GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg
Teil 3
Den Zurückkehrenden
Florian, den der Camino nicht loslässt, kehrt noch einmal zu ihm zurück, gemeinsam mit seiner Partnerin, die ihn ebenfalls gegangen ist. Nicht nur einige der Schauplätze seiner Pilgerreise sieht er wieder, sondern trifft auch auf alte Bekannte. Eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse führt zu neuen überraschenden Geschichten, die der Magie des Weges endlich die Abrundung geben, die mancher im ersten und zweiten Teil des Rahmenromans vermisst haben mag.
Andreas H. Buchwalds Blick auf den Jakobsweg ist erdig, blutvoll und unmittelbar, wobei sich herausfordernde Ehrlichkeit mit einer feinen und hintergründigen Spiritualität verbindet. Das verschafft seinen Jakobsmuschel-Geschichten eine kraftvolle Präsenz, die ihresgleichen sucht und sich durchaus neben anderen, von namhaften Autoren zu diesem Thema veröffentlichten Werken sehen lassen kann.
Die Geschichten:
Auf der Straße
Der Prophet in seinem Vaterland
Tante Sophie
Die Dinge des Lebens
Das bessere Stück
Zeit
Das verbrannte Wort
Der Einsiedler im Urwald
Theres
Täter und Opfer
Der Dieb
Die Gabe des Sehers
ISBN 978-3-942469-02-9, 268 S.
Vielleicht werde ich eines Tages verstehen, dass
die Menschen immer zur rechten Zeit an dem Ort
ankommen, an dem sie erwartet werden.
Paulo Coelho
Santiago de Compostela barg nur wenige Geheimnisse, wenn man bedachte, welchen Ruf das weltbekannte iberische Pilgerfahrtsziel genoss, besonders seit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Innerhalb einer Viertelstunde hatte Florian die Altstadt durchquert, eine Musik-CD und eine Tarta de Santiago*1 erstanden und zwei Straßenmusikern jeweils eine Münze gespendet. Den Klageliedern dreier Bettlerinnen hatte er tapfer widerstanden, weil er irgendeine hinterhältige Masche befürchtete.
Als er diese Stadt zum ersten Mal gesehen hatte, war er so sehr mit den Ereignissen beschäftigt gewesen, die sein eigenes Schicksal betrafen, dass er ihr Licht und ihren Schatten kaum hatte wahrnehmen können. Seiner Neugier war es zu verdanken, dass er nun wiederum auf der Praza do Obradoiro stand und die angekommenen Pilger gewissermaßen von außen betrachtete. Wie die meisten von ihnen, hatte auch er sich im vergangenen Jahr vor der großmächtigen Kathedrale fotografieren lassen, in deren Innerem die Jakobusstatue stand, die beinahe pausenlos von zahllosen Wunderdurstigen umarmt wurde. Nun aber fiel ihm auf, dass das Gebäude sichtlich reparaturbedürftig war und auf seinen Mauervorsprüngen und Türmen genügend fruchtbaren Boden für die verschiedensten Kräuter und Gräser bot.
Was war es demnach, welche Kraft trieb Pilger wie Touristen, die Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr hierher kamen, in der unverkennbaren Erwartung, sich einem Geheimnis zu nähern? Vor kurzem noch war Florian einer von ihnen gewesen, und Bettina, die in der kleinen Pension in der Rúa da Algalia de Arriba auf ihn wartete, ebenfalls.
Geheiratet hatte er die einstige Wandergefährtin nicht, aber er konnte sich nicht vorstellen, sich jemals wieder von ihr zu trennen. Frei und unkompliziert, wie sie war, fühlte er sich durch sie unterstützt und erhoben, erst recht jetzt, nachdem er vor Wochen seinen eigenen Verlag gegründet hatte, mit Hilfe eines alten Freundes, der überraschend aufgetaucht war, und angeboten hatte, mit seinem nicht unbedeutenden Vermögen das Fundament des kleinen, aufkeimenden Unternehmens zu festigen.
Florians Erinnerungen an den Camino waren noch kaum verblasst und kehrten schnell wieder. Er schlenderte von einer Steinbank zur nächsten und musterte die Menschenscharen, die am späten Vormittag auf den Platz strömten.
Jeder von ihnen, der als Pilger hier ankam, erlebte einen oder bisweilen sogar mehrere Tage großer Freude, je nach Person und Charakter. Doch wer länger hier verweilte, begriff nur zu bald, dass weder die Kathedrale noch die Stadt das ersehnte Mysterium enthielten, sondern der Weg selbst. Dadurch machte sich ein Gefühl der Enttäuschung breit, und viele bestanden deshalb darauf, weiterzugehen, bis zum Ende der Welt, dem Kap Finisterre oder Fisterra, wie die Galizier es nannten.
Die wunderschöne Atlantikbucht, die etwa neunzig Kilometer von hier entfernt ein Zusatzziel des Camino bildete, war ein Kleinod landschaftlicher Schönheit. Bei ruhigem Wetter strahlte sie etwas aus, was man mit der Bezeichnung „majestätischer Frieden“ nur annähernd beschreiben konnte. In stundenlanger Meditation saßen ihre Betrachter an den Abenden versunken auf den Felsen und blickten nach innen, auf’s Meer hinunter oder zur sinkenden Sonne.
Im vergangenen Jahr war Florian ebenfalls dort gewesen. Allerdings hatte er den Bus genommen wegen der knappen Zeit bis zu seinem Rückflug. Bettina aber hatte den Weg zum Kap zu Fuß kennengelernt, und zuweilen schwärmte sie noch davon.
Dennoch: Man konnte das Erlebte, die einzelnen täglichen Überraschungen, die Fülle und das Glück des Camino nicht festhalten. Wer die Stadt des heiligen Jakobus erreicht hatte und mehrmals die Rúa do Franco, die Rúa do Vilar und die Rúa Nova entlang geschlendert war, erkannte allzu bald, wie das Banale ihn einzuholen drohte. Wohl ließen sich hier noch einige beeindruckende Orte aufsuchen, die Alameda etwa oder der Parque de Belvís, wo das prächtig angelegte Seminario Menor2 zum Verweilen einlud. Der geheimnisvolle Fluss aber, der einen entlang des Weges mit sich trug und nach jeder Biegung neue, überraschende Einsichten offenbarte, mündete hier und entließ sein Treibgut den unerbittlichen Mächten des Alltags.
Viele der Pilger, besonders diejenigen, die keinem regulären Broterwerb nachgingen, legten den Camino noch ein weiteres Mal oder öfter zurück und hofften wahrscheinlich, seinen Zauber auf diese Weise in ihrem Leben halten zu können. Doch Florian war auch Menschen begegnet, die sich die ehrliche Einsicht erlaubten, dass man Einmaliges unmöglich wiederholen konnte.
Die Kraft der Erinnerung brachte so manchen hierher zurück, das sah er an sich selbst. Und mancher wusste wohl nicht so recht, was ihm die ganze Wanderung letztlich gebracht hatte und hoffte, er werde es nach mehreren Neuauflagen erkennen. Darüberhinaus gab es noch diejenigen, denen es einfach nur darauf ankam, ihre sportliche Kondition auf den Prüfstand zu stellen.
Ein junger Mann sprach ihn an, in bestem Deutsch.
„Haben wir uns nicht schon mal gesehen? Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis und…“
„Nicht dass ich wüsste“, versetzte Florian und musterte den Jüngling, an den er sich keineswegs zu erinnern vermochte.
„Doch, wir haben“, behauptete dieser beharrlich. „Du bist doch Deutscher, oder? Aus Sachsen, stimmt’s?“
Zunehmend verblüfft betrachtete Florian den jugendlich und gleichzeitig ein wenig zerknittert aussehenden Menschen, der die Frechheit besaß, ihn zu duzen und so treffsicher einzuordnen.
„Na, so daneben liegst du wirklich nicht“, gestand er. „Sollten wir uns im vorigen Jahr begegnet sein, und ich habe das vergessen?“
„Du hast es vergessen, ich nicht“, behauptete der Andere. „Ich bin Hans, hab mal eine Weile hier gelebt.“
„Und da sollen wir uns begegnet sein?“
„Wir haben nicht miteinander gesprochen“, erläuterte Hans geduldig und kramte in seiner Tasche, bis er zwei Büchsen Bier zutage förderte. „Aber ich vergesse ein Gesicht wie deins niemals.“
„Ich fürchte, du musst mir helfen“, erwiderte Florian unbeholfen, dessen Neugier nun wuchs. „Erzähl einfach.“
„Meine Geschichte ist etwas länger“, meinte Hans und öffnete eine der Blechdosen so geschickt, dass nicht der kleinste Spritzer auf Hand oder Hose landete. „Auf das Wiedersehen, Kumpel!“
Er nahm einen tiefen Schluck und bedeutete dem Sachsen, er solle ebenfalls zugreifen. „Die andere ist für dich, ich besitze kein Pferd, das ich tränken müsste.“
Endlich ließ sich Florian auf das Spiel ein, nahm die zweite Büchse, öffnete sie, trank ebenfalls und beäugte seinen neuen Bekannten erwartungsvoll.
Dieser bat mit einem Handzeichen um Geduld, bis das Glockenspiel der Kathedrale, das soeben eingesetzt hatte, wieder verebbte, und begann danach mit der Schilderung seiner Erlebnisse.
Auf der Straße
Jeder Tag kann der entscheidende sein, kann mein Leben von Grund auf verändern. Wenn ich das nicht geglaubt und gehofft hätte, wäre wahrscheinlich längst der Strick zu meinem Schicksal geworden. Vielleicht aber nicht unbedingt, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und davon nehme ich mich keineswegs aus.
Aber ich erzähle meine Geschichte lieber von Anfang an. Für mich wurde dieser verhexte Pilgerweg nämlich zum Verhängnis. Jahrelang fristete ich mein Leben als Bettler in den Straßen von Santiago.
Ob das jemals so vorprogrammiert war, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest stamme ich aus einer begüterten Familie im Süden Deutschlands, und von daher gesehen nimmt sich mein Schicksal beinahe widersinnig aus.
Meine Eltern waren Leute „nach altem Schrot und Korn“, wie man so sagt. Sie wollten oder konnten mich nicht verstehen. Dorf, Bauernhof, strenge Frömmigkeit, was will man da erwarten?
Die Scham befällt einen Mann wie meinen Vater, wenn einer seiner Söhne nichts Vernünftiges zuwege bringt, plötzlich aufmuckt und behauptet, er wolle Maler werden. Nicht unbedingt nach dem Vorbild eines Gauguin, Velásquez oder Rembrandt, aber doch wenigstens Zeichner à la Robert Gernhardt3 vielleicht, oder Heinrich Zille4. Womit ich sagen will, dass es nicht gerade meine Absicht gewesen war, mich auf Landschaften zu beschränken, sondern ich bannte ziemlich gerne Menschen auf Papier. Und zwar möglichst nackt und weiblichen Geschlechts.
Als mein Vater mich fünfzehnjährig dabei erwischte, wie ich mit einem Bleistift versuchte, die Konturen der zwanzigjährigen Nachbarstochter auf einem weißen A3-Blatt zu verewigen, während sie mir in der Scheune völlig unbekleidet Modell saß, setzte es Hiebe und erste Androhungen, mich zu verstoßen. Er, der geachtete Bauer, werde sich nicht zum Gespött der Leute machen, nur weil sein Sohn ein Nichtsnutz sei, der überdies Gottes Gebote missachte.
Ich wusste, wie recht er damit hatte, denn ich beherrschte tatsächlich nichts von dem, womit anständige Menschen ihr Geld verdienen. Und nicht einmal mein erstes williges Aktmodell fand den Ansatz der Zeichnung gut, die ich von ihm angefertigt hatte.
Ich schämte mich meiner Neigungen und ging Bleistiften, weißem Papier und Mädchen aus dem Wege. Mühevoll und zähneknirschend erledigte ich alles, was meine Eltern mir auftrugen, während ich davon träumte, auszuwandern und mein Glück irgendwo in der Welt zu suchen.
In der Schule ging es ebenfalls bergab mit mir, sodass ich beschloss, einen unwürdigen Abschluss zu vermeiden. Ich musste mein Heimatdorf verlassen, bevor man mir ein geradezu niederschmetterndes Zeugnis aushändigte.
Nach eingehender Beratung mit einem anderen Tunichtgut, einem Quartalssäufer aus dem Nachbarort, gelang es mir tatsächlich, einen Rucksack mit den notwendigsten Habseligkeiten sowie Proviant für zwei Tage zu packen und eines Nachts klammheimlich dem Haus meiner Eltern den Rücken zu kehren. Heutzutage mag so etwas eher selten vorkommen, aber ich habe es eben nicht länger ausgehalten, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst sechzehn war. Sicherheitshalber hatte ich meiner Mutter einen Zettel in die Jackentasche gesteckt, auf dem stand: Versucht nicht, mich zu finden. Mir geht es gut und ich kehre zurück, wenn’s mir noch besser geht. Danke für alles! Hans.
Der Mann, der mir half, hatte mir empfohlen, so schnell wie möglich die Berge anzusteuern und immer nach Süden zu gehen, um alsbald die Grenze zu überschreiten. Wenn ich mich erst einmal in der Schweiz befände, sei es schwieriger, mit Hilfe der Polizei nach mir zu forschen, hatte er behauptet, denn die Eidgenossenschaft gehöre nicht der Europäischen Union an. Ich hingegen hoffte, dass sie überhaupt nicht nach mir suchen würden und froh wären, mich so leichten Kaufs vom Halse zu haben.
Wahrscheinlich verzichteten sie tatsächlich auf eine Großfahndung, denn sonst hätten sie mich bestimmt leicht wieder eingefangen, ahnungslos und naiv wie ich war. Nachdem der besagte Trunkenbold mir eine Wanderkarte gegeben hatte nebst ein paar guten Tipps, trottete ich einsam und unbehelligt kaum benutzte Wege entlang, war froh, dass der beginnende Sommer mir warmes und trockenes Wetter sandte, sodass ich unter Bäumen schlafen konnte, und merkte bald, dass ich mich unversehens in Frankreich befand. Das bedeutete zwar, dass ich irgendwo einen Fehler gemacht und die Schweiz verfehlt hatte, wahrscheinlich aber auch, dass sie mich in Frieden ließen und tatsächlich nicht verfolgten.
Nun aber wurde es schwierig. Denn das wenige Geld, über das ich verfügte – in puncto Taschengeld war ich immer kurz gehalten worden und hatte kaum etwas gespart –, ging bereits zur Neige. Nachdem ich sechs Tage unterwegs gewesen war, vermochte ich leicht einzuschätzen, dass ich mir nur noch für etwa drei weitere die notwendigsten Nahrungsmittel und Getränke beschaffen konnte.
So etwas wie ein Konto, wie es heutzutage für die meisten jungen Leute spätestens ab sechzehntem Geburtstag verfügbar ist, besaß ich damals nicht. Vielleicht hatten meine Eltern ein Sparbuch für mich angelegt, doch was sie damit tun würden, war mir gleichgültig. Keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, umzukehren und sie auch nur um das Geringste zu bitten. Für mich gab es weder etwas zu fürchten noch zu hoffen – zu recht, wie ich heute weiß.
Ich befand mich noch ziemlich weit vor Lyon und hatte kein spezielles Ziel, als ich zu betteln begann. Auch beherrschte ich nur wenige Worte Französisch und musste die Erfahrung machen, dass ich in einem Dorf höchstens ein paar Nahrungsmittel bekam, hin und wieder sogar eine Übernachtungsgelegenheit in Schuppen oder Scheune, jedoch niemals auch nur die kleinste Münze. In einer Stadt indessen gelang es mir manchmal, regelrecht zu zocken. Ich merkte, dass es die Leute beeindruckte, wenn ich auf einer Kirchentreppe saß, eine Büchse aufstellte und ein Pappschild schräg über meinen Kopf hielt, auf dem stand: Aidez-moi, s’il vous plaît! J’ai perdu tout! (Helft mir, bitte! Ich habe alles verloren!)
Diese Worte einigermaßen fehlerfrei aufzuschreiben, hatte mir eine des Deutschen mächtige Frau geholfen, die anscheinend allein lebte und in deren Wohnzimmer ich einmal übernachten durfte. Dafür hatte ich eine Bleistiftzeichnung von ihr angefertigt und zum ersten Mal erlebt, wie jemand meine fast schon unterdrückte Neigung als Talent bezeichnete. Die Frau war überaus begeistert gewesen und hatte mich gebeten, noch eine Nacht bei ihr zu bleiben. Ich hatte mich ausgiebig baden dürfen und als ich endlich weiterwanderte, wusste ich, wie sich das anfühlt, was die Leute und die Zeitschriften mit so banalen Worten wie Sex bezeichnen.
Ich weiß selbst nicht mehr, warum ich nicht zu bleiben versucht hatte, denn ich erinnere mich vage, dass ich nur widerwillig meinen Weg fortsetzte. Vielleicht hatte sie mich auch gemahnt, dass ich mir einen Broterwerb schaffen müsse.
Doch jenes Pappschild, in französischer Sprache abgefasst, tat fortan Wunder. In jedem Ort, der halbwegs die Bezeichnung „Stadt“ verdiente, konnte ich locker eine Geldsumme einnehmen, die mir erheblich mehr als nur Essen und Trinken zu kaufen ermöglichte, sodass ich zuweilen in gut geführten Pensionen oder Herbergen übernachtete. Nebenbei lernte ich auch die Landessprache immer besser. In zahlreichen Gesprächen erfuhr ich von den Pilgerwegen, die Frankreich in verschiedenen Richtungen durchzogen und teils das berühmte Lourdes zum Ziel hatten, teils einen Anschluss an eine vielbegangene, traditionelle Handelsstraße bildeten, deren Namen man nur zu oft spanisch aussprach: Camino de Santiago.
Von diesem Weg machten zahlreiche Legenden und Wundergeschichten die Runde und einige, die behaupteten, auf
ihm gewandert zu sein, berichteten allen Ernstes, dass ausnahmslos jeder, der ihn gegangen sei, sein Glück auf ihm gefunden habe. Es spiele nicht einmal eine Rolle, ob er Katholik sei oder nicht.
Bald war ich soweit, dass ich mir einbildete, ich müsse den geheimnisvollen Weg um jeden Preis gehen, wenn ich jemals meinen noch immer geheimen Traum verwirklichen wollte. Die Dinge würden sich dann so richten, dass ich mein täglich Brot mit selbstangefertigten Zeichnungen oder Gemälden verdienen könnte. Danach würde ich heimkehren und meinen Eltern und meiner Verwandtschaft ins Gesicht lachen. Der Mund würde ihnen offen stehen bleiben vor Staunen und sie müssten sich in Grund und Boden schämen für all die Schmähungen, mit denen sie mir das Leben zur Hölle gemacht hatten.
Ich sparte einiges von dem erbettelten Geld und kaufte mir einen nagelneuen Rucksack samt guten, haltbaren Trekkingschuhen. Auf diese Weise war ich nicht mehr länger ein Landstreicher, sondern hatte mich in einen Pilger verwandelt. Als solcher durfte ich nun oft erleben, wie meine Wandergefährten mir halfen, wenn ich in Schwierigkeiten geriet. Für den Fall, dass mir dennoch wieder alle Mittel ausgingen, konnte ich jederzeit in in das Gewand eines Kirchenstufen-Bettlers zurückkehren. So gelangte ich bequem und in verhältnismäßig kurzer Zeit nach Saint-Jean-Pied-de-Port, dem Städtchen, das für die meisten die Startmarkierung für den legendären Camino bildet.
Es dauerte nicht lange, bis ich herausgefunden hatte, worin die Insignien eines Jakobuspilgers bestanden, und bald baumelte eine leuchtende Muschel an der Rückseite meines Rucksacks. Einen Wanderstab besaß ich bereits und einen entsprechenden Pass, den sogenannten Credencial, stellte man mir ohne weitere Umstände aus. Obwohl ich noch nicht einmal achtzehn Jahre alt war, wurde ich spätestens jetzt von jedem, der mir begegnete, als vollwertiger Peregrino anerkannt, wie man diese Leute jenseits der spanischen Grenze nannte. Leichten Herzens und keineswegs auf Alleinsein bedacht, überquerte ich die Pyrenäen. Ich versuchte herauszufinden, was alle die auf diesen Weg trieb, die ihn gewissermaßen in meiner Gesellschaft entlangwanderten, und erwartete das Wunder, das mein Leben umkrempeln würde und bereits hinter jeder Biegung oder Kurve lauern konnte.
Wenn jemand es darauf anlegte, mich auszufragen, tischte ich ihm eine erfundene Geschichte auf und behauptete, eine Waise zu sein, die aus Frust, die Prüfung zu einer Gärtnerausbildung nicht geschafft zu haben, einfach getürmt sei und hoffe, irgendwo in der Welt eine neue Chance zu finden. Es gab kaum jemanden, der mir nicht glaubte; viele waren allein schon auf Grund dieser Darstellung bereit, mir zumindest eine Abendmahlzeit zu spendieren, wenn nicht sogar Geld zu geben. Hin und wieder fertigte ich Zeichnungen von Weggefährten an und erzeugte damit höchstes Entzücken bei den bestimmt nicht ungeschickt Porträtierten.
Das Pilgern machte schlichtweg Spaß. Allerdings waren die meisten, denen ich begegnete, mindestens vierzig Jahre alt, oft sogar erheblich älter. Nur zwei- oder dreimal sprach ich mit jungen Männern, die erst knapp über zwanzig Lenze zählten. Ein Mädchen, das zu mir gepasst hätte, war überhaupt nicht dabei, was ich jammerschade fand, zumal ich gern das Erlebnis wiederholen wollte, welches mir jene Frau im Elsass Wochen zuvor geschenkt hatte. Möglicherweise aber begann mein Leben tatsächlich erst nach der Ankunft in Santiago.
Nun bin ich wahrlich nicht dumm oder schwer von Begriff, und so beherrschte ich die spanische Sprache bereits ziemlich gut, als ich nach Logroño kam und den weithin berühmten Ebrofluss überquerte. Auch mit Englisch und Französisch hatte ich Fortschritte gemacht, und was das Italienische betraf, so verstand ich den Inhalt kurzer alltäglicher Dialoge, ohne allerdings sehr viel davon selbst sprechen zu können. Bis ich León erreichte, hatte sich auch dieser Zustand erheblich verbessert. Ich fühlte mich allmählich als „Mann von Welt“, obwohl ich mich genaugenommen noch nicht einmal als „volljährig“ bezeichnen durfte.
Ein eigentümliches Gefühl breitete sich in mir aus, je näher ich Santiago kam. So schien es mir, als sei ich unter Menschen, die nicht gerade meiner Nation angehörten oder meine Muttersprache verstanden, wohler gelitten. Deshalb begann ich, mich darin zu üben, das Deutsche völlig zu verleugnen und so zu tun, als sei ich beispielsweise ein Ungar, der nur einige europäische Idiome sehr gut beherrschte. Natürlich kannten mich inzwischen viele der Pilger, und ihnen gegenüber eine Maske aufzusetzen, wäre sinn- und aussichtslos gewesen. Doch einigen Herbergsleitern gegenüber testete ich diese Masche und hatte damit ausnahmslos Erfolg.
In der Stadt des heiligen Jakobus angekommen, beschloss ich nun, mit Hilfe dieses Tricks mein Glück zu machen. Nachdem ich eine Unterkunft gefunden hatte, in der ich einige Tage bleiben konnte, ließ ich mich in einem kleinen Arkadengang an der Praza de Cervantes nieder und zeichnete Porträts. Ich nannte mich János Német und behauptete wiederum, Ungar zu sein. Da ich auf dem Weg nur zwei- oder dreimal einem Magyaren begegnet war, hoffte ich, dass nur selten jemand auf die Idee kommen würde, mich in dieser Sprache zu begrüßen, in der ich nur sehr wenige Worte zu artikulieren vermochte. Den Namen hatte ich irgendwo gelesen, aber keine Ahnung von seiner Bedeutung. Zwar ahnte ich, dass János Johannes oder Hans hieß und meinem tatsächlichen Vornamen entsprach, aber ich wusste keinesfalls, dass das Wort német nicht mehr und nicht weniger als einen Deutschen bezeichnete.
Während jener Tage begegnete mir auch nicht ein einziger Ungar. Ich wurde weder unliebsam behelligt noch entlarvt. Nur musste ich feststellen, dass der Verkaufserlös der wenigen Porträts, die ich auf Wunsch zeichnen durfte, längst nicht der Summe an Geld entsprach, die ich mit simpler Bettelei hatte einnehmen können, und bald wurde es schwierig, mein kleines Pensionszimmer weiterhin zu bezahlen.
Glücklicherweise lagen noch eine ganze Menge Sommerwochen vor mir, so dass ich mich kurzerhand entschloss, auszuziehen und so lange auf der Straße zu leben, bis ich mein Einnahmenniveau wieder kräftig erhöht hätte. Selbstverständlich verlegte ich mich wiederum auf’s Betteln.
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