Andreas H. Buchwald
WO DAS GRAS GRÜNER IST
Lockruf des Westens
Eine ironische Entdeckungsreise in drei Expeditionen. Sie beginnt im Jahr 1988, als der unbedarfte Leipziger Peter Grünaug zum ersten Mal per Bahn nach dem Westen fährt und dort in Situationen gerät, für die er nur schwer eine Erklärung findet. 1989 und 1991 setzt er seine Entdeckungen fort und erschließt bislang unbekanntes Land. Mit dieser zeitgeschichtlich-hintersinnigen Novelle um das Zusammenprallen zwischen Ost und West beschreibt der Autor persönliche Eindrücke aus ersten Begegnungen mit der überwältigenden Glitzerwelt des Wirtschaftswunder-Deutschlands.
ISBN 978-3-949143-32-6, 112 S.
WO DAS GRAS GRÜNER IST
Lockruf des Westens
Eine ironische Entdeckungsreise in drei Expeditionen. Sie beginnt im Jahr 1988, als der unbedarfte Leipziger Peter Grünaug zum ersten Mal per Bahn nach dem Westen fährt und dort in Situationen gerät, für die er nur schwer eine Erklärung findet. 1989 und 1991 setzt er seine Entdeckungen fort und erschließt bislang unbekanntes Land. Mit dieser zeitgeschichtlich-hintersinnigen Novelle um das Zusammenprallen zwischen Ost und West beschreibt der Autor persönliche Eindrücke aus ersten Begegnungen mit der überwältigenden Glitzerwelt des Wirtschaftswunder-Deutschlands.
ISBN 978-3-949143-32-6, 112 S.
Im Westen ist das Gras grüner
und die Hühner legen besser.
Behauptung meines Nachbarn
Erste Expedition
Peter Grünaug tat etwas, wovon er nie zuvor zu träumen gewagt hatte: Er reiste nach dem WESTEN. Im blühenden Alter von einunddreißig Jahren und mit schlotternden Knien. Das erste Mal war ebenso spannend wie beängstigend.
Sie hatten seinen nunmehr dritten Antrag genehmigt. Warum erst diesen, wusste der Teufel. Gott war den Beamten des Pass- und Meldewesens allzu fern. Im Dunkeln wollten sie munkeln, sie genossen es, im staubigen Grau ihrer Schreibstuben zu herrschen, bange Menschen in kahl-dumpfen Warteräumen auf harten Sitzen schmoren zu lassen, bis sie schließlich dem einen das Symbol ihrer Gnade – das begehrte, blauglänzende Heftchen – überreichten und dem anderen nicht.
Das alles hatte Peter überstanden. Nun saß er im Zug nach Köln über Hannover und Oebisfelde, der sich ausgiebig zäh über den holprigen Schienenstrang bewegte und in den „Drecknestern“ Dessau und Magdeburg viel zu lange hielt. Die Deutsche Reichsbahn: Legende und Folterinstrument, dem eingezäunten Staat und dessen Fortschrittstempo verpflichtet und gleichzeitig Heimstatt und Plattform der Querdenker und Gestrandeten, der Trinker, Philosophen, Schürzenjäger und Lebenskünstler, von den braven Mitbürgern ganz zu schweigen. Jeder Aufenthalt in ihren Waggons konnte zu einem unvergesslichen Erlebnis werden und jede Reisebekanntschaft zu einer Offenbarung.
Wenn einer sich aber auf den Weg in das Land der aprilfrischen Weichspüler und unfehlbaren Kopfschmerztabletten begeben hatte, war alles anders. Da zog er einen Strich unter das Leben diesseits und wartete ungeduldig auf den Beginn des Lebens jenseits. Der Grenze. Der magischen Linie. Der letzten Hürde.
In Peters Gedärmen rumorte es. Er fühlte so etwas wie Hunger, war aber außerstande, auch nur einen einzigen Bissen zu verdauen. Dabei hatte er bereits auf das Frühstück verzichtet und sich von Andrea, seiner treusorgenden Liebsten ein Schnittenpaket nebst zwei Äpfeln zustecken lassen müssen. Sie und die Kinder blieben in Leipzig zurück, sie waren die Geiseln, mit denen die misstrauischen Beamten seine Rückkehr zu erpressen hofften. Zehn Tage außerhalb des Zaunes waren dazu angetan, einen Menschen erheblich zu verändern, und Verluste konnte sich die mangelreiche Planwirtschaftsrepublik nicht leisten, schon gar nicht, was die Anzahl ihrer Untertanen betraf.
Peters Leseversuche schlugen fehl. Dabei liebte er Bücher, und für die Reise hatte er sinnigerweise Agaguk eingesteckt, den Eskimo-Roman des Kanadiers Yves Thériault, die Beschreibung einer fremden, vielleicht unzugänglichen Welt. Nun lag das kleine Reclam-Bändchen auf der schmalen Tischplatte unter dem schmutzstarrenden Waggonfenster und er rührte es nicht mehr an, nachdem er gemerkt hatte, dass die gedruckten Wörter sich nicht öffneten. Er konnte nichts tun, gar nichts. Nur warten. Mit klopfendem Herzen, unruhigen Händen und krampfendem Bauch.
Das Wunder war geschehen. Die Grenzstation Oebisfelde lag hinter ihm. Der Zug fuhr über freies Land. Unversehens rollte er leicht dahin, kein Rumpeln, kein Rattern, nichts. Peter hatte die Fensterklappe geöffnet, war aufgestanden und sog die Luft tief ein.
Sie roch unbekannt, leicht und ein wenig wie die Westpakete, die gewöhnlich den Grünaugschen Weihnachtstisch bereicherten.
Er hatte den Stacheldraht gesehen, die Wachttürme, die verbissenen Gesichter der Zollbeamten, die es ihm offensichtlich neideten, dass er in die Freiheit unterwegs war. Die Gefängniswärter hatten ihm nichts mehr anhaben können, nun, da er dieses blaue Heftchen besaß, das ihm gewissermaßen Zauberkraft verlieh.
Seine Hände zitterten heftiger, während das Herzklopfen abflaute. Er setzte sich wieder, zog einen Apfel aus dem Proviantbeutel und begann, langsam kauend zu essen.
Bis Hannover war es nicht mehr weit. Am Rande der niedersächsischen Metropole lebte Jupp, der Cousin, und verdiente viel Geld als geschäftsführender Teilhaber eines Autohauses. Den wollte Peter zuerst besuchen, bevor er sich zu seiner Tante aufmachte, um deren fünfundsechzigsten Geburtstag zu feiern, das Ereignis, das ihm zu dieser Reise verholfen hatte. In seinem Zweitportmonee steckten fünfzehn DeeMark und in seinem Kopf mindestens ebenso viele unausgegorene Pläne. Bereits am ersten Ankunftsort durfte er sich weitere einhundert DeeMark Begrüßungsgeld abholen, vom Gemeinde- oder irgendeinem Amt; der Cousin würde es schon wissen. Die reichen Bundesrepublikaner meinten es gut mit ihren verarmten „Brüdern und Schwestern“ im Osten.
Selbst das Waggonfenster erschien ihm nun sauberer, es war, als könne man die Einzelheiten draußen deutlicher erkennen. Vorsichtig erstand eine farbenfrohe Welt, im zögernden Frühling des Jahres Neunzehnhundertachtundachtzig.
Hannover Hauptbahnhof! Die Strecke von der Grenze bis hierher hatte der Zug in Windeseile zurückgelegt. Benommen drängte sich Peter hinaus auf den Bahnsteig, inmitten einer Menschenmenge, die vor erwartungsvoller Spannung und Ungeduld schier zu platzen schien. Durch den Lautsprecher erklang die Stimme einer Ansagerin, die die Reisenden aus dem Osten willkommen hieß. Ein freundlicher, warmer Ton!
Ich bin im Westen!, hämmerte es in den Adern des Einunddreißigjährigen. Ich bin im Westen, ich bin in der Freiheit!
Es war unglaublich, vielleicht nicht einmal wirklich. Je mehr die Menge sich zerstreute, desto greller schrien die Farben. Sie griffen nach ihm, versuchten sich in ihm festzusetzen, in seinem Kopf, in seinem Bauch, überall. Die Werbeplakate, die Schaufenster, die Kleidungsstücke der Umherhastenden! Es strahlte und glitzerte, funkelte und gleißte.
Die Grau gewohnten, matten Augen Peters mussten sich immer wieder für Sekunden schließen, um ertragen zu können, was sie bewältigen sollten. Wie ein Schlafwandler tappte er umher und fand die Informationstafel der Straßenbahnlinien nicht.
Auch die Gerüche machten ihm zu schaffen. Frauen, die ihn im Vorübergehen streiften und nach den exotischsten Parfums dufteten. Gabriela Sabatini, schoss es durch den Kopf des gierig Schnüffelnden, oder war es das von Priscilla Presley, wie hieß es gleich? (Da es noch kein Riechfernsehen gab, konnte man es nicht wissen.)
Bäckerläden und Imbissstände fügten ihre Aromen hinzu. Eines der köstlichen Kuchenangebote betrachtete er länger und trat näher, so dass er die Preisschilder erkennen konnte. Diese erschütterten ihn tief. Wie konnte es sein, dass ein einzelnes Stück Mohnkuchen eine Mark dreißig kostete? Wie lebten die Leute hier, wer leistete sich das?
Seufzend besann er sich auf Andreas Schnittenpaket und hielt Ausschau nach einer Bank. Nun vertrug sein Magen wieder so einiges. Den Cousin wollte er aus einer Zelle anrufen, sobald er den kostbaren Fünf-DeeMark-Schein in Münzgeld eingewechselt hatte.
Nur die Bahnsteige boten Sitzgelegenheiten, die man nutzen durfte, ohne von Kellnern belästigt zu werden. Peter bog zum nächstbesten ein, entdeckte schnell eine freie Bank und machte es sich bequem. In seinem Kopf wirbelte es, als hätte er wenigstens eine halbe Flasche Wein geleert.
Indem seine Zähne mit Salami belegtes Butterbrot malmten, drehte sich die Welt um ihn langsamer und kam allmählich zum Stillstand. Sogar einzelne Geräusche konnte er nun unterscheiden, wo ihn bislang nur Bahnhofslärmgewirr umtost hatte. Der Intercity aus Bremen war soeben angekommen, erfuhr er aus den Lautsprechern; und ein löwenmähniger Brillenträger in ausgebleichten Jeans saß auf dem blanken Bodenpflaster, traktierte Gitarre und Mundharmonika und versuchte sich am Subterranean Homesick Blues. Gelegentlich fiel eine Münze in den breitkrempigen Hut, den der Barde als Sammelgefäß bereitgestellt hatte, und der Beobachter fragte sich, wieviel einer auf diese Weise im Laufe einer Stunde verdienen mochte.
„Hast du mal ’ne Mark, Kumpel? Ich habe heut’ noch nix gegessen?“, flüsterte es heiser in Peters Ohr.
Eine ausgemergelte Erscheinung hatte sich neben ihm niedergelassen, ein dürrer Mensch in fleckig-schwarzer Lederjacke und zerlöcherter, nicht minder schwarzer Stoffhose. Wilde Büschel schulterlanger Haare standen hart nach allen Seiten ab und umrahmten ein fahles, hohläugiges Gesicht.
„Ich bin die falsche Adresse für so was“, wagte Peter einzuwenden, der sein Erschrecken kaum verbergen konnte. „Ich hab bloß fünfzehn Mark und die hab ich noch nicht kleingemacht. Ich bin doch aus dem Osten, gerade frisch angekommen.“
„Ich hab noch nix gegessen“, wiederholte der Fahle stereotyp, als habe er kein Wort verstanden. „Bloß ’ne Mark, Kumpel, bitte!“
Die halb erloschene Stimme klang jämmerlich. Peter nestelte an seinem Portemonnaie.
„Ich müsste erst mal wechseln“, murmelte er zaghaft. Dann gab er sich einen Ruck, zog den Fünf-DeeMark-Schein heraus und drückte ihn dem Bedürftigen in die Hand.
„Ich hab nicht viel Westgeld, das ist das Problem“, sagte er entschuldigend.
„Danke, Kumpel, du bist ein guter Mensch.“ Die Augen des Fahlen blickten an denen des Spenders vorbei und er stand auf. „Du hast mich gerettet.“
Wovor, blieb ein Geheimnis. Der dürre Bettler entfernte sich bereits. Mit seltsam wankenden Schritten wie ein dem Grabe entstiegenes Gespenst.
„Wenn du so weitermachst, bist du nach der nächsten halben Stunde pleite“, stellte ein bärtiger Mann mit breiten Schultern fest, der sich urplötzlich vor ihm aufpflanzte. Jupp Stengelmann, dreiunddreißig Jahre alt, leitender Angestellter, glücklich verheiratet und Vater zweier Töchter. Der Cousin.
und die Hühner legen besser.
Behauptung meines Nachbarn
Erste Expedition
Peter Grünaug tat etwas, wovon er nie zuvor zu träumen gewagt hatte: Er reiste nach dem WESTEN. Im blühenden Alter von einunddreißig Jahren und mit schlotternden Knien. Das erste Mal war ebenso spannend wie beängstigend.
Sie hatten seinen nunmehr dritten Antrag genehmigt. Warum erst diesen, wusste der Teufel. Gott war den Beamten des Pass- und Meldewesens allzu fern. Im Dunkeln wollten sie munkeln, sie genossen es, im staubigen Grau ihrer Schreibstuben zu herrschen, bange Menschen in kahl-dumpfen Warteräumen auf harten Sitzen schmoren zu lassen, bis sie schließlich dem einen das Symbol ihrer Gnade – das begehrte, blauglänzende Heftchen – überreichten und dem anderen nicht.
Das alles hatte Peter überstanden. Nun saß er im Zug nach Köln über Hannover und Oebisfelde, der sich ausgiebig zäh über den holprigen Schienenstrang bewegte und in den „Drecknestern“ Dessau und Magdeburg viel zu lange hielt. Die Deutsche Reichsbahn: Legende und Folterinstrument, dem eingezäunten Staat und dessen Fortschrittstempo verpflichtet und gleichzeitig Heimstatt und Plattform der Querdenker und Gestrandeten, der Trinker, Philosophen, Schürzenjäger und Lebenskünstler, von den braven Mitbürgern ganz zu schweigen. Jeder Aufenthalt in ihren Waggons konnte zu einem unvergesslichen Erlebnis werden und jede Reisebekanntschaft zu einer Offenbarung.
Wenn einer sich aber auf den Weg in das Land der aprilfrischen Weichspüler und unfehlbaren Kopfschmerztabletten begeben hatte, war alles anders. Da zog er einen Strich unter das Leben diesseits und wartete ungeduldig auf den Beginn des Lebens jenseits. Der Grenze. Der magischen Linie. Der letzten Hürde.
In Peters Gedärmen rumorte es. Er fühlte so etwas wie Hunger, war aber außerstande, auch nur einen einzigen Bissen zu verdauen. Dabei hatte er bereits auf das Frühstück verzichtet und sich von Andrea, seiner treusorgenden Liebsten ein Schnittenpaket nebst zwei Äpfeln zustecken lassen müssen. Sie und die Kinder blieben in Leipzig zurück, sie waren die Geiseln, mit denen die misstrauischen Beamten seine Rückkehr zu erpressen hofften. Zehn Tage außerhalb des Zaunes waren dazu angetan, einen Menschen erheblich zu verändern, und Verluste konnte sich die mangelreiche Planwirtschaftsrepublik nicht leisten, schon gar nicht, was die Anzahl ihrer Untertanen betraf.
Peters Leseversuche schlugen fehl. Dabei liebte er Bücher, und für die Reise hatte er sinnigerweise Agaguk eingesteckt, den Eskimo-Roman des Kanadiers Yves Thériault, die Beschreibung einer fremden, vielleicht unzugänglichen Welt. Nun lag das kleine Reclam-Bändchen auf der schmalen Tischplatte unter dem schmutzstarrenden Waggonfenster und er rührte es nicht mehr an, nachdem er gemerkt hatte, dass die gedruckten Wörter sich nicht öffneten. Er konnte nichts tun, gar nichts. Nur warten. Mit klopfendem Herzen, unruhigen Händen und krampfendem Bauch.
Das Wunder war geschehen. Die Grenzstation Oebisfelde lag hinter ihm. Der Zug fuhr über freies Land. Unversehens rollte er leicht dahin, kein Rumpeln, kein Rattern, nichts. Peter hatte die Fensterklappe geöffnet, war aufgestanden und sog die Luft tief ein.
Sie roch unbekannt, leicht und ein wenig wie die Westpakete, die gewöhnlich den Grünaugschen Weihnachtstisch bereicherten.
Er hatte den Stacheldraht gesehen, die Wachttürme, die verbissenen Gesichter der Zollbeamten, die es ihm offensichtlich neideten, dass er in die Freiheit unterwegs war. Die Gefängniswärter hatten ihm nichts mehr anhaben können, nun, da er dieses blaue Heftchen besaß, das ihm gewissermaßen Zauberkraft verlieh.
Seine Hände zitterten heftiger, während das Herzklopfen abflaute. Er setzte sich wieder, zog einen Apfel aus dem Proviantbeutel und begann, langsam kauend zu essen.
Bis Hannover war es nicht mehr weit. Am Rande der niedersächsischen Metropole lebte Jupp, der Cousin, und verdiente viel Geld als geschäftsführender Teilhaber eines Autohauses. Den wollte Peter zuerst besuchen, bevor er sich zu seiner Tante aufmachte, um deren fünfundsechzigsten Geburtstag zu feiern, das Ereignis, das ihm zu dieser Reise verholfen hatte. In seinem Zweitportmonee steckten fünfzehn DeeMark und in seinem Kopf mindestens ebenso viele unausgegorene Pläne. Bereits am ersten Ankunftsort durfte er sich weitere einhundert DeeMark Begrüßungsgeld abholen, vom Gemeinde- oder irgendeinem Amt; der Cousin würde es schon wissen. Die reichen Bundesrepublikaner meinten es gut mit ihren verarmten „Brüdern und Schwestern“ im Osten.
Selbst das Waggonfenster erschien ihm nun sauberer, es war, als könne man die Einzelheiten draußen deutlicher erkennen. Vorsichtig erstand eine farbenfrohe Welt, im zögernden Frühling des Jahres Neunzehnhundertachtundachtzig.
Hannover Hauptbahnhof! Die Strecke von der Grenze bis hierher hatte der Zug in Windeseile zurückgelegt. Benommen drängte sich Peter hinaus auf den Bahnsteig, inmitten einer Menschenmenge, die vor erwartungsvoller Spannung und Ungeduld schier zu platzen schien. Durch den Lautsprecher erklang die Stimme einer Ansagerin, die die Reisenden aus dem Osten willkommen hieß. Ein freundlicher, warmer Ton!
Ich bin im Westen!, hämmerte es in den Adern des Einunddreißigjährigen. Ich bin im Westen, ich bin in der Freiheit!
Es war unglaublich, vielleicht nicht einmal wirklich. Je mehr die Menge sich zerstreute, desto greller schrien die Farben. Sie griffen nach ihm, versuchten sich in ihm festzusetzen, in seinem Kopf, in seinem Bauch, überall. Die Werbeplakate, die Schaufenster, die Kleidungsstücke der Umherhastenden! Es strahlte und glitzerte, funkelte und gleißte.
Die Grau gewohnten, matten Augen Peters mussten sich immer wieder für Sekunden schließen, um ertragen zu können, was sie bewältigen sollten. Wie ein Schlafwandler tappte er umher und fand die Informationstafel der Straßenbahnlinien nicht.
Auch die Gerüche machten ihm zu schaffen. Frauen, die ihn im Vorübergehen streiften und nach den exotischsten Parfums dufteten. Gabriela Sabatini, schoss es durch den Kopf des gierig Schnüffelnden, oder war es das von Priscilla Presley, wie hieß es gleich? (Da es noch kein Riechfernsehen gab, konnte man es nicht wissen.)
Bäckerläden und Imbissstände fügten ihre Aromen hinzu. Eines der köstlichen Kuchenangebote betrachtete er länger und trat näher, so dass er die Preisschilder erkennen konnte. Diese erschütterten ihn tief. Wie konnte es sein, dass ein einzelnes Stück Mohnkuchen eine Mark dreißig kostete? Wie lebten die Leute hier, wer leistete sich das?
Seufzend besann er sich auf Andreas Schnittenpaket und hielt Ausschau nach einer Bank. Nun vertrug sein Magen wieder so einiges. Den Cousin wollte er aus einer Zelle anrufen, sobald er den kostbaren Fünf-DeeMark-Schein in Münzgeld eingewechselt hatte.
Nur die Bahnsteige boten Sitzgelegenheiten, die man nutzen durfte, ohne von Kellnern belästigt zu werden. Peter bog zum nächstbesten ein, entdeckte schnell eine freie Bank und machte es sich bequem. In seinem Kopf wirbelte es, als hätte er wenigstens eine halbe Flasche Wein geleert.
Indem seine Zähne mit Salami belegtes Butterbrot malmten, drehte sich die Welt um ihn langsamer und kam allmählich zum Stillstand. Sogar einzelne Geräusche konnte er nun unterscheiden, wo ihn bislang nur Bahnhofslärmgewirr umtost hatte. Der Intercity aus Bremen war soeben angekommen, erfuhr er aus den Lautsprechern; und ein löwenmähniger Brillenträger in ausgebleichten Jeans saß auf dem blanken Bodenpflaster, traktierte Gitarre und Mundharmonika und versuchte sich am Subterranean Homesick Blues. Gelegentlich fiel eine Münze in den breitkrempigen Hut, den der Barde als Sammelgefäß bereitgestellt hatte, und der Beobachter fragte sich, wieviel einer auf diese Weise im Laufe einer Stunde verdienen mochte.
„Hast du mal ’ne Mark, Kumpel? Ich habe heut’ noch nix gegessen?“, flüsterte es heiser in Peters Ohr.
Eine ausgemergelte Erscheinung hatte sich neben ihm niedergelassen, ein dürrer Mensch in fleckig-schwarzer Lederjacke und zerlöcherter, nicht minder schwarzer Stoffhose. Wilde Büschel schulterlanger Haare standen hart nach allen Seiten ab und umrahmten ein fahles, hohläugiges Gesicht.
„Ich bin die falsche Adresse für so was“, wagte Peter einzuwenden, der sein Erschrecken kaum verbergen konnte. „Ich hab bloß fünfzehn Mark und die hab ich noch nicht kleingemacht. Ich bin doch aus dem Osten, gerade frisch angekommen.“
„Ich hab noch nix gegessen“, wiederholte der Fahle stereotyp, als habe er kein Wort verstanden. „Bloß ’ne Mark, Kumpel, bitte!“
Die halb erloschene Stimme klang jämmerlich. Peter nestelte an seinem Portemonnaie.
„Ich müsste erst mal wechseln“, murmelte er zaghaft. Dann gab er sich einen Ruck, zog den Fünf-DeeMark-Schein heraus und drückte ihn dem Bedürftigen in die Hand.
„Ich hab nicht viel Westgeld, das ist das Problem“, sagte er entschuldigend.
„Danke, Kumpel, du bist ein guter Mensch.“ Die Augen des Fahlen blickten an denen des Spenders vorbei und er stand auf. „Du hast mich gerettet.“
Wovor, blieb ein Geheimnis. Der dürre Bettler entfernte sich bereits. Mit seltsam wankenden Schritten wie ein dem Grabe entstiegenes Gespenst.
„Wenn du so weitermachst, bist du nach der nächsten halben Stunde pleite“, stellte ein bärtiger Mann mit breiten Schultern fest, der sich urplötzlich vor ihm aufpflanzte. Jupp Stengelmann, dreiunddreißig Jahre alt, leitender Angestellter, glücklich verheiratet und Vater zweier Töchter. Der Cousin.
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