Josefa Plank
KINDERLIEB
Die Lesetheaterstücke, die Josefa Plank in ihrer neuen Veröffentlichung präsentiert, sind nicht einfach nur spannend zu lesen, sondern man stellt sich bereits bei der Lektüre die Bühne vor, auf der sie gespielt werden. In verblüffend hautnahen Szenenbildern entwirft die Autorin eine brillante Analyse menschlicher Entwicklungsprozesse sowie der Hürden, die ihnen die Gesellschaft errichtet hat, und plädiert für eine neue Mütterlichkeit.
ISBN 978-3-942469-94-4, 96 S.
Inhaltsverzeichnis
Kinderlieb 7
Naturgemäß 61
Vermögenswerte
Teil 1: Startkapital 105
Teil 2: Wirtschaftsweisen 151
Kinderlieb
Lesetheaterstück
Personen
Eva: 22 Jahre, Studentin, aus gutbürgerlichem Haus.
Thomas: Evas Freund, 27 Jahre, Techniker, ebenfalls aus gutbürgerlichem Haus.
Hilde: 28 Jahre, aus der sozialen Unterschicht, gibt sich jedoch rechtschaffen.
Karl: Mitte 50, Hildes derzeitiger Lebensgefährte, ein kleiner Mann mit einer kräftigen Stimme.
Gertrud: Eine kultivierte Dame Anfang fünfzig, infolge eines Autounfalls im Rollstuhl.
Hermann: Ihr Ehemann, Mitte fünfzig, ein Intellektueller, aber vom Typ her humorig/gemütlich.
Ein Verkäufer am Blumenstand.
Vorspiel
Ein Sonntagvormittag im Sommer. Thomas und Eva treten aus der U-Bahnstation. Eva bleibt beim Blumenstand stehen.
Eva: Ich möchte ihr ein paar Blumen mitbringen.
Thomas: Wie du meinst. Aber dann musst du ihr auch eine Vase mitbringen, weil … in der Bierflasche lassen sie sich schlecht einwässern.
Eva (um Zustimmung bemüht): Nur ein paar Blümchen …
Thomas: Ja, ist okay. Aber nimm welche in einem Topf. Den Kaktus da. Der hält’s eine Weile aus, wenn er nicht gegossen wird.
Eva: Sei doch nicht so ruppig.
Thomas: Ich bin nicht ruppig. Ich bin nur bereits eingestellt auf das, was auf mich zukommt.
Eva (zeigt auf ein blühendes Stöckchen. Zum Verkäufer) : Dieses hier, bitte.
Der Verkäufer: Bitte sehr. (Er nimmt es, wickelt es in Papier und übergibt es Eva:) Vier Euro fuffzig, bitteschön.
Eva (übergibt das bereits abgezählte Geld) : Danke.
Verkäufer: Ich danke Ihnen. Schönen Tag noch.
Thomas wartet, bis das Geschäft abgewickelt ist und bleibt dann immer noch stehen. Eva schaut fragend.
Thomas: Eva, ich muss dir etwas sagen. Du siehst mich heute, wie du mich noch nie gesehen hast. Du weißt ja, ich stamme aus zwei Welten. Und jetzt begeben wir uns in die zweite. Es ist eine Welt, die du nicht kennst. Wahrscheinlich werde auch ich dir … anders vorkommen. Aber … erschrick nicht, ich bin derselbe.
Eva nickt zusichernd. Thomas umfasst ihre Schultern, drückt sie an sich und küsst ihr Haar, dann setzen sie ihren Weg fort.
Erster Akt
Ein Wohnzimmer in einem Miethaus, geschmacklos eingerichtet. Hilde sitzt vor dem Fernseher, trinkt Bier aus der Flasche und raucht eine Zigarette. Es läutet an der Tür. Sie geht öffnen und sieht Eva und Thomas.
Hilde: Griaßeich.1
Thomas (erschrickt über ihre Haarfarbe und ganze Aufmachung) : Servus, Mädi. Jo, wia schaust denn du scho wieder aus?2 (Gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Wendet sich an Eva:) Ob du’s glaubst oder nicht – das ist meine Schwester. (Zu Hilde:) Das ist die Eva.
Hilde (streckt ihr die Hand hin) : Servas. I bin die Hilde.3
Eva (nimmt ihre Hand) : Servus.
Hilde: Oiso kummts eina.4 (Sie geht ihnen voran ins Wohnzimmer.)
Eva (wickelt das Geschenk aus) : Ich hab’ dir ein paar Blümchen mitgebracht.
Hilde (kurz verlegen) : Ah so? Oiso, i daunk da sche, gö.5 (Sie stellt das Stöckchen auf den Tisch.) Setzts eich nieder. Was woits zun Trinken?6
Thomas (während er und Eva Platz nehmen) : Jetzt drah amoi zerst den Büdschirm o.7 (Hilde schaltet den Fernseher ab.) So, und jetzt sog: Wo san olle?8
Hilde (setzt sich ebenfalls) : Da Korl muaß äh jedn Moment do sei. Der is nur schnö wohi gfohrn.9
Thomas: Und die Monika?
Hilde: Die Monika is scho weg.10
Thomas: Wos haßt des? Die is scho im Ferienloger?11
Hilde: Jo, de san scho gfohrn.12
Thomas: Du host ma owa aum Telefon gsogt, sie fohrt erst nägste Wochn.13
Hilde (leicht ungehalten) : Jo, i waß, i hob mir girrt. Wos soi i jetzt mochn. Es hod ihr äh lad tau.14
Thomas (enttäuscht) : Oiso mir tuat des sehr leid.15 (Zu Eva:) Da sehen wir die Monika heute nicht.
Hilde: Wos woits zun Trinken?16
Thomas: Jetzt woat a bissl! Wo is der Herbert?17
Hilde (seufzt) : Der is aum Flug. Der is nur mehr aum Flug. Gsogt howi eam, dass ees kummts, owa oba si auschaun losst, das wissen die Schterne.18