TROLLSTEN I
Die fantastische Geschichte vom Prinzen Trollsten und seinen ungewöhnlichen Gefährten entstand nach Motiven eines Grimmschen Märchens, handelt aber in der heutigen Zeit auf und unter der uns bekannten Erde. Die alten Götter der Völker haben nach der Verbreitung des Monotheismus ihre Reiche in der Unterwelt aufgebaut, greifen aber gelegentlich in die Spiele der Bewohner der oberen ein.
Der Prinz ist der einzige Sohn der Schneekönigin, und indem er sich auf den Weg macht, um seine Liebe zu finden, erlebt er haarsträubende Überraschungen und wilde Abenteuer, die er jedoch ohne seine Begleiter unmöglich bestehen könnte ...
Ein bester Freund hat dir geholfen, sie zu erschaffen.
Anonymus
Nichts wissen wir vom Leben, gar nichts, sagte die Großmutter lächelnd, und die Flammen des Kaminfeuers widerleuchteten in ihrem Gesicht. Ein Geheimnis ist es, ein unendliches Geheimnis, das in sich viele weitere Geheimnisse birgt. Es raunt von unvorstellbaren Köstlichkeiten, es lockt und verführt täglich und nächtlich von neuem.
Wehe dem, der es vermeiden will, aber wehe auch dem, der danach trachtet, es an sich zu reißen, vor sich auszubreiten und in seine Einzelteile zu zerstückeln! Leer und tot wird er bleiben und Fäulnisgestank um sich her verbreiten, bis der Lauf aller Dinge sich wiederum seiner erbarmt und auf den rottenden Resten ein neues Geheimnis entstehen lässt.
Da streiten die Menschen und behaupten: Dies gibt es und jenes gibt es nicht! Klein sind sie, die so etwas meinen, kaum angefangen haben sie zu leben. Merken sie nicht, welch ungeheure Macht sie haben? Der Kranke sagt: Es gibt keine Heilung. Und so bleibt er krank. Der Fröhliche ruft aus: Alles ist prächtig! Und was er sieht, macht ihn froh. Darüber hinaus aber trifft das Geheimnis alle beide: Der Erste verlässt vielleicht seinen Körper und erkennt, wie klein seine Welt war. Der Zweite mag alles verlieren, was er sein Eigen nannte, und sein Lachen muss sich in den Tiefen bewähren, bis er zu neuen Ufern vordringt.
Unberechenbar ist das Geheimnis immer, und dass es liebevoll und heiter ist, glauben die wenigsten. Begnadete Meister haben sein Wesen durchscheinen lassen und einfache Völker haben es GOTT gleich gesetzt. Schwerernste Denker und hochgeehrte Philosophen haben versucht, es zu leugnen, haben es gehasst und als UNFUG bezeichnet oder für tot erklärt. Die Neugeborenen aber tragen sein Licht in sich, und wenn wir ihnen in die Augen schauen, hoffen wir auf eine bessere Welt. Später jedoch meinen wir, erziehen zu müssen und ersticken die zarte Flamme, sobald wir können.
Ohne das Geheimnis kann niemand leben. Obwohl viele von uns ihm entkommen möchten. Obwohl es viele für feindlich halten. Wir sind ihm ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Wenn wir uns aber selbst hingeben, macht es uns glücklich über alle Vorstellungen hinaus.
Das Geheimnis wartet auf uns. Es hat unendliche Geduld. Gleichmütig sieht es zu, wie wir unsere Spiele spielen, die grob-blutigen und die hinterlistigen, heimtückischen. Finstere Kulissen errichten wir und verbergen uns hinter dicken Mauern, aber wir bekommen das Zittern, wenn wir nur in den Spiegel blicken. Und wir wissen genau, dass das Geheimnis hinter uns her ist, um uns eines Tages einzufangen.
Wir wollen gar nichts anderes.
Denn wir sind selbst ein Geheimnis.
Wir liebten die Großmutter, wenn sie so sprach. Und dafür, dass sie gewöhnlich Märchen erzählte. Nach Märchen dürsteten wir wie die Erde nach Regen. Und heute wissen wir endlich, dass die wundersamen Ereignisse sich nicht in fernen, vergangenen Zeiten abspielten, sondern in der Gegenwart entstehen.
Ob Wunderland * oder Mittelerde*, ob Hogwarts* oder die Lincoln-Insel *, alles ist da, ist hier, ist jetzt. Es liegt an uns, ob wir die Welten sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Es liegt an uns, ob wir sie leben.
Erster Teil: Die Flucht
I
Als der Prinz das Bild erblickte, versank sein bisheriges Leben im Dunkel. Er wusste es nur noch nicht.
Unglaublich sicher stand er auf den Beinen und nichts brachte ihn
je aus dem Gleichgewicht. Ein einziges Wort von ihm genügte, um zehn Angreifer in die Flucht zu schlagen, und die Eisbären hielten sich in respektvoller Entfernung, wenn sie seiner ansichtig wurden. Sobald er den Palast verließ, stand die Zeit still, und wem die Gnade zuteil wurde, ihm dienen zu dürfen, fühlte sich ein Leben lang beschenkt.
Ihm fehlte nichts. Außer einem Spiegel.
Vor Jahren hatte er sich über seine Mutter, die Schneekönigin*, geärgert und in einem wilden Wutanfall sämtliche Spiegel zerstört, die es in seinem Reich gab. Doch das will nichts heißen, denn solche Dinge vollbrachte er keineswegs mit seinen Händen. Es waren die Augen, die alles durchdringenden Blicke, die jedwedes Glas zerspringen ließen, wenn er es wollte. Es sei denn, dass sich dahinter eine Kraft verbarg, die der seinen gewachsen war. Die aber gab es nicht, weder in den Ländern des Eises noch in den wärmeren Regionen.
Das Bild hingegen warnte ihn. Eine Ahnung rief es hervor, kündigte ein Verhängnis an. Wenn er es betrachtete, wurden seine Knie weich und er begann zu zittern.
Ein kurzer Befehl an den Küchenjungen oder den Stallburschen hätte vielleicht genügt, um dem bedrohlichen Zustand ein Ende zu bereiten. Sie hätten es aus seinem Sichtfeld entfernt; doch das war nicht möglich. Denn er hing daran fest, von dem Augenblick an, da es zu ihm gelangt war. Er lechzte und gierte danach und hielt nicht eine Ratsversammlung mehr durch, ohne in jeder Pause in sein Schlafzimmer zu eilen und minutenlang zu seufzen.
Erst mied er das Frühstück, dann den morgendlichen Ausritt, und schließlich litten die Staatsgeschäfte. Er ließ sich weder beim Begräbnis Frank Zappas sehen noch bei der Amtseinführung Wladimir Putins. Er magerte sichtlich ab, und von all seinen wunderbaren Kräften war kaum noch etwas zu bemerken. Zudem beschimpfte er den wohlmeinenden Pagen, der ihm Die Geschichte vom Suppenkasper vorlesen wollte. Es sah ganz so aus, als sei ihm nicht mehr zu helfen.
Disease of Love, lovesick*, entschied der Spezialist aus den USA, ausgebildet in Harvard und eine Leuchte der Wissenschaft. Weltweit gebe es nur einen Experten, der in Fällen wie diesem Rat wisse. Und der sei äußerst schwer erreichbar, denn er lebe auf Kauai, der Schamaneninsel des Hawaii-Archipels, und lasse sich von niemandem finden, der etwa ein Flugzeug für die Reise benutzte.
Im Sturm kam die Schneekönigin angereist und lamentierte, was das Zeug hielt.
„Um alles muss man sich selber kümmern!“, schrie sie klirrend. „Das Pack hier ist nicht in der Lage, so einen lächerlichen Gesundheitsonkel aus dem Eis zu stampfen!“
Und sie sandte mehrere Diener aus, den Starken Gottlieb* herbeizuschaffen.
Die jammerten zwar und klagten, und Boote mussten sie obendrein ausrüsten. Aber sie kannten die Schneekönigin als eine erbarmungslose Frau und fügten sich.
II
Seit seiner Flucht aus Mitteleuropa im Jahre Neunzehnhundertdreiunddreißig – nicht durch die Nationalsozialisten, sondern von dem allgemein um sich greifenden Humormangel hatte er sich bedroht gefühlt – lebte der Starke Gottlieb gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Ursus* auf Island, und zwar in einem schwer zugänglichen Tal, drei Tagesmärsche von der alten Stadt Þingvellir entfernt. Nicht ein einziger der neugierigen Touristen hatte es bislang gefunden, und das erheiterte die beiden Muskelprotze hinlänglich und erfüllte sie mit Zufriedenheit.
Mit diesem Wohnort hatten die beiden den Ruhepol ihres Lebens gefunden und hofften, für immer bleiben zu können. Und das, obwohl sie wussten, dass Helden, über die die Menschen in ihren Büchern schrieben und lasen, niemals ganz in Vergessenheit gerieten. Irgendwann würde man sie wieder aufspüren und von ihnen verlangen, dass sie wegen lästiger Lappalien ihre Muskeln spielen ließen. Warum sollten sie das tun, zumal ihre wilden Jahre lange, lange schon zurücklagen? Deshalb bestätigten sie sich gegenseitig täglich von neuem, ein Recht auf Ruhe zu haben, ein Recht, welches gleichzeitig eine Pflicht war.
Aber ein wenig langweilten sie sich doch, denn sie fühlten sich bei weitem nicht mehr so ausgelastet wie früher. Häufig saßen sie abends vor dem Kaminfeuer ihrer Hütte und schwärmten von den alten Zeiten.
„Es ist zum Kotzen, dass es hier kaum Wälder gibt“, beklagte sich der Starke Gottlieb ein ums andre Mal. „Als ich noch bei meinem Gutsherrn, diesem Lumpenhund, gewesen bin, habe ich jeden Tag drei Eichen ausgerissen, mit Stumpf und Stiel. Die dürren Büsche, die ich hier stattdessen finde, tun mir schon leid, wenn sie noch im Boden stecken, und da lasse ich sie eben in Frieden.“
„Hast du vielleicht irgendwann einen Stier auf dieser Insel gesehen?“, plusterte sich Ursus auf. „Weißt du, was es für einen Spaß macht, so einem Vieh den Hals umzudrehen? Und wie lange ich dieses Vergnügen schon vermisse? Das alte Rom war schon eine Reise wert gewesen, das kann ich dir sagen. Inklusive Nero, Latein und Großbrand. Blut und Spiele, mindestens einmal pro Woche!“
„Gib nicht so an, mein Bester“, versuchte Gottlieb die Vergangenheitsvergoldung seines Bruders zu dämpfen. „Die alten Römer waren bloß dekadent und weiter gar nichts. Außerdem haben sie dich damals glatt übersehen. Hast du mir selber erzählt! Wenn nicht dieser polnische Gutsherr alles aufgeschrieben hätte, würden dich die Leute für einen x-beliebigen Rausschmeißer halten.“
„Na, und wenn schon!“ Ursus zuckte mit den Schultern. „Da hätten sie wenigstens eine Verwendung für mich.“
„Du hast recht“, nickte Gottlieb. „Hier sitzt einer bloß rum, inmitten von Geysiren, schwitzt und meditiert, und das habe ich langsam satt!“
„Wir brauchen endlich neue Aufgaben“, sinnierte Ursus.
Und nachdem sie neun Abende lang dieses Gespräch wiederholt hatten, polterte es plötzlich an der Hüttentür.
„Regierungsbeamte“, vermutete Gottlieb flüsternd. „Jetzt weisen sie uns aus.“
„Quatsch!“, widersprach Ursus. „Beamte sind zu blöd, um uns zu finden.“
Als es erneut an die schweren Holzbohlen wummerte, sprang Gottlieb auf und öffnete. Draußen standen drei unbekannte bartlose Männer, deren Gesichter eigentümlich leuchteten.
„Wir kommen von einer geheimen Insel im Nordmeer, wo das Schloss der Schneekönigin steht“, stellte sie der Große von ihnen vor. „Der wahre Nordpol hat sich dorthin verschoben, aber das darf die Welt noch nicht wissen. Und unsere Namen sind ebenso geheim.“
„Geheim, geheim, geheim!“, äffte ihn der Starke Gottlieb nach. „Damit kann ich nichts anfangen. Vielleicht darf ich ja erfahren, was ihr wollt?“
„Wir brauchen Hilfe“, erklärte der Mittelgroße bittend. „Wir müssen einen Schamanen finden, einen Heilkundigen, der auf dem Hawaii-Archipel lebt. Der ist der einzige, der unserem Prinz Trollsten* helfen kann. Der ärmste ist nämlich lovesick.“
„Was ist der?“ Der Starke Gottlieb rollte verständnislos mit den Augen.
„Wir kennen nur den Fachausdruck“, sagte der Kleine entschuldigend. „Der ist amerikanisch.“
„Amerikanisch! So was Dummes hab’ ich noch nie gehört“, murmelte Ursus missbilligend im Hintergrund. „Fachausdrücke sollten lateinisch sein, das ist so üblich seit dem alten Rom.“
„Kommt endlich zur Sache!“, polterte Gottlieb. „Was wollt ihr von uns?“
„Wir gar nichts“, wand sich der Große. „Die Schneekönigin. Die hat uns hergesandt, damit wir den Starken Gottlieb herbeiholen, denn nur der weiß, wie der berühmte Heiler heißt und kann ihn dazu überreden, Prinz Trollsten zu kurieren.“
„Also gut, ihr habt gewonnen“, versetzte Gottlieb geschmeichelt und versöhnt. „Kommt rein und stärkt euch. Ich bin der Gesuchte. Aber wie ihr mich gefunden habt, das möchte ich schon gerne wissen.“
„Beziehungen“, meinte der Kleine aufgeräumt, nachdem er an dem breiten, klobigen Tisch Platz genommen hatte. „Beziehungen sind die Mutter der Porzellankiste, wie ein malaiisches Sprichwort sagt.“
„Moment mal“, grunzte Ursus begriffsstutzig. „Was sind Beziehungen?“
„Oh, ihr Unbedarften, ihr Dümmlinge!“, heulte der Mittelgroße auf. „Ihr lebt im tiefsten Hinterwäldlertal dieser abgeschiedenen Insel, woanders könntet ihr überhaupt nicht zurechtkommen. Ich will versuchen, es euch auf eine Art zu erklären, die ihr zu verstehen in der Lage seid, denn ich nehme an, ihr wisst zumindest, was Holzbearbeitung ist.“
„Das möchte ich meinen!“, prahlte Gottlieb. „Schließlich habe ich die Hütte selber gebaut.“
„Ich hab die Stämme von weit her ranschleppen müssen, das vergisst du, du Großkotz!“, murrte Ursus und fügte erklärend hinzu: „Weil ich keinen Nagel in die Wand schlagen konnte, denn ich habe zwei linke Hände. Die sind nur auf Stierhälse geeicht.“
„Also“, begann der Mittelgroße wieder, „dann sage ich mal: ,Der eine hackt, der andere sägt.‘ Das ist auch eine Skatspielregel.“
„Skat?“
„Hat man zu meiner Zeit gerade erfunden, du dummer Römer!“, wehrte Gottlieb Ursus’ Zwischenfrage ab. „Mein Gutsherr lebte in der Nähe von Altenburg und dort war es in aller Munde. Misch dich einfach nicht ein, wenn du nichts von der Sache verstehst.“
Er machte eine entschuldigende Geste und wandte sich wieder an die drei merkwürdigen Männer: „Ich bilde mir ein, dass ich euch einigermaßen verstanden habe. Aber was jetzt?“
„Du musst alles stehen und liegen lassen und mit uns kommen“, verlangte der Große streng. „Unser Schiffchen liegt im Hafen von Reykjavík. Und damit geht’s ab nach Hawaii. Mit Zwischenstopp in Kingston, Jamaika, und durch den Panamakanal.“
Gottlieb grinste. „Was habe ich davon, wenn ich mitspiele?“
„Wünsch dir was.“
„Oha! Wenn ihr mir so kommt, dann sage ich gleich: ,Drei Nächte mit der Schneekönigin!‘ Will doch sehen, ob ich die zum Auftauen kriege!“
„Das geht nicht, die wird zur rasenden Wildsau, wenn sie so was hört!“, wandte der Kleine ein. „Wünsch dir was anderes!“
„Drei Nächte mit eurer Eisfee, oder ich bleibe hier sitzen“, beharrte Gottlieb. „Da könnt ihr hacken und sägen, wie ihr wollt.“
„Also gut“, seufzte der Große. „Da müssen wir eben sehen, wie wir ihr das schonend beibringen. Sie ist ja selber an dem ganzen Schlamassel schuld.“
Die Gesandten schlemmten und soffen, bis sie genug hatten, schliefen sich gründlich aus und zogen am nächsten Morgen mit dem Starken Gottlieb los.
Ursus, der sich zurückgesetzt und benachteiligt fühlte, protestierte und zertrümmerte vor Wut den Tisch. Sein abenteuerlustiger
Gefährte aber lachte nur. Das Leben bestand aus einer Serie von Abschieden, das wussten sie beide gut genug.
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