Dieter Kalka
ODINS MET & ORPHEUS' GESANG
Ein Essay und Gedichte
Bilder von Bernd Kerkin
Was sollen diese vier Contrairethemen in einem Buch: Odin und Orpheus, polnische Lyriker und ein postmodernen Pinselheinrich aus Mecklenburg?
Odin, vom Thron gestoßen als Poetengöttchen, hat der Autor zurückgegeben, was ihm zusteht. Orpheus, der glatte, bejubelte, hat etwas von seinem Nymbus verloren. Es wird schon noch genügend Goldglanz an ihm kleben bleiben. Kerkins Arbeiten? Passt das? Wollen wir aber wirklich Bildchen germanischer Runen vorfinden oder einen rotbärtigen Rauschegott? Ganz nahe am Kitsch gebaut?
Und die Poesie, an Orpheus gerichtet, sollte sie nicht universell sein und für alle gelten, welche die Lyra schlagen und auch die Beschützer, die Götter, mit einbeziehen, oder wie man moderner sagt: den Archetypus. Der in allen steckt. Den man nur erwecken muss. Von mir aus mit einem Schluck Met.
Euer Andreas Beulenspiegel
ISBN 978-3-942469-20-5, 58 S.
Für Bim,
den Erfinder
der Obstweinstände
Vorwort
I
Die Perser haben ihre Mythen, Ägypter und Griechen auch, selbst das kleine Volk der Hopi. Christen und Moslems ehren ihre heiligen Bücher. Die Deutschen haben – bis auf Grimms Märchen – nichts.
Sie hatten. Inzwischen sind ihre Mythen so gut wie vergessen. Im Schullehrplan kommen sie nicht vor, höchstens als Spezialgebiet der Germanistik.
Es wurde ihnen vor tausend Jahren von Inquisitoren ausgetrieben, sich auch nur an die Namen ihrer eigenen Götter zu erinnern. Daran haben weder Aufklärung noch der Wegfall der Zensur etwas geändert. Nicht einmal die derzeit unbegrenzte Freiheit, die allerdings auch seltsame Blüten treibt, nur nicht das Naheliegende zuwegebringt.
II
Wozu ist Dichtung wichtig?
Der Schönheit wegen? Zu romantisch-eitlem Vergnügen? Eine Art intellektueller Sport, eine Poesie-Olympiade: Goethe gegen Rimbaud oder Pasternak? Wer gewönne?
Eine Demokratie lebt vom sprachlichen Austausch. Ohne ihn gibt es nur die Keule der Gewalt – also Diktatur.
Hüten wir uns also, die Sprache zu beschädigen, sie zu verstümmeln oder Worte mit Bann zu belegen! Lassen wir uns nicht von selbsternannten Grobianen, die auch vor hoher Literatur nicht zurückschrecken, das wichtigste Instrument und die Grundlage unseres Zusammenlebens zerstören!
Denn wenn Leute, die das sprachliche Einmaleins nicht beherrschen, Regeln vorgeben wollen, kann dabei nur ein Babel der Verwirrung herauskommen.
Dichtung ist die Krone der Sprache. Für eine Demokratie sollte sie Wahrzeichen sein und die Sprache ein Garant des Miteinanders freier Bürger. Wo sie beschädigt wird, gerät Dichtung in die Verbannung.
Die Schirmherren – im vorliegenden Text werden zwei von ihnen vorgestellt – thronen über allem: als Idee.
Ob wir sie bisher kannten oder nicht, wir alle haben von ihnen profitiert in den Entwicklungsphasen unserer Zivilisation. Ich rücke sie in diesem Text nur wieder etwas ins rechte Licht.
Ob nun in Europa oder Asien, Poesie gibt es überall. Aber nur in unseren alten Büchern ist beschrieben, wie sie in Urzeiten entstanden ist.
Odins Met & Orpheus’ Gesang
I
Wer ist eigentlich Odin?
Und wer, um alles in der Welt, ist Wotan?
Orpheus? Den kennt man ja noch. Den Gott der Dichtung für die einen und den sagenhaften Sänger für die anderen. Eigentlich war er ein Mensch. Nun, irgendwie wurde er zum Gott stilisiert. Wie, weiß keiner.
Orpheus – der Grieche!
Und Wotan? Oder Odin?
Südgermanisch: Wotan. Altisländisch: Odin. Derselbe. Ein Germane! Einer von uns, möchte man meinen. Von ganz früher. Göttervater der nordischen Mythologie! Klingt sehr wissenschaftlich. War aber eher mächtig-gewaltig. Hat man mal gehört. Oder auch nicht. Das war’s schon.
Menschheitsgeschichtlich: Als Odin geboren wurde, war Orpheus längst tot.
Die Griechen waren früh dran.
Die Germanen erschienen sehr spät auf der Bühne der Weltgeschichte.
zweifelhafte vaterschaft
wäre orpheus mein vater
nie wäre ich sänger geworden
manager vielleicht
wie der sohn eines bekannten
deutschen autoren
nie hörte ich meinen vater singen
nicht mal im trunk
denn er trank nicht
als müßte ich singen
um etwas ins gleichgewicht zu setzen
und trinken dazu
suche ich orpheus als einen fernen
vertrauten, der den weg findet
die seelen zu berühren und die
unebenheiten der körperlosen formen
zu glätten
Dieter Kalka