Dieter Kalka
NOTEINGANG
Lieder 1979-2026
Nur 165 Lieder und noch nicht mal ’ne CD dabei? Aber immerhin 41 Partituren. Dann mal ran an die Klampfe!
Verstreut ist in der Schatzkiste einiges zu finden an Zeichnungen und Materialien, zur Entstehung und Rezeption der Lieder. Mit viel Patina und Zeitkolorit. Dazu Nachdichtungen und Raubkopien aus dem Geheimarchiv eines gewissen Ministeriums.
Ich, euer Beulenspiegel, erblicke auf Seite 70 das Licht der Welt. Die Geburtsblase platzt gleich in Zeile eins. In der folgenden Strophe bin ich ein rotzfrecher Unterrüpel und in der übernächsten schon erwachsen. So schnell kann’s gehen. Bevor ich alt werde, lest es! Auch Papier ist vergänglich.
ISBN 978-3-949143-51-9 · 292 Seiten · 20,00 Euro
NOTEINGANG
Lieder 1979-2026
Nur 165 Lieder und noch nicht mal ’ne CD dabei? Aber immerhin 41 Partituren. Dann mal ran an die Klampfe!
Verstreut ist in der Schatzkiste einiges zu finden an Zeichnungen und Materialien, zur Entstehung und Rezeption der Lieder. Mit viel Patina und Zeitkolorit. Dazu Nachdichtungen und Raubkopien aus dem Geheimarchiv eines gewissen Ministeriums.
Ich, euer Beulenspiegel, erblicke auf Seite 70 das Licht der Welt. Die Geburtsblase platzt gleich in Zeile eins. In der folgenden Strophe bin ich ein rotzfrecher Unterrüpel und in der übernächsten schon erwachsen. So schnell kann’s gehen. Bevor ich alt werde, lest es! Auch Papier ist vergänglich.
ISBN 978-3-949143-51-9 · 292 Seiten · 20,00 Euro
INHALTSVERZEICHNIS
BILANZ 11
WARUM EIGENTLICH NICHT MATHEMATIK? 13
Ein Vorwörtchen
MEUSELWITZER LIEDER 19
Der Mann aus Stein 20
Mühlenlied 22
Kristallpalast 25
Toppschnitt – Taubert 28
Der Ketzer 31
Abschied 35
DER BAUERNMARKT VON KLEIN-PARIS 37
mit „DIETERS FROHE ZUKUNFT“
Der Bauernmarkt von Klein-Paris 38
Das Modell 40
Stehgeiger 41
Reichsbahnversteigerung 44
Volkssoli 46
Hochzeitslied 48
Der Schanzenraub zu Hohburg 50
DAS UTOPISCHE FESTIVAL 53
Schwarzbierkrug 54
Vaterlandslied mit Elbewalzer 55
Der Kelch 58
Winterlied 59
Lob des D-Zugklosetts 62
Kyffhäuser 64
Unterm Zackenmond 66
Blues 67
Räuberlied 69
Beulenspiegels Aufgesang 70
Wilde Gräser 72
Der Schand-Esel 74
Der Zug 77
Lagebericht 81
Fiktiver Report 82
NOCH HABE ICH DIE FREIHEIT ZU LIEBEN 85
Mutter Kessel 86
Uferlose Wälder 87
Großvater 92
Uta mit der Olivenhaut 93
Für meine Eltern 96
Vorm Spiegel 98
Lied für mein Bandoneon 101
Freiheitslied 104
Liebeslied Nr. 1 106
Noteingang 107
Kurz wie eine Ewigkeit 109
SONNEN-WENDE 111
Inventur 112
Verkehrte Welt 114
Märzlied 116
Stoßgebet 117
Sonnen-Wende 118
Pariser Hochzeitslied 119
Ost-Germania 120
Revolutionslied 124
Barfuß 126
Wildes Haar 127
Beobachtung im Park 128
Mailied 1988 130
Mailied 2025 132
NACHLESE 135
Das Narrenschiff 137
Frühlingslied 140
Fuchsjagd 142
Fritze, alter Dichterbarde 143
Erste Liebe 144
Der Mann mit dem Loch in der Lunge 146
Laß uns ziehen, singt der Wind 148
Shunen Romale 149
Mein Indianerweib 150
Herr im Steppenwind 152
Schalk, lach du 153
Sattle die Pferde! 154
Minsker Freiheit 156
Höllentor 158
Sowjetskoje Schampanskoje 160
Sünderleins Vergebung 161
Diabolus und Gabriel 162
Das Stetl von Lublin 163
Piwnica pod Baranami 166
Wiener Trinklied 2022 170
DABEI HATTE ALLES SO GUT ANGEFANGEN 172
Folkoper für Feuertanz/Ilmenau
Kötersong 174
Katerballade 175
Hahnenlied 176
Lied vom Schatz 177
Räuberklage 178
Mißtrauen 179
Da haut er ab mit unsrem Geld 180
Lied der Harmonie 181
Vom einfachen Leben 181
LITERATURVERTONUNGEN 183
Für Villon 184
Der Drehorgler (Emanuel von Bodman) 186
Was wirst du tun, Gott (Rainer Maria Rilke) 188
Trampers Wiegenlied (von Woodie Guthrie gehört) 189
Nikol Reifenteufel (Kurt-Arnold Findeisen) 190
5. Sonett (Franz Hodjak) 192
Piosenka bez słów (Anna Janko) 194
Nach einer isländischen Sage 196
(„Jooschen“ Josef Hermann Engelke)
Le Pont Mirabeau (Guillaume Apollinaire) 198
Das gestohlene Herz (Artur Rimbaud) 200
fragwürdige rückkehr (altes Kesselhaus) 202
(Wolfgang Hilbig)
eine art abschied (Wolfgang Hilbig) 204
Zufall. Gedicht zu meinem 60. Geburtstag 206
(Wolfgang Hilbig)
KINDERLIEDER 209
Breinachten 210
Barbie Kugelrund 212
Indianerlied 214
Eiscreme 216
Käpt’n Snob 218
Zoo-Shop 220
MEIN HERR, MEIN KÖNIG HÄTT MIR GERNE
DREISSIG MARK VERMACHT 221
Nachdichtungen, Walter von der Vogelweide
Ich saß auf einem Steine 222
Ai, wie christlich der Papst 223
Herr Papst, ich möge genesen 224
König Constantin gab so viel 225
Den ich im Leben pries 225
Wer ohrensiech und sonst muß leiden 226
Mir hat Herr Atze ein Pferd 227
Übermaß, nimm dich ihnen an 227
Mein Herr, mein König hätt mir gerne dreißig Mark
vermacht 228
Uns hat der Winter geschadet, überall 229
LETZTE LIEDER 233
Bürgerlied 2025 234
Der Guru von Michaelstein 236
Cognitive Warfire 238
Die Erde ist eine Scheibe 240
Flut 242
Junge Weltherrscher 243
Im Eimer 244
Westwind 245
Stecher 246
Morgens früh um sechs 248
Lied von einem Land hinter sieben Bergen 250
Zögern 251
Vielfalt 252
Reichtum 253
Schnüffelnasen 254
Land zu verkaufen 256
Bundesnacht 257
Die Sensiblen und die Peniblen 258
In der Verbrechokratie 259
Verfassungsschutz 260
Die alte Tante Bundesrepublik 262
Bobby von der Windradlobby 264
Wutmensch 266
Alles Sieger 267
Der Suppentopf 268
Augenwischer 269
Nein 270
Sanktionen 271
Die Macht 272
Asylbewerber 273
Zitteraal 274
Das Narrativ 275
Der Zensurkomplex 276
Revoluzzion 277
Klimawissenschaft 278
Einig Vaterland 279
In Saus und Braus 280
Von nichts gewußt 281
Populist 282
Fälle 283
Zugroulette 284
Ode an die Bundeswehr 285
Schneemann 286
Hommage 288
Letztes Lied 289
Bitte 291
Nachsatz – Radjo Monk 292
Bilanz
Ich leb’, es schmeckt der Wein wie früher.
Die Leber japst. Die Omme kreist.
Treibt Sport, ihr Pichler, gebt euch Mühe,
sonst schwindet mit der Kraft der Geist!
Vorm Zahltag ess’ ich Margarine,
trink Kräutertee. Das hält mich frisch.
Ja, zwischen Schrankwand und Gardinen
schmore ich auch heut noch nicht.
Noch können mich paar Kerls nicht leiden.
Telefone laufen sich heiß.
Vor Wut platzt aus den Eingeweiden
ein Furz – quält sich durch einen Steiß.
Die Welt ist groß, sie wird nicht kleiner,
begaff’ ich sie vom Bildschirm aus.
Wer delegiert zu welchen Reisen?
Für mich sprang bisher nichts mit raus.
Noch brennt die Seele in der Hülle,
die drückt zu sehr, ist blaugedrückt.
Wann war, was ich getan, mein Wille?
Wie heißt’s so schön: Man wurde genötigt.
Will ich zuviel? Ich leb’ in Maßen.
Mein Arzt hat mich stets auskuriert.
Meine Fehler brauch’ ich, kann’s nicht lassen,
bin ich am Ende auch angeschmiert.
1984
Warum eigentlich nicht Mathematik?
Manchmal ist es ein Künstler, der ein Talent entdeckt. In meinem Fall war es eine Musiklehrerin, die mein Talent verhindern wollte, da ich ihrem Singeklub nicht beitrat. Letztlich war sie eine wandelnde Peinlichkeit und ihr Klub dementsprechend
fatal.
Akkordeon lernte ich schon, da war ich sieben. Später kam die Gitarre dazu. In unserer „Pantoffelpenne“ befanden sich im Keller Umkleideräume. In den Mittagspausen gingen die Mitschüler in die Kantine der angrenzenden Brikettfabrik essen, die hieß Bismarck. Ja, Asche produzierte dieser Bismarck zuhauf, vor allem Kohlenstaub, der unablässig auf die blitzweiße Wäsche an den Leinen der Stadt niederging.
Meiner sudetendeutschen Mutter, an der eine Drei-Sterne-Köchin verlorengegangen war, verdankte ich die Stullen, das wartende warme Essen nach Schulschluß und fünfundvierzig freie Minuten täglich, während die anderen zu Tisch saßen.
Einmal hatte ich die Gitarre mitgebracht, um eine Englischstunde beim „Sir“ aufzuhübschen mit den Akkorden zu Jingle Bells. Dieser Lehrer sang schrecklich gern. Die Klampfe blieb bis zum Ende meiner Schulzeit einfach da unten – im Keller. In jeder Mittagspause sang ich. Es waren immer Mitschüler dabei.
Ein Lehrer ließ sich da selten blicken, und wenn, machte er wieder kehrt. Meine Musiklehrerin schon gar nicht. Anstatt mir einen Gesangs- und Gitarrelehrer zu empfehlen, rächte sie sich für meine Nicht-Mitgliedschaft in ihrem Agitationsklub mit Abwesenheit.
Was ich sang: Renft, Folksongs und Englisches. Sicher auch Beatles. Ich besaß einen Hefter, wo die Texte drin waren, der wurde einfach durchgesungen und erweitert, und wer die Texte kannte oder neben mir saß, jodelte mit. Damals hatte ich also schon fünfhundert Konzerte gegeben, wenn auch ohne Bühne und Mikrophon. Das Singen habe ich also gelernt, weil es in dieser Schule eine solch lange Pause gab und diesen bombensicheren Keller. Ich fing mit Fröhlichem an, und dann kam etwas Nachdenkliches – so entstand von sich heraus eine Dramaturgie. Das nahm ich also nebenbei auch mit. Zudem gründete ich mit meinem Mitschüler Wolfgang einen eigenen „Singeklub“ (also ein Unplugged-Duo). Zu unserem ersten Schulauftritt bekamen wir Standing Ovations und durften nie wieder auftreten. Genau genommen war das mein erstes Spielverbot.
Neben meinem bescheidenen Musiktalent gab es allerdings noch ein verschärfteres: Mathematik. Zur Kreis-Mathe-Olympiade belegte ich den vierten, später den zweiten Platz und erfuhr neulich von einem, der dabei war, ich sei zwei Stunden vor Abgabeende aufgestanden, hätte die Gitarre geschnappt und gesagt: „Muß zum Auftritt.“ Mein Mathelehrer, dessen größte Befürchtung war, es könne jemals einer besser werden als er selber, schimpfte: „Der hat achtzig Prozent richtig gehabt, die restliche Zeit hätte gereicht!“ Nun, ein Jahr später saß ich wohl doch ’n Stündchen länger – und machte den Ersten. Mit dem Ergebnis, daß mir alle gratulierten. Nur dieser Pauker nicht. Nun ist Mathematik eher was für schlichte Gemüter. Musik dagegen mit zwölf Tonarten, den phrygischen, dorischen und Dutzenden anderen Tonleitern beinhaltet mehrere Dimensionen, die seelische, körperliche und klangliche dazu.
Also gründeten wir – irgendwas Sinnvolles mußte man ja tun – in der katholischen Jugend Zeitz die Band Steam Machine und schleppten die schweren Boxen zur Innenstadtkirche, in der wir probten. Es war genau jenes Gotteshaus, vor dem sich der Pfarrer Brüsewitz einige Jahre später verbrennen wird.
Während meines Informatik-Studiums war ich Mitglied des Jazz-Klubs, und der organisierte die Folkloretage an der Hochschule. Einen Monat vor diesem Highlight fuhren fünf Studenten mehr zufällig in einem Trabbi zu den Chansontagen ins Kloster Michaelstein, die der Guru der ostdeutschen Liedermacher, Werner Bernreuther, leitete. Daß Werner später einmal mein wichtigster Lehrer in Sachen Singen und Schreiben wird, ahnte ich noch nicht.
Wir durften teilnehmen. Ich sang ein Zigeunerlied. Es war allerdings ein Frauenlied. Man lächelte schon über die Rollenzuteilung und erwähnte, daß sowas prinzipiell möglich sei. In diesem Fall (ich sang über die Brüste der Frau) sei das aber etwas sehr gewagt. Wie sich die Zeiten aber auch ändern: Heute wäre es voll Mainstream.
Einen vertonten Text von Walter von der Vogelweide sang ich auch. Thommy Riedel zeigte mir dann noch ein paar hübsche Gitarrenläufe dazu – aber das war mir seinerzeit noch etwas zu schwer. Als Krönung gründeten wir im Kloster die Band Feuertanz und eröffneten damit drei Wochen später die Folkloretage in Ilmenau.
So ist das, wenn man zwei Talente hat. Eins geht vor die Hunde. Einer hat kräftig mit geholfen: der Mathelehrer. Das Fach hat mich nach seinen Stänkereien nicht mehr so richtig interessiert. Da sagte mir vor kurzem meine Lieblings-Elke: Nach der Wende gab’s haufenweise arbeitslose Mathematiker!
Auch das noch! Außerdem, das wäre nie was geworden: Ich, kollektiviert, in Gewerkschafts- und Parteiversammlungen!
Und was wäre mit meinem schönen Künstlerleben? All die tollen Bekanntschaften? Darauf hätt’ ich verzichten sollen?
Nein, ist schon richtig so! War mühevoll, den eigenen Weg zu finden, aber da sind sie nun: Hundertsechzig Lieder. Eine Auswahl. Von dem, was erhalten geblieben ist. Und noch was obendrauf – die anderen Bücher: Romane, Erzählungen, Gedichte.
Der Band heißt Not-Eingang. Die Not ist zwar nicht die Mutter des Lebens, aber ohne sie geht’s nicht vorwärts. Sie ist ein Lehrmeister. Auf der einen Seite die Not, auf der anderen die Liebe. In diesem Zwischenraum sind diese Lieder gewachsen. Unter dem Titel das alte germanische Zeichen dafür: Nauthiz.
MEUSELWITZER LIEDER
der mann aus stein
altenburg. freitagnachmittag.
kiosk. bahnhof. mitropabuffet.
einsteigen. aussteigen. abfahrt.
die lautsprecherstimme dröhnt.
auf der bank spielt ein russe akkordeon.
ein schwarzer hat seinen blues.
zwei bahnpolizisten wissen schon,
wann ein polizist zuschlagen muss.
doch der mann aus stein,
der am bahnsteig steht,
kennt keine sehnsucht,
die nach ferne sich sehnt.
ihn streichelt der regen,
ihn kleidet der schnee,
er ist aus stein,
ihm tut nichts weh.
jungen sitzen um einen tisch,
schlauchen karo und schlürfen bier.
sie tauschen termine unter sich
und dann: bloß weg von hier!
sie fahren alle schwarz zum konzert.
die hälfte wird erwischt.
ein drittel hat’s vorher schon ausgeschert,
der rest keine karten gekriegt.
ein mädchen hält einen jungen soldat,
der auf kurzurlaub war.
sie küssen sich lange vor der fahrt.
na dann, bis nächstes jahr!
mit mir holpert der wüstenexpress
dorthin, wo die mißernte blüht.
gegrüßet seist du, mein heimatnest,
das auf einem auge schielt.
Ein Lied über den „Malcher“ – die Steinfigur mit Pfeife, welche auf dem
Altenburger Bahnhof steht.
In Leipziger Folksblatt erschien 1984 ein Interview mit mir über diese Lieder. Jürgen Wolff zeichnete dazu unten stehendes Spruchband, gehalten von zwei Engelchen. Ja – Engel! Den Raum um Meuselwitz mieden sie wohl wie die Pest.
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