OSTERLAND IST ABGEBRANNT
Essays und Clownerien
mit Zeichnungen von Akram Mutlak
Essays sind langweilige Kulturbetrachtungen?
Nicht, wenn Kalka die Urgründe seiner Poetik freilegt und dabei an Wolfgang Hilbig erinnert!
Oder wenn er eine ostpolnische Dichterenklave entdeckt, wohin dann ein Sonderzug Leipziger Kulturgranden mit dem VS-Boss im Luxuswagen dampft.
Oder wenn er eine Exportfirma für revoluzzionäre Träume gründet.
Oder die Geschichte des Osterlands aufreißt. Aber das lesen Sie mal selber!
Mutlaks Clowns sind beweglich wie Gliederpuppen. Wie weit er ihre Gelenke auch überdehnt, sie stehen das mannhaft durch. Manche Betrachter reagieren dabei schon mal mit Rupturen und Luxationen. Also nicht zu lange hinschauen!
Weggucken aber ist auch keine Lösung! Reindenken! Nachahmen! Garantiert besser als Yoga!
Euer Andreas Beulenspiegel (derzeit lazarettiert wegen Aryknorpelluxation)
die Sorben bei Cici
Durch diese Gassen zogen nach ihrer Elbüberquerung die Ger-Mannen, ihnen voran die Thoringer. Was links und rechts überlebte, wurde unterworfen, steuerpflichtig, vermischt, überfremdet, befestigt, zu Rittern geschlagen, zu Knappen
rekrutiert. Von den Ureinwohnern blieben archäologische Relikte wie Scherben von Schnurkeramik, und wer Swantewid genannt wurde, hieß von nun an Thor. Aus der heidnischen Dreieinigkeit wurde die heilige nach dem übernächsten Krieg. Die Slawen hockten hier, heckten wie die Karnickel, tanzten um Frühlingsfeuer zwischen Altenburg und Cici, pflanzten Weiden und Kirschen zwischen Elbe und Oder, benannten sich um, wurden Thoringer, germanischer als die Ger-Mannen, Christen – christlicher als Christus, Bonapartisten – kleinwüchsiger als Napoleon und Marxisten – marxistischer als Lenin. Jeweils nach dem übernächsten Krieg. Sie mieden Stimmlokale und keiner von ihnen hat je ein Parlament von innen gesehen. Nach der Rückgabe der rückeroberten slawischen Ostgebiete durch das Großrussische Reich sowjetischer Gesinnung fielen die Slawen wieder den Ersteroberern in die Hände und diese verkündeten: Rückgabe vor Entschädigung.
Vor jedem Haus erschienen Alteigentümer und stritten sich, wer denn der älteste Eigentümer sei, und die Thoringer
Slawen, zu marxistischen Thüringern mutiert, besannen sich auf den Heiland und die erhaltenen Kirchen und zahlen den Zehnten bis zum Ende des Lebens und blechen an Alteigentümer für Häuser, in denen sie immer schon wohnten und saßen, die sie bewohnten und besaßen.
Am Vormittag von Walpurgis, der heidnischen Hochzeit des Bauern mit Mutter Erde, den Fruchtbarkeitsritualen, dem Segnen der Natur mit Tänzen und der Unschuld des Feuers, dem Drama des Winter-Austreibens, dem Hochgefühl auf Kommendes, blühen die Kirschen. Fast alle Straßen sind von diesen Bäumen gesäumt von Platschütz bis Geußnitz, von Dobraschütz bis Illsitz, von Kriebitzsch bis Tröglitz und weiter nach Norden. Kirschland heißt dieser Flecken. Wer ihn so nennt, wird wiedergeboren als Kirsche, heißt es in einer Sage. Osterland ist der Deckname für Kirschland. Aber Osterland ist abgebrannt.
Denn es ist eine Chimäre der Nachwendezeit. Ostara, das haben die eifrigen konservativen Umbenenner übersehen, ist die germanische Frühlingsgöttin und Ostern das Fruchtbarkeitsfest der Ostara, heute mühsam übertüncht mit dem Kreuzigungsritual. Aber was, um aller Götter Willen, hat Ostara hier verloren? Gehören ihr die Altäre, die Kirchlein, die Felder und die Kirschen?
Ja, Kirschen wachsen hier, als wären sie zu allerst da gewesen. Vor allem anderen. Sie stehen, blühen, reifen und fallen ab. Keiner pflückt sie, als wären es heilige Pflanzen. Nur Stare vergreifen sich daran und Katzen lungern auf der Wiese, im Sprung, einen Vogel zu haschen. Alte Bäume, unsagbar alt. Mit tropfendem Baumsaft. Über die Rinde rinnend wie
geronnenes Schweigen. Knorrig wie Urahnen. Junge Zellen wachsen unter gedörrter Borke nach außen und keine Dürrezeit nimmt den Stämmen die Kraft. Wurzeln breiten sich aus, heben den Teer der Straße, zersetzen Sandstein, dringen ein in Mörtel. Zwischen Schwanitz und Göllnitz mit stillgelegten Mostereien, Tegkwitz und Dobraschütz, wo sie in verstaubten Schreinereien Butangas vertreiben, in Schelditz, Görnitz und Geußnitz, Oelsen, wo das Ausflugslokal, der Rosengarten,
zusammengehalten wird von Spinnweben, in Prehlitz, Penkwitz – alles rundherum weggebaggert und untergraben: Wo Slawen hausten, gab es Schätze. Silber, Braunkohle, Uran. Zumindest Vieh und Weiber. Die slawischen Slawen haben sich immer wieder unter die Thoringer Slawen, die slawischen Marxisten oder rechristianisierten Umbenannten gemischt.
Legale heimliche Völkerwanderungen während der Erntezeiten. So auch meine Vorfahren. Die kamen aus Poznań. Blieben in Schnauderhainichen hängen und Urgroßvater zog in seinen ersten deutschen Krieg. Wo er auch blieb. Sein Sohn, der ihn nie zu Gesicht bekam, zog um nach Krostitz, weil unter seinem Haus Schätze lagen; und das nächtliche
Kreischen der Schaufelradbagger sollte ich bis in meine Pubertät hören. Meine Großmutter hieß Josefiak, verheiratet Kalka. Das klang wenigstens ein bisschen Deutsch und sie überlebte den zweiten deutschen Krieg.
In einem Mehnaer Bauernhaus, etwas oberhalb des Angers, saß ich mit Alina, der Schreinerstochter, in einer winzigen Laube mit Fenstern ohne Glas, luftig gebaut, mit Bank und Tisch im Innern. Zwei Meter weiter krähte der Hahn auf dem Mist, links ein winziges Blumenbeet, der Rest war wild wachsender Rasen, nie gemäht, nie geschnitten, nur zertreten. Alina kämmte mir die Haare. Ich flocht ihr Zöpfe. Sie verriet mir damals, als wir auf der Bodenkammer das verstaubte Grammophon fanden, was sie werden wolle: Perückenmacherin.
Sie legte die Schelllackplatten auf (die ich endlich mit drei „l“s schreiben darf) und ich kurbelte, bis die Feder aufgezogen war. In Nuschke Ellas Stube hörten wir das Knacken und Alina knipste das Licht aus. Hände huschten. Der Atem des anderen spürbar auf der Haut.
Im Nebenraum wohnte Großmutter – die Durchgangstür war hinter einem Schrank versteckt. Darüber lebten Alinas Eltern und Nuschkes Ella streunte durchs Dorf. Huschte von Zimmer zu Zimmer. Sie war ein Symbol für Geduld und Großzügigkeit, eine Frau, die ich nie schimpfen hörte, nicht einmal, als wir ihre beste Kaffeetasse zerbrachen. Alle Grenzen der Erwachsenen waren ausgelotet. Es gab immer Empfindlichkeiten oder einen Punkt, wo sie es nicht mehr aushielten. Nuschkes Ella hatte keine Grenzen. Wir tobten über Tische und Stühle, krochen unter die Couch, warfen mit Kissen, kitzelten uns, bis aus Lachen Weinen wurde. Wir spuckten mit Kirschkernen, traten uns auf die Füße, hörten Radio, sahen fern. Brannten Kerzen an und tropften Wachs auf den Teppich. Wir ließen es genug sein, weil wir uns selbst nicht mehr ertrugen. Alina knipste das Licht aus. Unvorbereitet ihre Hand auf meinem Knie. Mein Mund spürte ihren Atem. Ein Geräusch. Licht. Nuschkes Ella tapste, sah, knipste das Licht wieder aus und verschwand.
Zur vorletzten Kirschreife zeigte ich das Dorf meiner Frau. Der Gasthof, in dem sich die Skater zu wöchentlichen
Spielrunden trafen, geschmückt mit Karten im Rahmen. Bei jedem Super-Spiel Schwarz-angesagt-Grand-Ouvert, das
gewonnen wurde, mussten die Blätter eingezogen werden. Hier gewann oder verlor man offenbar häufig.
Im Saal, als Turnhalle genutzt, tanzten wir nach „I Can’t Get No“ und „Child Of Time“, lungerten auf den Matten herum oder lehnten an den Säulen – selten allein. Auf der abschüssigen Straße Walnussbäume, links die Kirche mit dem stecknadelspitzen Turm, den eine goldene Bulle krönt: mit Urkunden, Namen von Wichtigtuern und gekritzelten Bibelsprüchen. Zweihundert Meter rechts Gutshäuser, geht’s linker Hand in ein Gässchen hinein, an dessen Ende ein im Gärtchen verschwindendes Häuschen steht. Kaum groß für eine Familie, aber damals wohnten dort zwei oder drei. Davor ein Kinderwagen mit einem kräftigen Schreihals. Das Parterre immer unterkühlt und das Ofenrohr glutrot. Der Schreihals, geboren zwölf Jahre und achtundfünfzig Tage nach dem Ende des Krieges.
Unterhalb des Gässchens das Haus mit dem Hahn auf dem Mist und dem Gartenhäuschen. Mit der Bank vorm Haus.
Der Hahn kräht hier nicht mehr. Der Mist ist auch verschwunden. Zwei alte Menschen auf dieser Bank. Der Mann steht auf und läuft auf uns zu. Er erkennt mich nicht. Er sieht aus, wie er immer aussah, dachte ich. Die Alten werden nicht alt in unseren Augen. Ich heute so alt wie er damals. Er fragte: „Die Juden kommen immer hierher und wollen uns was verkaufen. Sind Sie Jude?“ Ich nenne einen Namen.
Meinen. Er lacht. Öffnet das Tor. Die Frau läuft auf uns zu. „Das habe ich doch gleich gesehen“, zieht sie uns ins Haus. In die Stube der Großmutter. Der Schrank, welcher die Tür verdeckte vom Ende des Krieges bis zu meinem letzten Besuch, ist verschwunden. Ich gehe ins Nebenzimmer, sehe zur Ecke, wo die Couch stand. Der Lichtschalter daneben. Erneuert. Der alte war schwarz. Dieser ist weiß. Es gibt frisch gebackenen Kirschkuchen. Sie wollen alles wissen, am meisten die
Schreinersfrau. Ich sitze da, als hätte ich immer hier gesessen.
Ich rede und schaue mich um in den Pausen. Ich bin in einer anderen Welt, einer anderen Zeit, einem Universum, das meins nicht ist. Es riecht anders. Die Fenster sind größer. Die Dielen frisch lackiert. Die düstere Lampe, die unbequeme
federnde Couch, das Röhrenradio an der Wand mit zwei Langwellensendern und einem Draht als Antenne, das dunkle Küchenbuffet mit den klemmigen Besteckfächern, der wacklige Metallofen mit den gesprungenen Platten, auf dem so oft der Bratentopf stand, die Spinnen in den Ecken und das Fernsehschränkchen mit den selbstgemachten Likören im Fach, der Tisch für sechs Personen, ausgezogen auch für neun oder dreizehn, wenn man die Kinder auf den Schoß nahm, das gute Buffet mit dem Goldrandporzellan, den tiefen Tellern und Schüsseln für Feiertage, den geschliffenen Weingläsern hinter den Glasschiebetürchen – ein Geschenk der LPG „Frohe Zukunft“ zum XX. Jahrestag – und den weißen
Leinentischdecken, auf denen sich kein Fleck breitmachen durfte vorm Tischgebet, das nicht mehr gesprochen wurde: Das war Großmutters Stube. Ihre winzige Welt. Wo alles seinen Platz hatte. Wo ich alles fand. Alles, was ich brauchte. Bis im Nebenzimmer das Licht ausging.
Großmutter ist verschwunden und Großmutters kleine große Welt gibt es nicht mehr. Nuschkes Ella starb, irgendwann
erzählte es mir mein Vater. Auch ihre große kleine Welt mit den Kirschkernen, den Tischen und Stühlen, den
zerbrochenen Kaffeetassen, dem Grammphon und Schelllackplatten mit den ersehnten drei „l“s ist nicht mehr auffindbar, nicht einmal ein Krümel davon.
Das Haus wird überragt von zwei Kirschenbäumen. Die Schreinersfrau drückt mir einen Bahnert in die Hand. Ihr Mann überprüft die Leiter und ich pflücke zwei Körbe. Einen für sie. Einen für mich.
Fast zwei Jahre später, zur Kirschblüte, fahre ich dort vorbei, am Walpurgisvormittag. Zehn Kilometer weiter halte ich, steige aus, läute an einem Haus, in dessen Erdgeschoss sich ein Friseurlädchen befindet. Eine korpulente kleine Frau öffnet. „Frau Nuschke“, spreche ich sie mit ihrem Mädchennamen an. „Meyer“, korrigiert sie mich. In meinem Anzug sehe ich aus wie ein Vertreter. Sie erkennt mich nicht. So viel Zeit ist vergangen. So viel Narben im Gesicht oder Falten? Ihr Vater erkannte mich auch nicht. Ich nenne einen Namen. Wir sitzen auf ihrer Terrasse. Ihren Mann stellt sie mich vor mit: Das war mal mein erster Freund.
Alina habe ich nie geliebt. Oder ich wusste es nur nicht?
Das Kirschland mit seinen sanften Hügeln verlieh mir immer eine Gelassenheit, die ich, verlasse ich diese Gegend, entbehre. Es ist Aufgehobensein im Schoß der wilden Horden, Getragenwerden von den Kirsch-Legenden, dem Geheimnis der sprachfremden Ortsnamen, die alle enden mit „witz“, „schitz“, „nitz“, „litz“ oder „ditz“. Was liegt darin verborgen? Was, wenn man es öffnet und freilegt wie die Schätze der Erde? Sollen sie doch Vieh und Weiber nehmen! Nicht aber die Schätze der Erde! Sie nahmen sich Weiber und Vieh. Danach die Schätze der Erde. Verflucht! Der Fluch hält an. Er trifft jene, die sich sicher fühlen. Schacherer, Geldwertvermehrer, Heidenverachter.
Swantewid lehnt an einer der Knorpelkirschen und beißt hinein. Hier ist das Leben! Süßes Leben. Swantewid wartet auf die Rückkehr seiner Slawen als Slawen.
1999
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