Eigentlich wollte ich die Geschichte ja gar nicht aufschreiben, weil doch alle so über die dicke Bäckersfrau gelacht haben. Dann aber wurde die Sache schlimm und schlimmer, denn die dicke Bäckersfrau steckte mit ihrer Traurigkeit den Bäcker an, und der konnte vor lauter Traurigkeit keine lustigen runden Brötchen mehr backen. Alle wurden lang und dünn und sahen recht griesgrämig aus.
Solche Gesichter machten dann auch bald die Kugelberger. Wie soll man den Tag fröhlich beginnen, wenn aus dem Brotkörbchen solch traurige Teiggesichter schauen. Endlich bat mich die dicke Bäckersfrau, die Geschichte doch aufzuschreiben. Vielleicht liest sie jemand, der einen guten Einfall hat, wie man den Kugelbergern
ihre fröhlichen Gesichter zurückgeben kann. Schließlich verscheuchen solche Gesichter noch die Sommergäste, und Sommergäste kommen jedes Jahr viele nach Kugelberg.
Diese hübsche kleine Stadt liegt weit ab von Autostraßen und Flugzeuglärm, mitten im Grünen. Es gibt ein Rathaus aus roten Backsteinziegeln mit einem grünen Dach, eine Schule mit blank geputzten Fenstern und
einer Fassade so bunt wie dein Bilderbuch, ein Krankenhaus für Menschen und eines für Tiere, eine Feuerwehr für den Notfall, eine Hufschmiede für die wichtigsten Vierbeiner im Ort, eine Gaststätte für die Gäste und ein großes Freibad für alle. Am Marktplatz reihen sich kleine Geschäfte und ein großer Gemüsemarkt, kurz alles, was eine richtige Stadt so braucht.
Halt!
Ein paar große Kleinigkeiten sucht man in Kugelberg vergeblich: einen Kindergarten, eine Tankstelle und ein Blumengeschäft.
Warum?
Nun, im Sommer gehen Opas und Omas mit den Kindern auf die große grüne Wiese am Wald zum Spielen oder ins Freibad, und im Winter gehen Opas und Omas mit den Kindern rodeln, oder sie erzählen lange,
lange Wintergeschichten vor dem Kamin. Erzählen können Omas und Opas sowieso am besten – stimmt’s?
Eine Tankstelle brauchen die Kugelberger nicht, weil sie auf Autos und Motorräder verzichten und lieber mit dem Rad fahren, laufen oder reiten. Deshalb gibt es hier auch die meisten und hübschesten Kutschwagen weit und breit. Kleine für zwei Personen und große für die ganze Familie.
So, jetzt wisst ihr auch, warum es in Kugelberg noch nie einen Autounfall gegeben hat!
Ein Blumengeschäft brauchen die Kugelberger nicht. Zu jedem weißen Häuschen gehört ein rotes Dach und ein schöner großer Garten. Zu jedem Fenster gehört ein Blumenkasten und zu jeder Straße gehören Bäume, Büsche und Sträucher. Manchmal ist es ganz schön schwer, ein Haus hinter all dem Blattwerk zu entdecken.
Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Zum Beispiel
Tante Hedwig: sie wohnt im Amselhaus auf dem Kastanienweg. Jetzt muss man nur noch wissen, wie eine Kastanie aussieht und wie eine Amsel singt, und schon hat man das Haus von Tante Hedwig gefunden.
Nur mit dem Haus von Opa Förster ist es etwas schwierig. Er wohnt auf dem Eichenweg im Käuzchenhaus, und Käuzchen rufen erst, wenn es schon richtig dunkel ist. Aber auch das ist nicht so schlimm, denn Opa Försters Haus ist das erste auf dem Eichenweg, gleich neben der dicken, bunten Litfaßsäule. Am schönsten ist das Haus von Tante Marie. Sie wohnt im Rosengarten, einen Meisenruf weit vom Vergissmeinnicht-See.
Und hier beginnt auch die traurige Geschichte:
An allem ist Otto schuld!
Otto ist der Jüngste der Familie Grün, die sieben Pferde-längen hinter der Stadt im Kugelberger Vergissmeinnicht-See wohnt. Der See hat herrlich klares Wasser und außer einem großen Strandbad auch noch blitzblaue Vergissmeinnicht-Wiesen. Hier halten sich die Kugelberger im Sommer am liebsten auf, und hier wohnt auch Otto, die Familienschande.
Für einen Frosch hat Otto eindeutig viel zu viel Phantasie! Das ist natürlich keine Schande. Nur wenn man Phantasie und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten kann, wird es schlimm oder eine ganz traurige Geschichte.
Tag für Tag liegt Otto auf einem großen, gelb umrandeten Seerosenblatt, die Beine übereinandergeschlagen und schaut den vorbeiziehenden Wolken und den Vögeln nach. Dann fallen ihm die Augen zu, und er träumt die tollsten Abenteuer. Wenn er aufwacht, weiß er nicht mehr, dass er alles nur geträumt hat, und er schreit und lärmt und erzählt dem ganzen See die Geschichte, die er geträumt oder in den Wolken gesehen hat.
Leider kann Otto Geschichten so erzählen, als wären sie tatsächlich wahr. So versetzt er Tag für Tag den ganzen See in helle Aufregung.
„Das nimmt noch ein schlimmes Ende“, sagt Opa Grün wieder und wieder, schüttelt den Kopf und bläst kleine grüne Ringe aus seiner Schilfpfeife in den Sommerhimmel.
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