Andreas H. Buchwald
SOLDATEN UNTERM SPATEN - Ein Abenteuer wider Willen
ISBN 978-3-949143-13-7, 464 S., 2. Aufl.
SOLDATEN UNTERM SPATEN - Ein Abenteuer wider Willen
"Soldaten unterm Spaten" ist eine Schwejkiade besonderer Art, eine ehrliche Draufsicht auf achtzehn Monate NVA-Dienst ohne Waffe. Der Autor, der diesen Dienst einst selbst leistete, schickt seine Leser auf eine lebensechte Zeitreise und führt nebenher das System Armee ad absurdum. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Weltanschauungen und Charaktere, sowie der Männer-unter-sich-Effekt machen das Buch zu einer außerordentlich unterhaltsamen Lektüre.
ISBN 978-3-949143-13-7, 464 S., 2. Aufl.
Vorwort
Ähnlich wie meine Kohle-Bücher habe ich auch dieses Abenteuer nach tatsächlichen Begebenheiten skizziert. Dabei übernahm ich die während meiner eigenen Dienstzeit als Bausoldat der NVA erlebten Handlungsorte.
Augenblickseindrücke von Begegnungen aus verschiedenen Phasen meines Lebens halfen mir, die handelnden Personen zu gestalten. Möglicherweise auftretende Lesermeinungen bezüglich der Identität dieser oder jener Figur beruhen daher einzig auf subjektiver Interpretation. Zudem sind die privaten Lebenszusammenhänge völlig frei erfunden.
Es lag in meiner Absicht, darzustellen, wie es in einem solchen Bauzug zuging. Die von mir einst hautnah und ein wenig „betriebsblind“ erlebten Ereignisse wollte ich mit neuem Abstand nachzeichnen, sodass jeder Interessent eine Variante der achtzehn Dienstmonate gleichsam mit- und nachvollziehen kann.
Es mag wohl sein, dass mancher, der an anderen Orten unter anderen Bedingungen seinen Dienst als Bausoldat ableistete, deutlich von dieser Geschichte abweichende Erfahrungen machen musste. Trotzdem meine ich, der Grundstruktur jener „Sondertruppe“ ebenso gerecht geworden zu sein wie dem Lebensgefühl, das in der ersten Hälfte der achziger Jahre im Osten Deutschlands prägend war.
Die laufenden welt- und landespolitischen Schwerpunkte habe ich nur insoweit berücksichtigt, wie sie mir für das Gesamtbild günstig erschienen. Um Verwirrungen zu vermeiden, beschränkte ich mich auf einen überschaubaren Personenkreis, der um der besseren Übersicht willen in einem gesonderten Register am Ende des Buches aufgeführt wird. (Armeespezifische Ausdrücke erscheinen im gesamten Buch kursiv gedruckt – ausgenommen innerhalb der wörtlichen Rede –, um NVA-Unerfahrene auf sie aufmerksam zu machen. Zum besseren Verständnis mögen die Anmerkungen am Ende des Buches hilfreich sein.)
Ausschnitte aus fiktiven oder tatsächlichen Briefen sowie Zitate aus originalen Stellungnahmen erscheinen kursiv mit der spezifischen Rechtschreibung des Verfassers beziehungsweise der in den achtziger Jahren üblichen Rechtschreibung.
Bewusst verzichtete ich auch darauf, aus diesem Buch eine „Stasi-Schnitzeljagd“ zu machen. Es deckt also keine Hintergründe auf, sondern deutet sie bestenfalls an. In erster Linie war es mir wichtig, das Lebensgefühl der achtziger Jahre innerhalb der DDR-Strukturen einzufangen, welches durchaus davon geprägt war, (noch) nicht alles genau zu wissen.
Ich möchte weder dazu aufrufen, jene Zeit neu zu bewerten, noch das von vielen Betroffenen schmerzhaft Erlebte herunterzuspielen. Die Vergangenheit aus heiter verstehendem Abstand zu betrachten, war mein hauptsächliches Anliegen. Alles andere möge jedem Leser selbst überlassen bleiben.
Andreas H. Buchwald
Es gibt nur eine einzige Sünde,
und zwar, wenn dein Leben kein Abenteuer ist.
Osho
Die Weichen werden gestellt
März 1976
Lange hatte er sich vor diesem Tag gefürchtet. Nun gab es kein Ausweichen mehr und die Entscheidung stand unmittelbar bevor. Innerlich zitternd hoffte er, wenigstens in der folgenden Nacht wieder durchschlafen zu können.
Die Männer, die gleich ihm hier herumsaßen, sprachen nicht miteinander. Mit glanzlosen Augen und leeren Gesichtern brüteten sie vor sich hin und warteten, bis sie aufgerufen wurden.
Er blätterte zerstreut in den Werbeprospekten, die auf den beiden langen Tischen auslagen. Bunt bedruckte Aufklappzettel schilderten die reibungslosen Karriereleitern der Offiziere der Nationalen Volksarmee, derer, die sich für mindestens zehn Jahre zum Dienst in der menschendressierenden Tretmühle verpflichteten, mit Hilfe derer fast alle Staaten der Welt meinen, ihre Existenz schützen zu können. Jede Menge Geld gab es da zu verdienen, jedwedes Studium konnte angetreten und vollendet, jedweder Titel konnte erworben werden. Wem zehn Jahre allzu lang erschienen, der konnte bereits zahlreiche Vorteile genießen, wenn er wenigstens drei davon dem Militär opferte. So manchem erschien dieser Weg geeignet, ein erfolgreiches, auskömmliches Leben im umzäunten Teil Deutschlands zu fundamentieren.
Die dick gepolsterte Tür öffnete sich und ein hochgewachsener, athletisch gebauter Mann erschien.
„Der Nächste!“, brummte er bitter und ironisch.
Der Leser faltete das Schriftstück zusammen, das er gerade in den Händen hielt und warf es verächtlich auf die Tischplatte zurück. Dann fasste er sich ein Herz, erhob sich und trat auf die Tür zu, hinter der sein vermeintliches Schicksal lauerte.
Einen Augenblick später sah er sich drei Männern gegenüber, klein und unscheinbar vor einer Übermacht. Sie musterten ihn mit unbeweglichen Gesichtern, bis einer von ihnen kopfnickend auf einen Stuhl deutete.
Der Neunzehnjährige setzte sich. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und die Hände zitterten.
„Sie sind Moritz Anderschratt, geboren am neunundzwanzigsten März Neunzehnhundertsiebenundfünfzig?“, fragte der, der links unter dem Fenster saß, mit schnarrender Stimme. Er war der einzige, der eine Uniform trug.
Der Angesprochene nickte.
„Wie ich Ihrem ärztlichen Befund entnehmen kann, sind
Sie gesund und diensttauglich“, fuhr der Uniformierte fort. „Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, ob das nicht eine gute Grundlage wäre für einen längeren Dienst in unserer Armee?“
Moritz schluckte. Alles kam so plötzlich, ohne Einleitung. Sie ließen ihm keine Zeit zum Nachdenken.
„Eher im Gegenteil“, erwiderte er heiser, entsetzt über seine eigenen Worte.
Da schaltete sich der Mann ihm gegenüber ein. Er trug einen schwarzen Anzug, und das Parteiabzeichen am Revers hob sich aufdringlich ab.
„Wie sollen wir das verstehen?“ Seine Stimme klang hart und polterig: „Wollen Sie vielleicht den Ehrendienst für Ihr sozialistisches Vaterland verweigern?“
Der Delinquent, denn das war er wohl, schüttelte ängstlich
den Kopf und setzte zu einer Erklärung an. „So meine ich das nicht.“
„Haben Sie was gegen unsere Deutsche Demokratische Republik?“, schoss der dritte der Verhörer von rechts. Auch er trug das bekannte Abzeichen am Kragen seines grauen Jacketts.
„Wieso?“, ächzte Moritz, in die Enge getrieben. „Ich hab doch nur Bedenken …“
„Bedenken, Bedenken, was denn für Bedenken! Was soll es denn da für Bedenken geben!?“, meldete sich der Uniformierte wieder. Sein Ton war ein gut Teil drohender und schärfer geworden.
„Ich will nicht an der Grenze auf jemanden schießen“, sprudelte es da aus dem Munde des Neunzehnjährigen. „Deshalb kann ich auch den Fahneneid nicht so ablegen, wie er ist. Ich will Sie nicht belügen, verstehen Sie! Es geht nicht um den Dienst an der Waffe, das ist es nicht. Aber an der Grenze, da kann ich nicht schießen...“
„So ein Quatsch, warum wollen Sie an der Grenze nicht schießen, was soll das?“, fauchte der von rechts. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“
„Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden“, verteidigte sich Moritz mühsam. „Ich weiß auch, dass es Situationen von Notwehr gibt, wo man nicht einfach sagen kann: ,Du sollst nicht töten…‘ Aber an der Grenze, wenn da jemand versucht, unser Land zu verlassen, der greift mich ja nicht an, das ist keine Notwehr…“
„Wollen Sie uns belehren oder was?“, zischte der Uniformierte. „So was gibt’s überhaupt nicht, Schießen in Notwehr, aber nicht an der Grenze, so was ist Blödsinn! Haben Sie mal mit Ihrem Pfarrer gesprochen? Wenn nicht, würde ich Ihnen das dringend empfehlen! Sie haben Verwandte im Westen, stimmt’s?“
Moritz nickte.
„Gut, das spielt nicht so eine große Rolle, wie Sie vielleicht denken. Wir könnten uns was für Sie überlegen, wenn Sie deshalb Schwierigkeiten sehen. – Wenn Sie aber verweigern wollen, wissen Sie hoffentlich, dass das einen Gefängnisaufenthalt nach sich zieht. Denn das ist ,Widerstand gegen die Staatsgewalt‘, falls Ihnen das noch niemand gesagt hat.“
Moritz sah sich bereits als Häftling und schwieg bedrückt.
Die Verhörer lenkten ein.
„Was ist, haben Sie mal mit Ihrem Pfarrer gesprochen?“, fragte der gegenüber Sitzende versöhnlich.
„Nein“, antwortete der Neunzehnjährige vorsichtig. Hätte er andere da mit hineinziehen sollen?
„Das ist schade. Vielleicht hätte er Sie ganz gut beraten. Nun sind Sie aber hier, und wir müssen eine Entscheidung treffen. Warum wollen Sie an der Grenze nicht schießen?“
Wie oft würden sie ihre Fragen und wie oft sollte er seine Antworten wiederholen?
„Einer, der das Land verlassen will, hat mir nichts getan“, erwiderte er schulterzuckend.
„Sie haben vielleicht eine Vorstellung!“, zürnte der Uniformierte. „Nichts getan! Da kann ich Ihnen nur folgendes sagen: Diejenigen, die unser Land illegal verlassen wollen, haben einen Grund dazu! Der ist meistens krimineller Art! So einer kann ein paar Stunden vorher Ihre Frau umgebracht haben, und Sie sagen, er hat nichts getan! Dabei wissen Sie doch gar nicht, was er getan hat!“
Eine bestechende Logik. Moritz schwieg, ihm fiel kein Argument ein. Allmählich verließ ihn die Angst.
Die Männer sahen sich an.
„Gehen Sie noch mal raus“, sagte der im grauen Jackett. „Über Ihre Angelegenheit müssen wir uns noch beraten. Wir rufen Sie später wieder auf.“
Drei Stunden ließen sie ihn warten, drei Stunden, mehrfach von kurzen medizinischen Überprüfungen unterbrochen. Alle, die früh am Morgen mit ihm in dem großen Warteraum gesessen hatten, waren längst gegangen. Keinen hatte er kennengelernt, mit keinem gesprochen.
Der Druck im Magen aber hatte sich gelegt. Es war, als wäre alles gleichgültig, was nun kam. Einzig eine schwere Müdigkeit lastete auf ihm.
Schließlich wurde er in ein Zimmer gerufen, in dem es keinen Stuhl für ihn gab. Hinter einer Art Schalter saßen vier uniformierte Männer. Er erkannte nur den einen von ihnen.
Der zog nun ein Blatt Papier aus einer Aktentasche, und während der beinahe monotonen Rede, die er hielt, saugten sich seine Augen darauf fest. Den Eingetretenen sah er nicht ein einziges Mal an.
„Moritz Anderschratt“, begann er, „Sie haben uns heute erklärt, dass Sie gegen den Dienst an der Waffe ,Bedenken‘ haben, sodass Sie ihn nicht so leisten wollen wie Ihre Mitbürger. Weiterhin haben Sie sich auf Ihre christliche Erziehung berufen, und wie wir wissen, entspricht das der Wahrheit. Sie und Ihre Eltern gehören tatsächlich einer Kirchgemeinde an. Nach allem, was Sie uns gesagt haben, ist es für uns ein zu großes Risiko, Ihnen überhaupt eine Waffe in die Hand zu geben. Doch unser Staat bietet denjenigen, die sich religiös gebunden fühlen und deshalb den Waffendienst ablehnen, die Möglichkeit an, diesen Dienst anders abzuleisten, mit dem Spaten beispielsweise. Sind Sie einverstanden, wenn wir Sie den Bausoldaten zuordnen?“
Da der Sprecher darauf verzichtete, ihn anzusehen, merkte Moritz nicht, dass von ihm eine Antwort erwartet wurde. Erst, als einer der Männer die Frage lauter wiederholte, erwiderte er mechanisch: „Ja.“
„Gut“, sagte der Wortführer. „Dann halten wir das einstweilen so fest. Sie müssen sich allerdings darauf gefasst machen, dass es eine Weile dauern kann, bis wir Sie zum aktiven Dienst einziehen. Für Bausoldaten gibt es einfach nicht so viele ,Planstellen‘.“
Damit übergab er Moritz den grauen Ausweis mit der Blechmarke im Umschlag, das Büchlein, das sie ihm ein Jahr vorher zur Musterung ausgehändigt und an diesem Morgen abgenommen hatten. Und nun zeigte das steinerne Gesicht des Mannes eine erste deutliche Regung: ein Grinsen, unverhohlen und frech.
Draußen regnete es, und auf dem Weg zur Bahnstation durchdrang die kalte Nässe Anorak und Pullover des bleichen, verloren dreinblickenden Fußgängers. Der davon gar nichts wahrnahm.
Stattdessen atmete er tiefer und fühlte von neuem einen Funken des eigenen Wertes. Alle hatten ihn gewarnt, ihm abgeraten. Die Eltern ebenso wie der Pfarrer, der so gern von der „Obrigkeit“ predigte, der man selbst dann gehorchen müsse, wenn man ihre Entscheidungen weder billigte noch verstand.
Gepeinigt von Ängsten und Grübeleien hatte Moritz gefürchtet, im entscheidenden Moment zu versagen. Und nun war schon alles vorbei. Er hatte gesagt, was er dachte und seine Feigheit überwunden. Beinahe ohne es zu merken.
Als sein Zug vorfuhr, stieg er federnd ein und lächelte, zum ersten Mal seit vielen Wochen.
Erster Teil: Spruuz*1
November 1983
Leipzig
Wie oft hatte er sich vorgenommen, die letzten Stunden vor der Abreise einzig mit Liebe zu verbringen! Umarmen, Küssen, Haut an Haut, Stöhnen und Seufzen, bis die Zeit heran war. Schließlich ermattet zum Zug wanken, in einem stinkigen Abteil auf den Sitz sinken und schlafen. Schlafen, bis die verhasste Station vor dem staubtrüben Waggonfenster auftauchte!
Das Leben hatte für derartige Erwartungen nichts übrig und
verspottete ihn. Heidemarie, gewöhnlich recht liebesfreudig, war jede Lust auf körpernahe Genüsse vergangen und ihm selber ebenso. Stattdessen saßen sie da und grübelten und heulten abwechselnd.
Kurz nach Mitternacht legte er seine Lieblingsplatten auf, ein Doppelalbum von Gordon Lightfoot. Zweihundertvierzig Mark hatte er einmal dafür geben müssen; das war der übliche Schwarzmarktpreis und ihm die Sache durchaus wert gewesen.
Als er die Canadian Railroad Trilogy zum vierten Mal abgespielt hatte, war es zehn vor fünf. Er verabschiedete sich von der Stimme aus den Lautsprecherboxen und verbot Heidi, diese Musik vor seiner Rückkehr aufzulegen.
„Ich kann sie sowieso nicht mehr hören“, flüsterte sie und schniefte weinerlich. „Weil ich dann an diese Nacht denken muss.“
„Immer?“
Sie nickte.
„Du hast die Kinder“, versuchte er zu trösten. „Ich hab niemand.“
„Quatsch“, zischte sie, beinahe ärgerlich. „Du bist doch nicht allein dort. Du lernst neue Freunde kennen.“
„Freunde?“
„Warum nicht? Wenn alle im gleichen Schlamassel stecken, verbindet das.“
Erneut begann sie zu weinen.
Er stand auf.
„Ich frühstücke und gehe“, grummelte er. „Ich halt das nicht mehr aus.“
„Willst du dich nicht von den Kleinen verabschieden?“
Doch, das wollte er, obwohl es ihm leid tat, sie so zeitig zu wecken. Sie waren die einzigen, die die Nacht schlafend verbracht hatten. Mechthild war viereinhalb, und der Junge, Markus, sollte in zwei Tagen seinen zweiten Geburtstag feiern. Neben seinem Kopfkissen lag an diesem Morgen schon der grüne Plastetraktor, den Moritz für ihn gekauft hatte.
„Musst du schon weg, Vati?“, fragte die Tochter schlaftrunken, als sich die Tür zum Kinderzimmer einen Spalt öffnete. Sie wusste einigermaßen Bescheid.
„Ja, meine Gute, ich muss los.“ Die Tränen schossen ihrem Vater erneut in die Augen. Er setzte sich auf die Kante des wackligen Doppelstockbettes und strich ihr über das Haar.
„Musst du in den Krieg?“
Hatte er ihr jemals von einem Krieg erzählt?
„Nein“, gab er zur Antwort. „Ich hab dir doch mal gesagt, dass ich gar kein Gewehr kriege. Ich bin ein Spatensoldat. Die buddeln irgendwo in der Erde herum.“
„Suchen die Regenworms?“
„Regenwürmer“, verbesserte er und hätte beinahe gelacht. Ein Teil von ihm war indessen fest entschlossen, an diesem Tag keinesfalls heiter zu sein, und so beherrschte er sich.
„Mach’s gut, Mechthild“, flüsterte er. „Ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen.“
Er drückte sie an sich.
„Ich bete für dich, Vati“, versprach sie ihm. „Jeden Abend sprech ich mit mein Engel. Den seh ich immer. Und ich sag, dass er auf dich aufpassen soll.“
Moritz, mitten im Zweifelalter, glaubte nicht an solche Sachen. Aber er fand es niedlich, wie sie das sagte. Sie besuchte einen evangelischen Kindergarten.
„Schon gut“, murmelte er zerstreut und wandte sich Markus zu, der im oberen Teil des Bettes schlief.
Der Junge schien weit ins Traumland entrückt, atmete tief und regelmäßig und rührte sich nicht. So entschied der Vater, ihn zu lassen, wo er war, legte vorsichtig den Traktor zurecht und schlich auf Zehenspitzen hinaus.
Heidemarie musste zur Arbeit und konnte ihn nicht begleiten. Nach einer langen Umarmung, der bisher schmerzlichsten seines Lebens, löste er sich von der Frau. Allein in die Straßenbahn steigen zu können, machte es wieder ein wenig leichter.
Die Linie Vier war überpünktlich. Neben einigen schlaftrunkenen Frühschichtlern saßen zwei junge Männer im Wagen, die gleich dem neuen Fahrgast eine Reisetasche und einen zusammengefalteten Pappkarton unter dem Arm trugen. Schicksalsgenossen.
Moritz sprach sie nicht an. Schweigend war ihm wohler, und vielleicht handelte es sich nicht einmal um Bausoldaten.
Bedrückt sah er aus dem Fenster. Draußen setzte leichter Nieselregen ein. November, wahrhaftig.
Das zeitige Frühstück lag schwer im Magen. Er nestelte an der Reisetasche herum, zog den Reißverschluss auf und förderte ein Reclam-Bändchen zutage: Heinrich Böll, Mein trauriges Gesicht. Erzählungen. Genau das Richtige.
Nach einer Weile sah er ein, dass er den Sinn des Gelesenen nicht erfassen konnte. Das, was mit ihm geschah, hielt ihn fest. Es verschloss ihm den Genuss an den Sätzen des westdeutschen Sprachmeisters. Enttäuscht ließ er das kleine Buch wieder in der Tasche verschwinden.
Am Hauptbahnhof stieg er aus und folgte langsam den möglicherweise künftigen Gefährten, die ein wenig eiliger ihrem Abfahrtsbahnsteig zustrebten.
Der Zug nach Frankfurt/Oder fuhr in einer halben Stunde. Einmal nur würde er umsteigen müssen. Sie hatten ihm die genaue Verbindung bereits mit dem Einberufungsbescheid zugestellt.
Noch nie hatte Moritz die großen, schmutzigen Hallen samt den berühmten sechsundzwanzig Bahnsteigen gemocht. Heute plötzlich erschienen sie ihm wie der letzte Rest einer von nun an verlorenen Heimat. Es war genügend Zeit, um noch einmal von der Ost- zur Westhalle zu schlendern und ein paar Minuten vor dem Intershop-Schaufenster zu vertrödeln. Dann stieg er die Treppen hinauf und nahm Abschied von diesem Gebäude wie von allen anderen Dingen, die sein Leben bisher erfüllt hatten. Mit düsterem Behagen sog er die typischen Gerüche ein, die vom Erbrochenen der Betrunkenen, von übertrockneten Urinlachen und dem Taubendreck, mit dem der breite Querbahnsteig übersät war, ausgingen.
Die Waggons warteten längst auf ihre Insassen und die Lokomotive wurde soeben angehängt. Nachdem Moritz eingestiegen war, eilte er durch die Abteile, um einen günstigen Platz zu finden. Schnell fiel ihm auf, dass der ganze Zug mit seinesgleichen angefüllt war, Reisetaschen und zusammengefaltete Pappkartons überall. Graue, verschlossene Gesichter, die sich mühsam aufhellten, wenn sie mit den anderen, den Leidensgenossen, ins Gespräch kamen oder versuchten, durch das Abrauchen einer Zigarette ihr Gleichgewicht wiederzufinden.
Der neue Passagier setzte sich zu einem Langen und einem Dicken. Er nickte ihnen kurz zu und schickte sich an, wieder in sein Brüten zu versinken.
Einen Augenblick später schreckte ihn ein Räuspern auf.
Der kleine Dicke, der sich anscheinend schon mit dem abgefunden hatte, was auf ihn zukam, wandte sich ihm zu.
„Nach Seelow, stimmt’s?“, schätzte er wissend. „Spatie!“
Moritz nickte. „Ihr auch?“
„Na klar“, antwortete der Lange. „Ich weiß nicht, wie die das organisieren, aber die, die mit diesem Zug unterwegs sind, sind alles Bausoldaten. Auf dem Bahnsteig habe ich mit mehreren gesprochen und das sofort gemerkt. Ein paar gehen nach Doberlug-Kirchhain, glaube ich. Die anderen fahren nach Seelow, wir beide auch. Das Drei-Meere-Dreieck: Waldmeer, Sandmeer, Nischtmeer.“
Er lachte hölzern.
Der Neuankömmling seufzte.
„Ich hab die Schnauze voll“, gab er zu. „Irgendwann musste es ja passieren. Trotzdem bin ich fix und fertig.“
„Verheiratet?“, fragte der Dicke leutselig.
„Ja. Zwei Kinder. Ein Mädchen, ein Junge.“
Der Zug fuhr an. Nichts ließ sich festhalten, ein Bahnhof schon gar nicht.
...
Ähnlich wie meine Kohle-Bücher habe ich auch dieses Abenteuer nach tatsächlichen Begebenheiten skizziert. Dabei übernahm ich die während meiner eigenen Dienstzeit als Bausoldat der NVA erlebten Handlungsorte.
Augenblickseindrücke von Begegnungen aus verschiedenen Phasen meines Lebens halfen mir, die handelnden Personen zu gestalten. Möglicherweise auftretende Lesermeinungen bezüglich der Identität dieser oder jener Figur beruhen daher einzig auf subjektiver Interpretation. Zudem sind die privaten Lebenszusammenhänge völlig frei erfunden.
Es lag in meiner Absicht, darzustellen, wie es in einem solchen Bauzug zuging. Die von mir einst hautnah und ein wenig „betriebsblind“ erlebten Ereignisse wollte ich mit neuem Abstand nachzeichnen, sodass jeder Interessent eine Variante der achtzehn Dienstmonate gleichsam mit- und nachvollziehen kann.
Es mag wohl sein, dass mancher, der an anderen Orten unter anderen Bedingungen seinen Dienst als Bausoldat ableistete, deutlich von dieser Geschichte abweichende Erfahrungen machen musste. Trotzdem meine ich, der Grundstruktur jener „Sondertruppe“ ebenso gerecht geworden zu sein wie dem Lebensgefühl, das in der ersten Hälfte der achziger Jahre im Osten Deutschlands prägend war.
Die laufenden welt- und landespolitischen Schwerpunkte habe ich nur insoweit berücksichtigt, wie sie mir für das Gesamtbild günstig erschienen. Um Verwirrungen zu vermeiden, beschränkte ich mich auf einen überschaubaren Personenkreis, der um der besseren Übersicht willen in einem gesonderten Register am Ende des Buches aufgeführt wird. (Armeespezifische Ausdrücke erscheinen im gesamten Buch kursiv gedruckt – ausgenommen innerhalb der wörtlichen Rede –, um NVA-Unerfahrene auf sie aufmerksam zu machen. Zum besseren Verständnis mögen die Anmerkungen am Ende des Buches hilfreich sein.)
Ausschnitte aus fiktiven oder tatsächlichen Briefen sowie Zitate aus originalen Stellungnahmen erscheinen kursiv mit der spezifischen Rechtschreibung des Verfassers beziehungsweise der in den achtziger Jahren üblichen Rechtschreibung.
Bewusst verzichtete ich auch darauf, aus diesem Buch eine „Stasi-Schnitzeljagd“ zu machen. Es deckt also keine Hintergründe auf, sondern deutet sie bestenfalls an. In erster Linie war es mir wichtig, das Lebensgefühl der achtziger Jahre innerhalb der DDR-Strukturen einzufangen, welches durchaus davon geprägt war, (noch) nicht alles genau zu wissen.
Ich möchte weder dazu aufrufen, jene Zeit neu zu bewerten, noch das von vielen Betroffenen schmerzhaft Erlebte herunterzuspielen. Die Vergangenheit aus heiter verstehendem Abstand zu betrachten, war mein hauptsächliches Anliegen. Alles andere möge jedem Leser selbst überlassen bleiben.
Andreas H. Buchwald
Es gibt nur eine einzige Sünde,
und zwar, wenn dein Leben kein Abenteuer ist.
Osho
Die Weichen werden gestellt
März 1976
Lange hatte er sich vor diesem Tag gefürchtet. Nun gab es kein Ausweichen mehr und die Entscheidung stand unmittelbar bevor. Innerlich zitternd hoffte er, wenigstens in der folgenden Nacht wieder durchschlafen zu können.
Die Männer, die gleich ihm hier herumsaßen, sprachen nicht miteinander. Mit glanzlosen Augen und leeren Gesichtern brüteten sie vor sich hin und warteten, bis sie aufgerufen wurden.
Er blätterte zerstreut in den Werbeprospekten, die auf den beiden langen Tischen auslagen. Bunt bedruckte Aufklappzettel schilderten die reibungslosen Karriereleitern der Offiziere der Nationalen Volksarmee, derer, die sich für mindestens zehn Jahre zum Dienst in der menschendressierenden Tretmühle verpflichteten, mit Hilfe derer fast alle Staaten der Welt meinen, ihre Existenz schützen zu können. Jede Menge Geld gab es da zu verdienen, jedwedes Studium konnte angetreten und vollendet, jedweder Titel konnte erworben werden. Wem zehn Jahre allzu lang erschienen, der konnte bereits zahlreiche Vorteile genießen, wenn er wenigstens drei davon dem Militär opferte. So manchem erschien dieser Weg geeignet, ein erfolgreiches, auskömmliches Leben im umzäunten Teil Deutschlands zu fundamentieren.
Die dick gepolsterte Tür öffnete sich und ein hochgewachsener, athletisch gebauter Mann erschien.
„Der Nächste!“, brummte er bitter und ironisch.
Der Leser faltete das Schriftstück zusammen, das er gerade in den Händen hielt und warf es verächtlich auf die Tischplatte zurück. Dann fasste er sich ein Herz, erhob sich und trat auf die Tür zu, hinter der sein vermeintliches Schicksal lauerte.
Einen Augenblick später sah er sich drei Männern gegenüber, klein und unscheinbar vor einer Übermacht. Sie musterten ihn mit unbeweglichen Gesichtern, bis einer von ihnen kopfnickend auf einen Stuhl deutete.
Der Neunzehnjährige setzte sich. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und die Hände zitterten.
„Sie sind Moritz Anderschratt, geboren am neunundzwanzigsten März Neunzehnhundertsiebenundfünfzig?“, fragte der, der links unter dem Fenster saß, mit schnarrender Stimme. Er war der einzige, der eine Uniform trug.
Der Angesprochene nickte.
„Wie ich Ihrem ärztlichen Befund entnehmen kann, sind
Sie gesund und diensttauglich“, fuhr der Uniformierte fort. „Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, ob das nicht eine gute Grundlage wäre für einen längeren Dienst in unserer Armee?“
Moritz schluckte. Alles kam so plötzlich, ohne Einleitung. Sie ließen ihm keine Zeit zum Nachdenken.
„Eher im Gegenteil“, erwiderte er heiser, entsetzt über seine eigenen Worte.
Da schaltete sich der Mann ihm gegenüber ein. Er trug einen schwarzen Anzug, und das Parteiabzeichen am Revers hob sich aufdringlich ab.
„Wie sollen wir das verstehen?“ Seine Stimme klang hart und polterig: „Wollen Sie vielleicht den Ehrendienst für Ihr sozialistisches Vaterland verweigern?“
Der Delinquent, denn das war er wohl, schüttelte ängstlich
den Kopf und setzte zu einer Erklärung an. „So meine ich das nicht.“
„Haben Sie was gegen unsere Deutsche Demokratische Republik?“, schoss der dritte der Verhörer von rechts. Auch er trug das bekannte Abzeichen am Kragen seines grauen Jacketts.
„Wieso?“, ächzte Moritz, in die Enge getrieben. „Ich hab doch nur Bedenken …“
„Bedenken, Bedenken, was denn für Bedenken! Was soll es denn da für Bedenken geben!?“, meldete sich der Uniformierte wieder. Sein Ton war ein gut Teil drohender und schärfer geworden.
„Ich will nicht an der Grenze auf jemanden schießen“, sprudelte es da aus dem Munde des Neunzehnjährigen. „Deshalb kann ich auch den Fahneneid nicht so ablegen, wie er ist. Ich will Sie nicht belügen, verstehen Sie! Es geht nicht um den Dienst an der Waffe, das ist es nicht. Aber an der Grenze, da kann ich nicht schießen...“
„So ein Quatsch, warum wollen Sie an der Grenze nicht schießen, was soll das?“, fauchte der von rechts. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“
„Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden“, verteidigte sich Moritz mühsam. „Ich weiß auch, dass es Situationen von Notwehr gibt, wo man nicht einfach sagen kann: ,Du sollst nicht töten…‘ Aber an der Grenze, wenn da jemand versucht, unser Land zu verlassen, der greift mich ja nicht an, das ist keine Notwehr…“
„Wollen Sie uns belehren oder was?“, zischte der Uniformierte. „So was gibt’s überhaupt nicht, Schießen in Notwehr, aber nicht an der Grenze, so was ist Blödsinn! Haben Sie mal mit Ihrem Pfarrer gesprochen? Wenn nicht, würde ich Ihnen das dringend empfehlen! Sie haben Verwandte im Westen, stimmt’s?“
Moritz nickte.
„Gut, das spielt nicht so eine große Rolle, wie Sie vielleicht denken. Wir könnten uns was für Sie überlegen, wenn Sie deshalb Schwierigkeiten sehen. – Wenn Sie aber verweigern wollen, wissen Sie hoffentlich, dass das einen Gefängnisaufenthalt nach sich zieht. Denn das ist ,Widerstand gegen die Staatsgewalt‘, falls Ihnen das noch niemand gesagt hat.“
Moritz sah sich bereits als Häftling und schwieg bedrückt.
Die Verhörer lenkten ein.
„Was ist, haben Sie mal mit Ihrem Pfarrer gesprochen?“, fragte der gegenüber Sitzende versöhnlich.
„Nein“, antwortete der Neunzehnjährige vorsichtig. Hätte er andere da mit hineinziehen sollen?
„Das ist schade. Vielleicht hätte er Sie ganz gut beraten. Nun sind Sie aber hier, und wir müssen eine Entscheidung treffen. Warum wollen Sie an der Grenze nicht schießen?“
Wie oft würden sie ihre Fragen und wie oft sollte er seine Antworten wiederholen?
„Einer, der das Land verlassen will, hat mir nichts getan“, erwiderte er schulterzuckend.
„Sie haben vielleicht eine Vorstellung!“, zürnte der Uniformierte. „Nichts getan! Da kann ich Ihnen nur folgendes sagen: Diejenigen, die unser Land illegal verlassen wollen, haben einen Grund dazu! Der ist meistens krimineller Art! So einer kann ein paar Stunden vorher Ihre Frau umgebracht haben, und Sie sagen, er hat nichts getan! Dabei wissen Sie doch gar nicht, was er getan hat!“
Eine bestechende Logik. Moritz schwieg, ihm fiel kein Argument ein. Allmählich verließ ihn die Angst.
Die Männer sahen sich an.
„Gehen Sie noch mal raus“, sagte der im grauen Jackett. „Über Ihre Angelegenheit müssen wir uns noch beraten. Wir rufen Sie später wieder auf.“
Drei Stunden ließen sie ihn warten, drei Stunden, mehrfach von kurzen medizinischen Überprüfungen unterbrochen. Alle, die früh am Morgen mit ihm in dem großen Warteraum gesessen hatten, waren längst gegangen. Keinen hatte er kennengelernt, mit keinem gesprochen.
Der Druck im Magen aber hatte sich gelegt. Es war, als wäre alles gleichgültig, was nun kam. Einzig eine schwere Müdigkeit lastete auf ihm.
Schließlich wurde er in ein Zimmer gerufen, in dem es keinen Stuhl für ihn gab. Hinter einer Art Schalter saßen vier uniformierte Männer. Er erkannte nur den einen von ihnen.
Der zog nun ein Blatt Papier aus einer Aktentasche, und während der beinahe monotonen Rede, die er hielt, saugten sich seine Augen darauf fest. Den Eingetretenen sah er nicht ein einziges Mal an.
„Moritz Anderschratt“, begann er, „Sie haben uns heute erklärt, dass Sie gegen den Dienst an der Waffe ,Bedenken‘ haben, sodass Sie ihn nicht so leisten wollen wie Ihre Mitbürger. Weiterhin haben Sie sich auf Ihre christliche Erziehung berufen, und wie wir wissen, entspricht das der Wahrheit. Sie und Ihre Eltern gehören tatsächlich einer Kirchgemeinde an. Nach allem, was Sie uns gesagt haben, ist es für uns ein zu großes Risiko, Ihnen überhaupt eine Waffe in die Hand zu geben. Doch unser Staat bietet denjenigen, die sich religiös gebunden fühlen und deshalb den Waffendienst ablehnen, die Möglichkeit an, diesen Dienst anders abzuleisten, mit dem Spaten beispielsweise. Sind Sie einverstanden, wenn wir Sie den Bausoldaten zuordnen?“
Da der Sprecher darauf verzichtete, ihn anzusehen, merkte Moritz nicht, dass von ihm eine Antwort erwartet wurde. Erst, als einer der Männer die Frage lauter wiederholte, erwiderte er mechanisch: „Ja.“
„Gut“, sagte der Wortführer. „Dann halten wir das einstweilen so fest. Sie müssen sich allerdings darauf gefasst machen, dass es eine Weile dauern kann, bis wir Sie zum aktiven Dienst einziehen. Für Bausoldaten gibt es einfach nicht so viele ,Planstellen‘.“
Damit übergab er Moritz den grauen Ausweis mit der Blechmarke im Umschlag, das Büchlein, das sie ihm ein Jahr vorher zur Musterung ausgehändigt und an diesem Morgen abgenommen hatten. Und nun zeigte das steinerne Gesicht des Mannes eine erste deutliche Regung: ein Grinsen, unverhohlen und frech.
Draußen regnete es, und auf dem Weg zur Bahnstation durchdrang die kalte Nässe Anorak und Pullover des bleichen, verloren dreinblickenden Fußgängers. Der davon gar nichts wahrnahm.
Stattdessen atmete er tiefer und fühlte von neuem einen Funken des eigenen Wertes. Alle hatten ihn gewarnt, ihm abgeraten. Die Eltern ebenso wie der Pfarrer, der so gern von der „Obrigkeit“ predigte, der man selbst dann gehorchen müsse, wenn man ihre Entscheidungen weder billigte noch verstand.
Gepeinigt von Ängsten und Grübeleien hatte Moritz gefürchtet, im entscheidenden Moment zu versagen. Und nun war schon alles vorbei. Er hatte gesagt, was er dachte und seine Feigheit überwunden. Beinahe ohne es zu merken.
Als sein Zug vorfuhr, stieg er federnd ein und lächelte, zum ersten Mal seit vielen Wochen.
Erster Teil: Spruuz*1
November 1983
Leipzig
Wie oft hatte er sich vorgenommen, die letzten Stunden vor der Abreise einzig mit Liebe zu verbringen! Umarmen, Küssen, Haut an Haut, Stöhnen und Seufzen, bis die Zeit heran war. Schließlich ermattet zum Zug wanken, in einem stinkigen Abteil auf den Sitz sinken und schlafen. Schlafen, bis die verhasste Station vor dem staubtrüben Waggonfenster auftauchte!
Das Leben hatte für derartige Erwartungen nichts übrig und
verspottete ihn. Heidemarie, gewöhnlich recht liebesfreudig, war jede Lust auf körpernahe Genüsse vergangen und ihm selber ebenso. Stattdessen saßen sie da und grübelten und heulten abwechselnd.
Kurz nach Mitternacht legte er seine Lieblingsplatten auf, ein Doppelalbum von Gordon Lightfoot. Zweihundertvierzig Mark hatte er einmal dafür geben müssen; das war der übliche Schwarzmarktpreis und ihm die Sache durchaus wert gewesen.
Als er die Canadian Railroad Trilogy zum vierten Mal abgespielt hatte, war es zehn vor fünf. Er verabschiedete sich von der Stimme aus den Lautsprecherboxen und verbot Heidi, diese Musik vor seiner Rückkehr aufzulegen.
„Ich kann sie sowieso nicht mehr hören“, flüsterte sie und schniefte weinerlich. „Weil ich dann an diese Nacht denken muss.“
„Immer?“
Sie nickte.
„Du hast die Kinder“, versuchte er zu trösten. „Ich hab niemand.“
„Quatsch“, zischte sie, beinahe ärgerlich. „Du bist doch nicht allein dort. Du lernst neue Freunde kennen.“
„Freunde?“
„Warum nicht? Wenn alle im gleichen Schlamassel stecken, verbindet das.“
Erneut begann sie zu weinen.
Er stand auf.
„Ich frühstücke und gehe“, grummelte er. „Ich halt das nicht mehr aus.“
„Willst du dich nicht von den Kleinen verabschieden?“
Doch, das wollte er, obwohl es ihm leid tat, sie so zeitig zu wecken. Sie waren die einzigen, die die Nacht schlafend verbracht hatten. Mechthild war viereinhalb, und der Junge, Markus, sollte in zwei Tagen seinen zweiten Geburtstag feiern. Neben seinem Kopfkissen lag an diesem Morgen schon der grüne Plastetraktor, den Moritz für ihn gekauft hatte.
„Musst du schon weg, Vati?“, fragte die Tochter schlaftrunken, als sich die Tür zum Kinderzimmer einen Spalt öffnete. Sie wusste einigermaßen Bescheid.
„Ja, meine Gute, ich muss los.“ Die Tränen schossen ihrem Vater erneut in die Augen. Er setzte sich auf die Kante des wackligen Doppelstockbettes und strich ihr über das Haar.
„Musst du in den Krieg?“
Hatte er ihr jemals von einem Krieg erzählt?
„Nein“, gab er zur Antwort. „Ich hab dir doch mal gesagt, dass ich gar kein Gewehr kriege. Ich bin ein Spatensoldat. Die buddeln irgendwo in der Erde herum.“
„Suchen die Regenworms?“
„Regenwürmer“, verbesserte er und hätte beinahe gelacht. Ein Teil von ihm war indessen fest entschlossen, an diesem Tag keinesfalls heiter zu sein, und so beherrschte er sich.
„Mach’s gut, Mechthild“, flüsterte er. „Ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen.“
Er drückte sie an sich.
„Ich bete für dich, Vati“, versprach sie ihm. „Jeden Abend sprech ich mit mein Engel. Den seh ich immer. Und ich sag, dass er auf dich aufpassen soll.“
Moritz, mitten im Zweifelalter, glaubte nicht an solche Sachen. Aber er fand es niedlich, wie sie das sagte. Sie besuchte einen evangelischen Kindergarten.
„Schon gut“, murmelte er zerstreut und wandte sich Markus zu, der im oberen Teil des Bettes schlief.
Der Junge schien weit ins Traumland entrückt, atmete tief und regelmäßig und rührte sich nicht. So entschied der Vater, ihn zu lassen, wo er war, legte vorsichtig den Traktor zurecht und schlich auf Zehenspitzen hinaus.
Heidemarie musste zur Arbeit und konnte ihn nicht begleiten. Nach einer langen Umarmung, der bisher schmerzlichsten seines Lebens, löste er sich von der Frau. Allein in die Straßenbahn steigen zu können, machte es wieder ein wenig leichter.
Die Linie Vier war überpünktlich. Neben einigen schlaftrunkenen Frühschichtlern saßen zwei junge Männer im Wagen, die gleich dem neuen Fahrgast eine Reisetasche und einen zusammengefalteten Pappkarton unter dem Arm trugen. Schicksalsgenossen.
Moritz sprach sie nicht an. Schweigend war ihm wohler, und vielleicht handelte es sich nicht einmal um Bausoldaten.
Bedrückt sah er aus dem Fenster. Draußen setzte leichter Nieselregen ein. November, wahrhaftig.
Das zeitige Frühstück lag schwer im Magen. Er nestelte an der Reisetasche herum, zog den Reißverschluss auf und förderte ein Reclam-Bändchen zutage: Heinrich Böll, Mein trauriges Gesicht. Erzählungen. Genau das Richtige.
Nach einer Weile sah er ein, dass er den Sinn des Gelesenen nicht erfassen konnte. Das, was mit ihm geschah, hielt ihn fest. Es verschloss ihm den Genuss an den Sätzen des westdeutschen Sprachmeisters. Enttäuscht ließ er das kleine Buch wieder in der Tasche verschwinden.
Am Hauptbahnhof stieg er aus und folgte langsam den möglicherweise künftigen Gefährten, die ein wenig eiliger ihrem Abfahrtsbahnsteig zustrebten.
Der Zug nach Frankfurt/Oder fuhr in einer halben Stunde. Einmal nur würde er umsteigen müssen. Sie hatten ihm die genaue Verbindung bereits mit dem Einberufungsbescheid zugestellt.
Noch nie hatte Moritz die großen, schmutzigen Hallen samt den berühmten sechsundzwanzig Bahnsteigen gemocht. Heute plötzlich erschienen sie ihm wie der letzte Rest einer von nun an verlorenen Heimat. Es war genügend Zeit, um noch einmal von der Ost- zur Westhalle zu schlendern und ein paar Minuten vor dem Intershop-Schaufenster zu vertrödeln. Dann stieg er die Treppen hinauf und nahm Abschied von diesem Gebäude wie von allen anderen Dingen, die sein Leben bisher erfüllt hatten. Mit düsterem Behagen sog er die typischen Gerüche ein, die vom Erbrochenen der Betrunkenen, von übertrockneten Urinlachen und dem Taubendreck, mit dem der breite Querbahnsteig übersät war, ausgingen.
Die Waggons warteten längst auf ihre Insassen und die Lokomotive wurde soeben angehängt. Nachdem Moritz eingestiegen war, eilte er durch die Abteile, um einen günstigen Platz zu finden. Schnell fiel ihm auf, dass der ganze Zug mit seinesgleichen angefüllt war, Reisetaschen und zusammengefaltete Pappkartons überall. Graue, verschlossene Gesichter, die sich mühsam aufhellten, wenn sie mit den anderen, den Leidensgenossen, ins Gespräch kamen oder versuchten, durch das Abrauchen einer Zigarette ihr Gleichgewicht wiederzufinden.
Der neue Passagier setzte sich zu einem Langen und einem Dicken. Er nickte ihnen kurz zu und schickte sich an, wieder in sein Brüten zu versinken.
Einen Augenblick später schreckte ihn ein Räuspern auf.
Der kleine Dicke, der sich anscheinend schon mit dem abgefunden hatte, was auf ihn zukam, wandte sich ihm zu.
„Nach Seelow, stimmt’s?“, schätzte er wissend. „Spatie!“
Moritz nickte. „Ihr auch?“
„Na klar“, antwortete der Lange. „Ich weiß nicht, wie die das organisieren, aber die, die mit diesem Zug unterwegs sind, sind alles Bausoldaten. Auf dem Bahnsteig habe ich mit mehreren gesprochen und das sofort gemerkt. Ein paar gehen nach Doberlug-Kirchhain, glaube ich. Die anderen fahren nach Seelow, wir beide auch. Das Drei-Meere-Dreieck: Waldmeer, Sandmeer, Nischtmeer.“
Er lachte hölzern.
Der Neuankömmling seufzte.
„Ich hab die Schnauze voll“, gab er zu. „Irgendwann musste es ja passieren. Trotzdem bin ich fix und fertig.“
„Verheiratet?“, fragte der Dicke leutselig.
„Ja. Zwei Kinder. Ein Mädchen, ein Junge.“
Der Zug fuhr an. Nichts ließ sich festhalten, ein Bahnhof schon gar nicht.
...
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