NEGERKÜSSE IN ZIGEUNERSOSSE
Eine Streitschrift
Mit der Sprachpolente auf Patrouille
Mit 12 Bildern von Werner Bernreuther
Negerküsse? In Zigeunersoße? Wie schmeckt das? Ist das vielleicht ein Kochbuch hier?
Ich habe mal reingeschaut und kann versichern: Nein!
Noch vor einem Jahr hätten Autor und Maler nicht gedacht, daß sie irgendwann einmal in die Situation kämen, ihre Muttersprache verteidigen zu müssen. Als wäre jetzt, nachdem die Deutschen siebzig Jahre lang tüchtig bereut haben, ihre Sprache an der Reihe. Dabei gehört sie zu den schönsten, welche die Menschheit hervorgebracht hat, ganz besonders, wenn man sich an die alte Rechtschreibung erinnert, in der dieses Buch verfaßt wurde.
Euer Andreas Beulenspiegel
ISBN 978-3-949143-04-5, 72 S.
Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter,
als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden
und laut zu sagen: Nein!
Kurt Tucholsky
I
KASTRATINNEN
Seit gut einhundertfünfzig Jahren dürfen alle schulpflichtigen Kinder in meinem Sprachgebiet, die Linkshänder auch, sich mit der rechten Schreibung befassen. Bis vor wenigen Jahrzehnten mit der rechten Hand. Nicht selten endet diese Quälerei damit, daß die Unterrichtspflichtigen nie wieder ein Wörterbuch, eine Grammatik schon gar nicht, zwischen die Finger nehmen. Manche davon lernen das Schreiben nie, manche landen in meiner Sprechstunde mit einer Dyslexie, der Rest kommt irgendwie durchs Leben. Dabei hat sich die Masse längst von den Regeln verabschiedet oder biedert sich dem Englischen an und übernimmt dessen Vokabular & Genitiv.
Die handverlesenen Elitären, welche von sich behaupten könnten, dem Maß zu entsprechen, ohne ein Strafmaß zu riskieren, sind studierte Germanisten. Von denen gehört nur ein geringer Prozentsatz zum erlauchten Kreis, die nicht in entsprechender Literatur nachlesen müssen, um im Zweifelsfall sicher zu sein. Es sind also Mitmenschen, die ihr Leben ganz der Sprache widmen.
Wie gut fügt sich diese Herangehensweise ein in unser paragraphenversessenes Gemeinwesen, das gern über den Sinn von Regeln hinausschießt wie mit Euthanasie, Abstammungslehre und Rassenhygiene und dann vor der Weltgemeinschaft dasteht, die rätselt, ob man diese Nation im Ganzen weiterbestehen lassen oder besser die männlichen Mitglieder kastrieren sollte, wie es die Amerikaner als Siegermacht vorschlugen.
Die Kastration des Männlichen erfolgt nun gut 70 Jahre später – von innen –, und wir sind mittendrin, indem man das generische Maskulinum abschafft und mit dem Femininum ersetzt. Zugegeben, etwas weniger brachial als die Durchtrennung der Samenleiter. Und mit einem neuen und sehr auffälligen Element: der Sprachpause. Denn Kastrat_innen, in diesem Fall hauptsächlich Kastratinnen, muß man mit Wortpause artikulieren. Das gab es in der deutschen Geschichte bisher noch nicht. Beim allgemeinen Sprechtempo ist eine Pause zwischen den Lauten immer eine Unterbrechung der Rede und bei Schnellsprechern sowieso unmöglich.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich unser von vielen Dialekten geprägtes Wirrwarr über Luthers Bibelübersetzung, das Wörterbuch von Johann Christoph Adelung mit der Maxime „Schreibe wie du sprichst!“, über die Brüder Grimm bis zu Konrad Dudens Orthographischem Wörterbuch ohne jegliche staatliche Einflußnahme zu einem beachtlich stabilen System. Man behauptete gar: Nur wer die Sprache richtig beherrsche, könne logisch denken.
Das änderte sich mit der staatlichen Rechtschreibkonferenz 1901, setzte sich mit der wirkungslos gebliebenen Reform von 1944 fort – und den Rest staatlicher Willkür gegenüber der Sprache kennen wir aus jüngster Vergangenheit. Eine Rechtschreibreform ist immer auch eine Denkreform – und sie manipuliert.
Im Umkehrschluß: Wie unsere Vorfahren dachten, ist für uns nicht mehr nachvollziehbar.
Wie angegossen paßt Churchills Spruch dazu: Wenn du die Deutschen klein halten willst, nimm ihnen die Sprache!
Das machen sie inzwischen selber. Als wären sie ein Haufen Selbstverleugner.
Wenn das weiter so geht, wird daraus ein Plastikdeutsch werden: gestanzt, gegossen und staatlich verordnet.
Nun ist es das eine, Regeln zur Schreibung zu reformieren, und ein anderes, Inhalte zu ändern. Gegenüber den derzeitigen Prozessen sind die bisherigen Versuche von Rechtschreibreformen Waisenknaben, denn es werden Vokabular und Geschlecht verfälscht.
Nun wird gegen die Bastion Sprache rundweg sturmgelaufen. Die ehernen Mauern sind bröckelig. Es ist ein Leichtes, die Festung einzunehmen, ob nun mit Anglizismen oder Genderei. Das muß man den „Reformern“ vorhalten.
Auch die Frage, weswegen acht Professoren in einem Institut seit 1964 Steuergelder verschlingen, und der Staat, wie Heide Simonis dazu meinte, könne die doch nicht „jahrelang daran arbeiten lassen, um dann gar nichts zu übernehmen“1. Weil’s teuer war, mußte eine Reform ran, die noch teurer wurde. Der Leiter der Duden-Redaktion, Professor Drosdowski, war im Institut für deutsche Sprache in Doppelfunktion von Anfang an stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Rechschreibfragen. Wenn keiner was davon hat, sein erster Arbeitgeber, die DüdIn, profitiert.
Der Anspruch der „Reformer“, die Sprache zu vereinfachen und die Fehlerquote bei den Schülern zu senken, verkehrte sich ins Gegenteil. Würde man die schulischen Anforderungen an eine Verstehbarkeit des Geschriebenen anpassen, anstatt mit jedem Rotstrich dem Schüler die Freude am Schreiben zu nehmen, wäre das Problem gelöst. Ohne Reform.
Man verlangt ja von Schülern der zehnten Klasse auch keine Mathematik mit Ableitungen und Sattelpunktberechnungen. Das ist für Ingenieursstudenten vorgesehen. Es würde reichen, für Schüler eine einfache und für Studenten eine höhere Grammatik – analog zur Mathematik – zu lehren.
Die Volksbegehren gegen die Reform – ausgebremst. Rosmarie Rupp beschreibt es in ex nihilo1 ausführlich. Ebenso dort nach-
lesbar das eindringliche Fazit von Wolfgang Döbereimer: „Es gibt keine Fesseln und keine Kerker, die den Menschen mehr ge-
fangennehmen und fesseln als die, ihm die Sprache zu nehmen.“
Die Sprache? Sie erduldet viel. Seit jeher Dopplungen und Uneinheitlichkeiten. Aber vielleicht gehören die ja dazu. Spätestens beim Artikulationsträning (ja, genau so wollte ich das jetzt schreiben!) oder in der Phonetik stolpert man darüber.
Fragen allerdings gibt es viele: Warum schreibt man Vater mit Vogel-V und nicht, wie die Briten, mit „F“? Fater. Am besten noch ein „h“ hinterm „t“: Father. Das „t“ ist, wie alle harten Konsonanten, aspiriert, also belüftet.
Lehrer und (Bierkasten-)Leerer sind phonetisch identisch wie die anderen Homonyme auch; und fonetisch mit „f“ wäre fiel richtiger, denn der Sprechmotorik zufolge entsteht hinter jedem „p“ ein kleines „h“ – also wären „ph“ ebenso wie „th“ oder „kh“ perfekt. Aber niemals „ph“ als „f “.
Dabei könnten wir sparsamer umgehen mit den Ressourcen Papier, Tinte und Buchenstäben. Die Zeichen, bei unseren Vorfahren Runen genannt, waren einst wirklich Stäbe aus Buchenzweigen – also Buchenstäbe. Im Alphabet allerdings wäre ein „V“ yberflyssig, das Üpsilon auch, ebenso das Ix, Zett und Qu. So ein Kwark aber auch mit den Dopplungen! Dafür fehlt eine Entsprechung des Sch-Lauts, man behilft sich mit drei Zeichen. Auch CH1 und CH2, also das „ch“ in „ich“ und „ach“, werden gleich notiert – was für ein Schruz!
Die kurzen Vokale könnte man weglassen wie die Araber. Und Kommas setzen wie die Niederländer: nach Gefühl. Oder auch wirklich so schreiben, wie man’s spricht, wie Polen, Russen und Ungarn.
Die Querelen mit der rechten Deutschschreibung begannen vor über hundert Jahren und enden auch nicht mit der DüdIn, die im vorausgendernden Gehorsam vorprescht. Was als Versuch eines gemeinsamen Regelwerks begann, um im jungen Natio-nalstaat Einheitlichkeit zu schaffen, führte in die Zwanghaftigkeit einer seit über einem Jahrhundert bestehenden Recht-schreibdiktatur.
Belassen wir die Doppelungen von „y“ und „ü“, die anderen auch – etwas Überfluß macht die Sache zwar komplizierter, aber auch vielfältiger. Unser Sprachsystem ist so gewachsen wie ein Baum, dessen Äste sind auch nicht schnurgerade.
Schon Friedrich Nietzsche hatte sich mit Feuereifer gegen die Abschaffung der aspirierten Konsonanten gewehrt. Dabei
denke ich an eine japanische Studentin, die mir mit Begeisterung folgendes erzählte: Ihr Professor meinte, Nietzsches Lehren könnte er gar nicht in Landessprache ausdrücken. „Das geht nur in der deutschen Sprache“, konstatierte er und riet, Philosophie bei uns zu studieren.
Dieses ausgefeilte Sprachsystem ist mit seinen Feinheiten gerade grobschlächtigen Prozessen ausgesetzt. Wer weiß, ob unsere Nachfahren Nietzsche noch verstehen können? Sicher! Zumindest kommende Altphilologen. Aber mit der Pfuscherei an der Sprache verspielen wir nicht nur das wichtigste Kommunikationsmedium, sondern verlieren etwas, das wir seit den ersten Lebenstagen verinnerlicht haben, ein fein gesponnenes seelisches Miteinander, eine Heimat aus Klang und Bedeutung.
Gedanken müssen sich inzwischen andere Wege suchen, und bei der Masse an Verbotsschildern, welche die Sprachpolizei an den Satzrändern aufgestellt hat, ist man immer mehr am Überlegen, was man sagen darf, statt was man sagen will.
Individualität abgeschafft.
Das Instrument: Genderei und „anrüchiges“ Vokabular.
Neulich behauptete eine Dame gar, Yoga zu praktizieren, sei rassistisch.
Die Hippies hatten sich in den 70ern anderen Kulturen respektvoll genähert – das war also auch falsch? Also, mein indischer Hatha-Yoga-Lehrer Sharat war kein Rassist, dessen bin ich mir sicher!
Popeln steht, wie ich gehört habe, auch schon unter Rassismus-Verdacht (keine Ahnung, weshalb). Es ist also egal, was wir tun.
Also tun wir, was wir schon immer gemacht haben! Man braucht Langmut, denn es kommt jeden Tag etwas dazu. Einen jungen Mann forderte man auf, Mütze zu tragen – seine Rastalocken wären rassistisch.
Auch Alien fällt in diese Kategorie. Man beleidige die Außerirdischen. Sind ja so viele unter uns.
Womit man sich aber auch als Zensor wichtig tun kann!
Ich hatte schon eine Reise durch die Zeit gebucht zu den Ursprüngen des Wortes „Mohr“ und wollte unseren Vorfahren erklären: Benutzt es nicht! Sucht etwas anderes! So würde es von selber verschwinden. Aber mein Antrag beim Büro für temporäre Angelegenheiten wurde aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt: Zeitreisen gäbe es nicht. Dabei sind die Abendfilme voll davon!
Mit Sprachzwängen gehen zwangsweise humanistische Werte verloren. Wir sind gerade mittendrin in diesen Prozessen, die von selbsternannten Kontrolleuren gesteuert werden – und die GEZ-Medien als fünfte Macht (und von der umzuerziehenden Mehrheit gut bezahlt) sind unrühmlich in der ersten Reihe.
Die Sprachpolente? Jedes öffentliche Gendern ist ein kleiner Aufmarsch. Jeder Aufschrei nach einem „falschen Wort“ wie Negerkuß ist eine Anprangerei. Selbst wenn es einen nicht selber erwischt, aber es betrifft einen doch. In den letzten Diktaturen geschah das geheim – als Spitzeldienst. Jetzt ist es öffentlich. Die Zahl der Aufpasser steigt sprunghaft. Sie jagen als Sprachranger mit ihren SUV’s durchs High-Speed-Internet, tun wichtig und die Medien verschaffen ihnen willfährig Öffentlichkeit.
Um die Rechschreibreformen gab es seit jeher jede Menge Knatsch, und man könnte es mit Hilbigs Satz aus der 1990 erschienenen Alten Abdeckerei „verwirrt von den letzten drei Reformen der Deutschen Rechtschreibung“ bewenden lassen.
Leider gipfelte das Bemühen in absoluter Hilflosigkeit, als die Regeln zur Richtigschreibung um die Jahrtausendwende mehrfach geändert und dann mit der Auslegung der Neuparagraphen begonnen wurde, die darin mündete, daß es (wider den Anweisungen) eine Dudenempfehlung gibt. An die hält man sich, weil ein Freiraum unduldbar ist.
Auch das Argument, nur wer Grammatik und Rechtschreibung richtig beherrsche, könne logisch denken, denn die Sprache sei streng logisch aufgebaut, ist seit der Reform verfallen. Denn nun ist das System, wendet man den Satz an, durch die Veränderungen unlogisch geworden.
Aber so wie’s jetzt ist, sollt’s wohl sein. Wie freuen sich einige, die nun neu verkaufen dürfen, weil so gut wie alles verramscht werden muß. Ich höre den Jubel der Wegwerfgesellschaft, die DüdIn vorweg, denn nun wird alles vorher Gedruckte ungültig. Ganz gleich, wieviel Bäume gefällt werden müssen! Ein komplettes Kahlschlagprogramm!
Darüber stolpern wir täglich.
Als der fertige Buchsatz schon in der Druckerei lag, beauftragte mein Verlag plötzlich nochmal einen Korrektor, sozusagen als oberste Kontrollinstanz. Was herauskam, waren drei Kommafehler, und an dieser Stelle bestand ich auf meinen Kommas.
Wie schön! Das erste Mal im Leben hielt ich die Schreibung, ob nun die rechte oder linke, in den eigenen Fingern. Meine Kommas!, rief ich mir immer wieder begeistert zu.
Denn wozu ist ein Komma nütze? Zur gedanklichen Strukturierung und um Zweideutigkeiten auszuschließen. Nicht, um eine Regelwut zu befriedigen.
Wen interessiert’s wirklich, ob man es mit oder ohne Hochkomma schreibt, denn in fast jedem Druckerzeugnis steht es anders, und da ist auch der Gedanke, die Gewohnheit lese mit, nicht mehr griffig.
Griffig? Falsch geschrieben! Wenn jemand ganz penibel liest, hört man oft: Griffick. Nicht „griffich“ – so wird’s gesprochen.
Füsik, da könnte man drüber reden, ob mit „ck“ oder Doppel-k, aber „Ph“ und Ypsilon erübrigen sich. Wozu haben wir den Umlaut, wenn wir ypsilieren? Oder anders herum, lassen wir den Umlaut weg: Mysli. Myde. Mynchen.
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