine Geschichte“, rufen meine drei Enkelkinder Konstantin, Maximilian und Julie meistens sofort, wenn ich zu Besuch komme. Sie ziehen mich zum Sofa und setzen sich auf meinem Schoß bequem zurecht.
„Und worüber wollt ihr heute eine Geschichte hören?“, frage ich.
Ihr müsst nämlich wissen, dass ich immer über die Dinge erzähle, über die Konki, Maxi und Julie hören wollen.
„Erzähle die Geschichte von der Prinzessin und Peter Petersil noch einmal“, bettelt Julie.
„Nein, nicht die“, meldet sich sofort Maxi zu Wort. „Ich will die Geschichte von der Schönheitskonkurrenz der Tiere hören, erzähle uns die, bitte!“
„Ich höre aber am liebsten die Geschichte von der Hexe, die eigentlich keine war“, lässt sich Konki lautstark vernehmen.
Ich möchte lieber eine neue Geschichte erfinden, denn ich erinnere mich so schlecht an alte Geschichten,
weil ich sie mir immer erst ausdenke, wenn ich sie erzähle.
„Was ist mit einer ganz neuen Geschichte?“, frage ich vorsichtig.
Ein dreistimmiges „Nein!“ ist die Antwort. So einig sind sich die Geschwister nicht oft.
„Na gut“, gebe ich mich geschlagen. „Dann müsst ihr euch aber einigen, welche der drei Geschichten ich erzählen soll.“
„Weißt du was, Oma, erzähle einfach alle drei“, schlägt Konki vor und findet den Beifall der beiden anderen.
Ich beginne also mit der Geschichte, aber schon nach einigen Sätzen sagt Konki vorwurfsvoll: „Aber das letzte Mal hast du es anders erzählt.“ Und er verbessert meinen Gedächtnisfehler.
Dann darf ich weiter erzählen. Schon nach einigen weiteren Sätzen schreit Maxi: „Das stimmt ja schon wieder nicht!“, und er setzt die Geschichte fort. Zuletzt muss auch noch Julie einen Erzählfehler verbessern.
„Das ist leider schon wieder falsch, Oma, wieso merkst du dir deine eigenen Geschichten nicht?“, fragt sie verwundert und schüttelt ihren Kopf so energisch, dass die Schöpfchen fliegen.
„Oma, schau, wenn du dir die Geschichten nicht merkst, dann schreib sie doch auf“, meint der praktische Konki.
Ja, und das habe ich dann auch getan. Nun müssen meine Enkelkinder nicht mehr warten, bis ich zu Besuch komme, um meine Geschichten zu hören. Jetzt kann auch ihre Mutti die Geschichten vorlesen, und Konki, der gerade in die erste Klasse geht, wird sie bald selbst lesen können.
Ich hoffe, euch gefallen die Geschichten ebenso gut wie Konki, Maxi und Julie.
Der Garten der Prinzessin
Es war einmal eine hübsche, kleine Prinzessin, die in einem großen, prächtigen Schloss wohnte, das von einem wunderschönen, riesigen Schlossgarten umgeben war. Die Prinzessin liebte den Garten und ging jeden Tag und bei jedem Wetter in der herrlichen Anlage in Begleitung ihrer Kinderfrau spazieren. Und ihre Begleiterin musste mit ihr Verstecken und Fangen spielen.
Lili, so hieß die kleine Prinzessin, lauschte gern dem Zwitschern der Vögel auf den Bäumen, roch an den duftenden Blumen und fütterte die Enten, die auf dem Schlossteich schwammen.
Oft legte sie sich auch ins Gras und betrachtete die vielen, kleinen Tierchen wie Ameisen, Heupferdchen, Raupen, Schmetterlinge, Käfer und was sonst noch herumkrabbelte. Manchmal riss sie einen langen Grashalm ab und kitzelte damit ihre Kinderfrau an der Nase, sodass diese heftig niesen musste. Das gefiel der kleinen Prinzessin besonders. Dann hörte man ihr fröhliches Lachen bis ins Schloss.
Eines Tages jedoch passierte etwas, das den Garten sehr verändern sollte. Es war zur Zeit, als die Rosen im Rosengarten wunderschön blühten. Lili brach eine davon ab. Da aber Rosen bekanntlich Stacheln haben, was die Prinzessin ganz vergessen hatte, stach sie sich ordentlich in den Finger und begann zu bluten. Erschrocken warf sie die Rose auf den Gartenweg.
Aber nicht nur die Prinzessin war erschrocken, auch eine Biene, die gerade in der Rosenblüte Nektar gesammelt hatte. Sie flog ganz verwirrt hoch, traf auf die Nase der Kinderfrau, die sich gerade zur weinenden Prinzessin gebückt hatte und stach zu.
„Au!“, schrie die Kinderfrau und fasste an ihre Nase, die langsam anschwoll und rot wurde wie eine Tomate.
Rasch packte sie die Prinzessin unter ihren Arm und rannte zum nahen Schlossteich, um das Blut von Lilis Finger zu waschen und ihre eigene Nase zu kühlen. Sie beugte sich weit hinunter zum Wasser, aber weil die kleine Prinzessin so zappelte, verlor die Kinderfrau das Gleichgewicht und purzelte mitsamt der Prinzessin
in den Teich. Zum Glück war der nicht sehr tief. Drei Goldfische, die gerade Fangen gespielt hatten, wurden jedoch mit einem Wasserstrahl hoch in die Luft geschleudert, sodass sie aussahen, als wären sie fliegende Fische.
Leider hatte nur einer der drei das Glück, zurück in den Teich zu fallen. Der zweite landete im offenen Mund der Prinzessin, die ihn ungewollt verschluckte,
und der dritte fiel ins Gras neben dem Teich, wo ihn die Katze als willkommenes Futter verspeiste.
Durch das Schreien der Prinzessin und die Hilferufe der Kinderfrau alarmiert, rannten die Hofdamen und der Haushofmeister in den Garten, um zu sehen, was es gäbe. Als sie die brüllende Prinzessin und die Kinderfrau mit der vom Bienenstich großen, roten Clownnase im Schlossteich sitzend fanden, begannen alle hellauf zu lachen.
„Was gibt es da zu lachen?“, fauchte die Kinderfrau giftig. „Seht lieber zu, dass ihr der Prinzessin und mir aus dem Schlamassel helft, wir sind schon klitschnass!“
„Sehr wohl, sehr wohl“, sagte der Haushofmeister und trippelte mit winzigen Schritten zum Rand des Teiches.
„So wird er aber nicht helfen können, er ist ja viel zu weit weg!“, rief die Kinderfrau ungeduldig. Der Haushofmeister wollte aber seine neuen Seidenschuhe nicht nass und schmutzig machen und beugte sich daher weit über den Rand des Teiches, um die ausgestreckte Hand der noch immer weinenden Prinzessin zu fassen. Gerade als er sie packen wollte, verlor er das Gleichgewicht und purzelte kopfüber in den Teich.
Das war vielleicht ein schallendes Gelächter, als der unbeliebte, eitle und hochnäsige Haushofmeister im Wasser lag. Sogar die Prinzessin vergaß das Weinen und lachte von ganzem Herzen.
Nun aber ertönte plötzlich ein entsetztes Kreischen. Was war passiert?
Die Wildenten, die um den Teich herumwatschelten, flatterten ängstlich und blindlings hoch, als der Haushofmeister seinen Purzelbaum in das Wasser machte. Dabei hatten sie sich in den hohen Perücken der Hofdamen verfangen. Diese wiederum kreischten auf und begannen, wild um sich zu schlagen, um die Enten zu verjagen. Die Tiere verhedderten sich dadurch nur noch mehr und schnatterten ohrenbetäubend laut.
Als der königliche Jagdaufseher die Aufregung der Wildenten bemerkte, packte er sein Gewehr und rannte zum Teich.
„Lasst die Wildenten in Ruhe!“, rief er. Aber als er beim Teich angelangt war und die Hofdamen mit ihrem
ungewöhnlichen Kopfschmuck herumtanzen sah, lachte er so heftig, dass er seinen dicken Bauch halten musste, weil der so wackelte. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, gab er einige Schüsse in die Luft ab, um die Enten zum Wegfliegen zu veranlassen.
Leider traf er dabei einen Wetterballon, der gerade über den königlichen Schlossgarten fuhr. Erst vernahm man ein lautes ZZZZZZZZZZZZZZZZZZZZZZZZ und dann segelte der Ballon langsam zu Boden, wo er ausgerechnet die Hofdamen mitsamt den Wildenten zudeckte.
Als der König und die Königin den Lärm im Garten hörten, klingelten sie nach dem Haushofmeister. Da der nicht kam, weil er ja pitschnass im Schlossteich saß, versuchten sie die Hofdamen zu rufen, aber auch die waren nicht auffindbar. Also machten sich der König und die Königin selbst auf den Weg, um nachzusehen, was geschehen war.
Als die Königin die ganze Bescherung beim Schlossteich überblickt hatte, stammelte sie aufgeregt:
„Ach du liebe Zeit, das ist vielleicht ein Tohuwabohu! Es ist doch nicht etwa Freitag der Dreizehnte, oder?“ Die Königin war nämlich sehr abergläubisch. Und kaum hatte sie das gesagt, fiel sie auch schon in Ohnmacht. Hätte der König sie nicht schnell aufgefangen, wer weiß, vielleicht wäre sie ebenfalls noch in den Schlossteich gefallen.
Damit die Prinzessin sich nie wieder an einer Rose stechen könnte, um ein solches Durcheinander und die Ohnmacht der Königin auszulösen, ließ der König alles im Garten künstlich herrichten. Es gab künstliche Bäume, die auf künstlichem Rasen standen und künstliche Blumen, die in künstlicher Erde steckten, sogar Tierautomaten. Das Wasser des Schlossteiches wurde durch eine unzerbrechliche Glasplatte ersetzt.
Da die künstlichen Blumen auch duften sollten, musste der Gärtner täglich mit einer großen Spritze jede Blume mit ihrem Duftparfüm besprühen. Die Rosen mit Rosenduft, die Lilien mit Lilienduft, Veilchen mit Veilchenduft und so fort. Dabei musste er sehr genau aufpassen, dass er nicht das falsche Parfüm erwischte.
Dann hätten womöglich die Rosen nach Veilchen und die Veilchen nach Lilien gerochen.
Die Tiere mussten immer wieder mit einem Schlüssel aufgezogen werden, wie alte Standuhren, und das war viel Arbeit für den königlichen Uhrmacher.
Es dauerte nicht lange und der kunstvolle Garten wurde so berühmt, dass tausende und abertausende Menschen ihn sehen wollten. Sie kamen aus allen Erdteilen. Da der König ohnehin immer Geld brauchte, ließ er seinen Garten öffnen, aber er verlangte ganz ordentliche Eintrittsgelder.
Der Prinzessin gefiel der künstliche Garten anfangs sehr gut. Sie konnte Blumen aus der künstlichen Erde ziehen, ohne sich dabei zu stechen. Wenn sie ihr nicht mehr gefielen, so steckte sie sie einfach wieder hinein.
Sie freute sich an den künstlichen Tieren, die man viel genauer betrachten konnte als die natürlichen, weil sie ja immer am gleichen Ort blieben. Außerdem bewies sie großen Eifer, dem Uhrmacher zu helfen, die stehengebliebenen Automaten einzusammeln. In seiner Werkstatt unterstützte sie ihn beim Aufziehen.
Bald aber wurde es sehr langweilig. Die Tiere machten immer dieselben Bewegungen, die Vögel sangen immer dieselbe Melodie und die Schwäne und Wildenten, die auf dem Glasteich auf Schienen ihre Runden zogen, konnte man nicht füttern. Kein Frosch quakte auf den künstlichen Seerosenblättern.
Die Blumen sahen immer gleich aus. Man konnte niemals eine Knospe beim Öffnen beobachten und abends, bei Sonnenuntergang, schlossen sie sich nicht wie die natürlichen Blumen.
Was Lili jedoch erst recht zu stören begann, waren die Menschenmassen, die sich durch den Garten schoben. Nie mehr konnte sie mit ihrer Kinderfrau allein im Garten spielen.
Eines Tages bemerkte Lili einen richtigen, lebendigen Frosch, der auf einem der künstlichen Seerosenblätter saß. Er versuchte ins Wasser zu springen, aber da das ja nur Glas war, schlug er sich seinen Kopf ordentlich an und blieb betäubt liegen. Der Prinzessin tat der kleine Grünrock so leid, dass sie ihn vorsichtig aufhob und zum Gartentor trug, damit er in die Natur hüpfen konnte.
Ab und zu verirrten sich Vögel in den Garten, aber sie verließen ihn sofort wieder, wenn sie bemerkten, dass es hier keine Käfer und Würmchen für sie zu fressen gab. Schmetterlinge besuchten auch manchmal die wunderbar duftenden Blumen, aber sie konnten ihren Rüssel in den Kelch stecken, so tief sie wollten ‒ sie konnten keinen Nektar aus den Blüten saugen.
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