Es war einmal ein Zwölfchen, das wäre so gerne ein Elfchen gewesen. Wenn die Elfchen ihre leichten, luftigen
Tänze auf den taufeuchten Mondscheinauen tanzten, saß das Zwölfchen traurig am Rand auf einem herabgefallenen Buchenblatt. Das Zwölfchen war zu schwer, um mühelos in der süßen Nachtluft zu schweben, zu langsam, um bei den wirbelnden Tänzen mithalten zu können und zu ernst, um sich sorgenlos im Mondlicht zu vergnügen. Beim Versuch, es den Elfchen gleich zu tun, war es schon oft auf die Nase gefallen und hatte sich nicht nur die Füßchen und Flügelchen, sondern vor allem das empfindsame Seelchen verletzt. Zwar heilten diese Blessuren rasch, aber die Erinnerung an das Versagen, an das, was dem Zwölfchen wegen seines Wesens und seiner Statur versagt blieb, schmerzte lange und anhaltend. Das Zwölfchen seufzte tief. Die Elfchen waren zwar freundlich und bemühten sich oft, das Zwölfchen in ihre Spiele und Späße mit einzubeziehen, neckten es aber ebenso häufig wegen seiner Unbeholfenheit und der ernsten Miene.
„Ach wär, ich doch ein Elfchen“, murmelte das Zwölfchen traurig, als ein besonders lebensfrohes, leichtes Elfchen im Freudentanz an ihm vorbei taumelte.
Niemand bemerkte das stumme Leid des Zwölfchens. Ein lauer Abendwind trug die Worte genauso leicht davon wie ein flügelschwingendes Elfchen und zerstreute die Sehnsüchte mit den letzten Sonnenstrahlen. Lediglich eine kleine Feldmaus, die den Kopf neugierig aus ihrem Erdloch streckte, hörte den leisen Wunsch des Zwölfchens.
Verwundert schüttelte die Maus den Kopf. Warum sollte ein Zwölfchen wie ein Elfchen sein wollen? Die Maus verstand nicht, warum sich das Zwölfchen in die Lüfte erheben, leichte und sorgenlose Reigen tanzen und dem Leben ins Gesicht lachen wollte. Aber sie war ja auch nur eine Maus, die von den Sehnsüchten und Kümmernissen eines Zwölfchens wenig Ahnung hatte. Die Maus sträubte ihre Schnurrhaare, die in der kühler werdenden Abendluft erzitterten. Sie drehte sich zweimal rechts herum, einmal links herum und ließ sich dann gut geschützt in dem komfortablen Mauseloch nieder, um den Sonnenuntergang und den Aufgang des Mondes zu bewundern. Auch wenn die Maus wenig vom Leben eines Zwölfchens wusste, so war sie doch ein wahrer Schöngeist, der das rote Glühen der entschwindenden Sonne und die kühne, silberne Eleganz des zunehmenden Mondes zu schätzen wusste.
Auch das Zwölfchen hatte ein besonderes Auge für die Schönheit der Natur und die kostbaren, vergänglichen Augenblicke des täglichen Wechsels zwischen Licht und Schatten. In diesen Augenblicken waren die eigenen Sorgen vergessen. Trübe Gedanken an Vergangenes und angespannte Zukunftserwartungen traten vor der fesselnden Gegenwart in den Hintergrund.
Andächtig beobachteten Mäuschen und Zwölfchen, wie die leuchtende Scheibe der Sonne von den Hügeln des Horizonts verschluckt wurde. Die grüne Silhouette der Anhöhen wurde von einem Leuchten überzogen, das immer schwächer wurde und in der anbrechenden Nacht schließlich erlosch. Im Osten ging die Farbe des wolkenlosen Himmels bereits in das tiefe, samtige Marineblau der Nacht über, in dem das geübte Auge das erhabene Funkeln der ersten Sterne erahnen konnte. Der westliche Himmel dagegen zehrte noch vom Licht der eben entschwundenen Sonne. Er erfreute die Staunenden mit zarten Rot- und Goldtönen, die prachtvoll entflammten, strahlten und schließlich immer schwächer wurden, bis auch sie von dem samtenen Tiefblau der Nacht übermalt wurden.
Ein erhabenes Gefühl breitete sich in der Brust des Zwölfchens aus. Ein solches Wunderwerk der Natur bestaunen zu dürfen, erfüllte es mit dem größten Entzücken und dem höchsten Glück. Das Zwölfchen seufzte tief. Doch diesmal war es ein Seufzer der Dankbarkeit, den der Wind wie eine süße Melodie in sein eigenes abendliches Konzert einflocht.
Der Feldmaus waren nach dem langen, arbeitsreichen Tag langsam die Lider über die müden Knopfäuglein gesunken. Eingelullt vom leisen Säuseln des Windes schlief sie in ihrem sicheren, warmen Mauseloch ein. Bei jedem tiefen Atemzug erzitterten die schwarzen Schnurrhaare, sogar das seidige Mausefell schien sich vor Wohlbehagen ganz leicht zu kräuseln. Die Maus träumte von einer Welt ohne Katzen und Raubvögel, in der sie sorglos durch die sonnenbeschienenen Wiesen spazieren und an jeder Blume riechen konnte. Dort gab es reife Körner, saftige Äpfel und frisches Wasser im Überfluss.
Ob Raubvögel und Katzen wohl von einer Welt voller Mäuse träumen? Ich weiß es nicht, ich habe sie noch nie danach gefragt.
Auch das Zwölfchen war in der anbrechenden Dunkelheit müde geworden. Die Elfchen tanzten in der Dämmerung ihre lustigen Tänze, unermüdlich lachend, unendlich sorglos, frei und froh.
Ab und zu schwebte ein besonders lustiger Geselle an dem Zwölfchen vorbei.
„Willst du nicht mit uns tanzen, liebes Zwölfchen?“, fragte er. „Komm, der Abend ist lau, die Nacht noch lang und der Mond ist unsere Festbeleuchtung.“
Doch das Zwölfchen schüttelte traurig den Kopf. Es war zu müde, um jetzt noch fröhlich durch die Nachtluft zu tanzen. Außerdem konnte es bei den Pirouetten, Drehungen und beschwingten Reigen der leichten Elfchen nicht mithalten und fühlte sich in dieser illustren Gesellschaft unendlich fremd, andersartig und allein.
Das Zwölfchen kuschelte sich in sein Buchenblatt und deckte sich mit einer silbern schimmernden Spinnwebe zu. Dieses Kunstwerk war das Geschenk einer befreundeten, munteren Spinne gewesen, mit der das Zwölfchen ab und zu über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, die Lebenswege und das Schicksal im Allgemeinen philosophierte. Da die Spinne am besten denken und reden konnte, wenn sie in Bewegung war, webte sie während der Gespräche mit dem Zwölfchen immer fleißig an ihren Zauberteppichen. Nach einem besonders tiefgründigen Gespräch hatte die Spinne dem Zwölfchen den gerade fertig gewordenen Spinnwebteppich geschenkt, damit die wertvollen Gedanken und Träume des Zwölfchens nachts gut bedeckt wachsen und reifen konnten. In lauen Sommernächten ließ es sich unter nichts besser schlummern, als unter solch einem filigranen Spitzengespinst.
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