GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg
Teil 2
Den Ankommenden
Die bekannte Dynamik des Buchwaldschen Erzählflusses rollt durch die Meseta und die Wälder Galiziens bis zum Strand des Atlantischen Ozeans. Von neuem taucht Florian in den Zauber des Jakobsweges ein. Er startet in Burgos, begegnet zahlreichen Geschichten und Abenteuern, diesmal aber auch einer bedrohlichen Schattenfigur, die ihm hartnäckig auf den Fersen bleibt. Am Zielort Santiago de Compostela schließt sich ein Kreis, aber wer vermag zu sagen, ob es ein Ankommen ist oder abermals ein Aufbrechen ...?
Witzig und dramatisch, boshaft, mit einem kräftigen Schuss Erotik, aber auch weisem Hintersinn kommen die Geschichten daher, die der Protagonist auf dem Camino sammelt. Brav und bieder ist wohl keine von ihnen, aber sie entsprechen dem ungeschminkten Leben und einigen verstohlenen Blicken hinter dessen Kulissen.
Die Geschichten:
Carmen
Der Christ
Der Zukunftsforscher
Die Erzählung der Lesbe
Wiebkes Glaube
Positives Denken
Der weitsichtige Schatzmeister
Der Tod eines braven Bürgers
Diogenes
Der Wünscher
Der Preisträger
Wie man eine Trennung feiert
Der Nachbar
Lebt das Diesseits mit Leidenschaft.
Osho
Das erste Wort, das Florian bei seiner neuerlichen Ankunft auf der Iberischen Halbinsel laut aussprach, war unmissverständlich deutsch.
„Scheiße!“, zischte er wütend, und seine Bereitschaft, diese Feststellung noch einige Male zu wiederholen, zeigte sich in heftigen Zuckungen seiner Gesichtsmuskeln.
Er stand ratlos an der Bushaltestelle des Flughafens Bilbao. Der Zubringer, mit dem er gehofft hatte, das Stadtzentrum rechtzeitig zu erreichen, war soeben abgefahren. Aus dem verwirrenden fahrplanähnlichen Aushang konnte man alles oder nichts entnehmen. Eine Pilgerfahrt mochte wahrlich heiter werden, wenn sie auf diese Weise begann.
Ein Beamter schritt ziellos und scheinbar träumend auf und ab. Bis der Reisende sich ein Herz fasste und ihn ansprach.
Es stellte sich heraus, dass der Mann es wohl verstand, eine hilfsbereite Miene aufzusetzen, jedoch über keinerlei Mittel verfügte, sein Spanisch für einen Ausländer so aufzubereiten, dass dieser eine brauchbare Information daraus hätte entnehmen können. Aus der wortreichen Tirade des Uniformierten glaubte der Frager die Botschaft herauszuhören, es sei keineswegs weit bis ins Stadtzentrum von Bilbao, von wo der Bus nach Burgos abfuhr.
„¡Gracias!“, antwortete Florian daher erleichtert und freudig strahlend, schulterte wohlgemut seinen Rucksack und trabte los, in die Richtung, die von mehreren Wegweisern als die unfehlbarste angegeben wurde. Nach beinahe einer halben Stunde aber, als der Schweiß ihm bereits das T-Shirt an der Haut kleben ließ, wurde ihm bewusst, dass er sich auf dem Randstreifen einer Autobahn befand. Seine Aussicht, in Kürze die ersehnte Busstation zu erreichen, schwand zusehends.
Die Idee, zu Fuß das Zentrum von Bilbao erreichen zu wollen, war ausgemachter Blödsinn. Der Teufel mochte wissen, was jener Uniformierte tatsächlich gesagt hatte.
Florian blieb stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und artikulierte wütend und frustriert – und um sich nicht zu wiederholen – eines der wenigen spanischen Wörter, die er kannte: „¡Mierda! “
Wahrscheinlich hatten ihn die beiden Männer gehört, die kaum mehr als dreißig Meter von ihm entfernt auf einem Baustellengelände miteinander stritten, denn sie hielten in diesem Augenblick inne und verfolgten den rucksacktragenden Verrückten mit verwunderten Blicken. Erstaunt und erwartungsvoll beobachteten sie, wie er plötzlich auf sie zusteuerte, schließlich vor ihnen stehen blieb und sich abmühte, in holprigem Spanisch zu fragen: „¿Bilbao Centro, cuántos kilómetros? “
Daraufhin zuckte einer der beiden mit den Schultern und antwortete ablehnend: „Español, no.“
„English? “ Florian dachte nicht daran, aufzugeben. Diesmal war er weit besser vorbereitet als anderthalb Jahre zuvor. „Français? По-русски? “
Nun nickten die Bauarbeiter, während sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht des einen ausbreitete. „ Да. По-русски понимаю.“
Der Rest gestaltete sich leichter. Obwohl es dem Reisenden nicht leicht fiel, sich an all das zu erinnern, was man ihm in der Schule einst hatte beibringen wollen, gelang es ihm, sich so weit verständlich zu machen, dass die Männer schließlich anboten, ihn in ihrem Auto zur nächstbesten Busstation mitzunehmen. Von dort gebe es selbstverständlich die Möglichkeit, in Richtung Burgos weiterzureisen.
Erfreut nahm Florian an und stieg ein. Es stellte sich jedoch heraus, dass die beiden keineswegs die Absicht verfolgten, nach Bilbao zu fahren, sondern lieber mit atemberaubender Geschwindigkeit auf der Autobahn entlangrasten. Sie erklärten ihrem Fahrgast, dass sie nach Hause wollten, womit sie die beinahe einhundert Kilometer entfernte Stadt Vitória meinten. Dort gebe es auf jeden Fall einen Bus nach Burgos, und außerdem brächten sie ihren Passagier damit dessen Ziel weit näher.
Dieser erfuhr nun, dass seine beiden Wohltäter Georgij und Wachtan hießen und keineswegs aus Russland, sondern vielmehr aus Georgien kamen. Die Sprache, die sie benutzten, wenn sie nicht das Wort an ihn richteten, begegnete ihm zum ersten Mal in seinem Leben.
Angst kroch in ihm hoch. Was, wenn sie ihn irgendwohin verschleppten und ausraubten? Er hatte sich freiwillig in die Hände der beiden Männer begeben und war ihnen ausgeliefert. Und das halsbrecherische Tempo, mit dem sie die nordspanische Autobahn entlang rasten, war alles andere als vertrauenerweckend. Zuweilen schloss er für Sekunden die Augen und sandte ein Stoßgebet zu dem Gott, von dem er neuerdings hoffte, dass es ihn gab. Wenigstens in Situationen, die einen hilflos machten.
Sie fragten ihn dies und jenes, und er antwortete recht und schlecht. Und unvermittelt stellte er fest, dass sie bereits durch die Straßen von Vitória brausten.
Getreu ihrem Versprechen hielten sie endlich vor der Hauptstation der Busse, wünschten Florian eine gute Weiterreise und überließen ihn seinem Schicksal.
Er stammelte ein eiliges „Спасибо! “, winkte den Georgiern ein letztes Mal nach und trabte auf einen der Schalter zu, an dem er erfuhr, dass die nächste Abfahrt in Richtung Burgos bereits in einer Viertelstunde auf dem Plan stand.
Auf diese Weise gelangte er nach weniger als zwei weiteren Stunden ins Herz der ersehnten Großstadt, von der aus er seine anderthalb Jahre zuvor unterbrochene Pilgerreise fortzusetzen gedachte. Diesmal wollte er nicht ruhen und rasten, bevor er Santiago erreicht haben würde.
Er ließ sich den Weg zur Herberge beschreiben, fand diese auf Anhieb und darin auch ein freies Bett. Das Abenteuer hatte begonnen.
Bevor Florian sich dem Schlaf ergab, wirbelten noch einmal all die Ereignisse durch den Kopf, die sein Leben in irrwitzig kurzer Zeit verändert hatten. Die unerwartete Unterstützung eines alten Freundes beispielsweise, der juristisch erfahren war und ihn vor der Obdachlosigkeit bewahrt hatte. Oder selbst der Staat, der sich gnädiger zeigte als erwartet und seine sozialen Netze auch für einen ausspannte, der sie einst voller Stolz verachtet hatte. Übrig blieb die verwunderte Frage, warum ihm all diese Möglichkeiten früher verborgen geblieben waren.
Unversehens hatte sich die Schwerinerin Bettina gemeldet und ihren einstigen Mitpilger besucht. Aus ihrer Freundschaft war schnell so etwas wie Liebe geworden, selbst wenn es ihm, Florian, immer hochtrabend vorkam, es mit diesem Wort zu bezeichnen. Zwar war die Rothaarige nach Leipzig umgesiedelt, doch sie hatte darauf geachtet, ihr eigenes Reich zu behalten. Seitdem trafen sie sich häufig, ohne eine gemeinsame Wohnung anzustreben, eine Lebensweise, die ihnen beiden zupass kam.
Sobald er seine nunmehr Geliebte ein wenig näher kennengelernt hatte, sorgte bald ein weiterer Umstand für Überraschung. Florian musste öfter als einmal darüber lachen: Jener Christoph, der weise Flensburger, der ständig gefürchtet hatte, schwul zu sein, entpuppte sich als ein Verwandter Bettinas, ein Cousin, noch im sozialistischen Deutschland geboren, wenn auch mit seinen Eltern schon frühzeitig nach Schleswig-Holstein ausgewandert. Diese hatten ihm vermutlich die Gepflogenheiten der Einheitsschule nicht verschwiegen. Und was Christophs endgültige sexuelle Vorlieben betraf, so glaubten alle, die ihn kannten, zu wissen, dass seine Ängste nicht ganz unberechtigt waren.
Florian hatte den jungen Mann jedoch seit den Tagen zwischen Pamplona und Santo Domingo de la Calzada nicht wieder gesehen.
Bettina indes war ein Glücksfall, wie es selten einen gab. Wahrscheinlich wartete sie schon unruhig auf Nachricht von ihrem Abenteurer, der beschlossen hatte, sie ein wenig auf die Folter zu spannen, obwohl sie die Vollendung seiner Pilgerreise mit einer großzügigen Spende aus ihrer Tasche unterstützte.
Die schöne Italienerin, von der Florian einst geschwärmt hatte, tauchte nur noch selten in seinem Gedächtnis auf. Die Ereignisse hatten das vor Monaten Erlebte verweht oder gründlich zugedeckt, je nachdem. Wieviel weniger Wünsche hätte ein Mensch, wenn er seine eigenen Wandlungen voraussehen könnte! Von dem, was nun vor ihm liegen mochte, erwartete der Leipziger nichts außer einem weiteren erfüllenden Abenteuer auf der Reise zu sich selbst.
Das Schnarchkonzert um ihn her hatte bereits eingesetzt. Mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen schlief er ein.
Auf die Eiligen, die in der Frühe aufzubrechen gedachten, wartete eine verschlossene Herbergstür. Getreu dem Schema, an das sich Florian noch gut erinnerte, waren mindestens fünfzehn Pilger gegen fünf Uhr aufgestanden, in der Absicht, die kühlen Morgenstunden für den größten Teil der geplanten Tagesstrecke zu nutzen. Der soeben Angekommene wollte es ihnen gleichtun, saß aber nun unruhig in der Küche fest und musste sich in Geduld fassen wie sie alle. Ein fleckiges Stück Papier, das neben der Tür an die Wand gezweckt worden war, kündete davon, dass die Herberge ihre Gäste nicht vor sechs Uhr dreißig morgens zu entlassen gedachte.
Florian kramte einen Apfel aus seinem Beutel und begann langsam zu essen. Ein Mann im mittleren Alter, der neben ihm auf einer Bank Platz genommen hatte, fragte ihn auf englisch, woher er käme. Bereitwillig gab der Leipziger Auskunft, und ein kleines Gespräch entstand.
Es stellte sich heraus, dass der interessierte Pilger András hieß und Ungar war. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er den Weg in Saint-Jean-Pied-de-Port in Angriff genommen und glaubte, über genügend Zeit zu verfügen, um ihn bis zum Ende zu gehen.
Florian lobte Ungarn über die Maßen. Er werde bald wieder einmal dorthin fahren, versprach er, wohl wissend, dass er von allem Möglichen träumte, keineswegs aber von einer neuerlichen Reise zum Plattensee.
Nachdem er außerdem Josephine kennengelernt hatte, eine korpulente Dame aus Kanada, tauchte endlich der Herbergs-wirt auf und erklärte die Tür für geöffnet. Wenige Sekunden später trabte der Leipziger durch die noch immer nachtdunklen Straßen von Burgos und hielt angestrengt Ausschau nach gelben Pfeilen. Er erinnerte sich nur zu gut, welchen Kraftaufwand es kostete, den Weg wiederzufinden, wenn man sich verirrt hatte.
Hilfreich waren Taschenlampen. Wer selbst über keine verfügte, musste sich jemanden suchen, der mit einem Lichtkegel herumfuchtelte. Florian behielt drei Menschen im Auge, denen er erst mit Abstand folgte und die er später, als es zu dämmern begann, einholte und als Spanier identifizierte.
Nach wenigen Begrüßungsworten, aus denen sich jedoch kein Gespräch entwickelte, gehorchte er seiner immer stärker fühlbaren Gehlust und beschleunigte seine Schritte. Jede einzelne Begegnung mochte spannend sein, doch für dergleichen Erlebnisse fühlte er sich noch nicht offen und zog es vor, allein zu wandern.
In Tardajos legte er eine Pause ein, um sich einen Café con leche zu genehmigen. Das aber bedeutete das Ende seines Alleingangs, denn ein deutscher Mitpilger, der seine Gesellschaft zu suchen schien, sprach ihn an.
„Ich bin Hendrik aus Lübeck“, stellte sich der Mann bereits nach dem zweiten Satz vor, „außerdem noch neu auf dem Weg. Deshalb brauche ich jemanden, der mir die Feinheiten beibringt.“
Florian fand ihn sympathisch und sperrte sich nicht.
„Ich gehe aber heute morgen meine ersten Kilometer“, wandte er ein. „Keine Ahnung, ob ich da helfen kann. Allerdings gebe ich zu, dass ich schon einmal ein Stück gepilgert bin. So weit wie ich von Pamplona aus in acht Tagen kam. Die paar Dörfer, die damals bis Burgos noch fehlten, habe ich mir gespart, aber von hier wandere ich jetzt straff durch bis Santiago.“
Die Augen des Lübeckers leuchteten.
„Wenn du gestattest, gehe ich mal eine Weile in deiner Gesellschaft“, sagte er, „bis ich mich eingespielt habe.“
„Von mir aus“, meinte Florian gnädig. „Hier ist aber jeder Tag anders, das kann ich dir gleich versprechen. Wenn du einigermaßen sportlich drauf bist und nicht extrem komfortabhängig, kommst du problemlos durch. Darf ich fragen, wie alt du bist?“
Hendrik lächelte vielsagend. Er sah drahtig aus und schlank und sprühte vor Lebenslust. „Was würdest du denn schätzen?“
„Na, knapp über sechzig ungefähr“, versetzte Florian in der Gewissheit, es ziemlich genau getroffen zu haben.
„Siebzig“, korrigierte der Lübecker triumphierend. „Nicht mehr und nicht weniger.“
„Oh!“ Florian war ehrlich überrascht. „Dafür siehst du aber sehr rüstig aus.“
„Bin ich auch“, bestätigte Hendrik. „Ich mache Yoga. Seit Jahren schon.“
„Wenn’s so ist“, erwiderte Florian verschwommen, der nur entfernt eine Vorstellung von dem hatte, was der Lübecker meinte, „da gehen wir am besten weiter.“
Was sie denn auch taten. In angeregte Gespräche vertieft, merkten sie kaum, wie sie die letzten Vororte von Burgos hinter sich ließen und die Landschaft immer gelbgrauer, staubiger und steiniger wurde. Noch aber bewiesen kleine, teilweise mittelalterlich anmutende Dörfer und Wäldchen, die mit bewässerten Feldern abwechselten, dass sie von Leben umgeben waren, wenn es auch langsamer zu pulsieren schien.
Die Sonne stieg und gewann an Kraft. Eine wachsende Zahl eiliger Pilger überholte die beiden und hin und wieder wurden Grüße gewechselt.
Buon giorno!, hieß es da oder Bonjour!, manchmal auch Grüezi! oder Guten Tag!. Oftmals erklang nur ein Holá! und immer wieder das unausweichliche Buen camino!. Die meisten Gesichter lächelten freundlich und entspannt. Man wusste sich eins mit allen, die sich auf diesem Weg befanden.
„Ich hoffe, ich finde heraus, was ich letztendlich mit meinem Leben machen will“, erklärte Florian dem Lübecker umständlich. „Ich brauche einen Neuansatz, so ziemlich auf der ganzen Linie, und ich hoffe, die Wochen, die ich mir jetzt genommen habe, helfen mir dabei.“
„Das werden sie bestimmt“, versicherte ihm Hendrik. „Immer, wenn du was völlig anderes tust als sonst, verändert sich dein Leben, so oder so.“
„Du meinst, es ist egal, ob man nun den Pilgerweg geht oder sich auf eine andere verrückte Unternehmung einlässt?“
„Ungefähr das meine ich.“ Der Lübecker nickte. „Ich habe ja nun schon vieles hinter mir, und dass ich jetzt den Weg mache, soll mir ein bisschen von meiner früheren Dynamik wiedergeben. Das wünsche ich mir jedenfalls. Ich habe vor ein paar Jahren zum zweiten Mal geheiratet, aber ich will mir praktisch bestätigen, dass ich allemal frei bin. Die Frau versteht das, obwohl sie eine schöne ist, das hätte ich nie gedacht.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, ich habe dir noch nicht erzählt, dass ich Maler bin“, holte Hendrik aus. „Sogar ein ziemlich erfolgreicher; ich kann nämlich von meinen Bildern leben. Das ist aber noch nicht übermäßig lange so und es hat sich auch erst entwickelt, nachdem ich mal was nicht ganz Alltägliches erleben musste. Oder durfte, je nachdem.“
„Jetzt machst du mich neugierig.“ Florian blieb stehen. „Wir könnten ja eine Pause einlegen…“
„Bald sind wir in Hornillos, da halten wir vielleicht Siesta“, schlug der Lübecker vor. „Wir müssen ja nicht schlafen, und ich erzähle dir mal die ganze Geschichte.“
Unwillkürlich und obwohl sie beide heftig schwitzten, schritten sie kräftig aus, und als sie gegen Mittag in Hornillos del Camino eintrafen, waren sie überrascht, bereits so weit gekommen zu sein.
Hendrik, dem es offensichtlich Spaß machte, mit dem jüngeren Mann aus Sachsen einige seiner Lebenserfahrungen auszutauschen, ließ sich mit diesem im Schatten auf dem Gehsteig vor einer Bar nieder und öffnete eine Plastikschachtel voller Äpfel und Pfirsiche, die er dem Zuhörer als Zehrung anbot. Dann lehnte er sich an seinen Rucksack, nickte einigen vorübergehenden Pilgern zu und breitete langsam und verträumt seine Erzählung aus.
Carmen
Ein Teil der ganzen Geschichte ist mir bis heute unerklärlich. Denn ich war überaus glücklich, meine Scheidung endlich hinter mir zu haben und mein eigenes Reich zu bewohnen. Klein war es wohl, maß gerade einmal zweiunddreißig Quadratmeter, bedeutete aber für mich den Himmel auf Erden. Hier schaltete und waltete ich allein, gab niemandem Rechenschaft, wann ich kam oder ging, wo ich mich etwa wann aufhielt und ob ich meine Schuhe putzte. Weder musste um eine bestimmte Zeit ein Mittagessen auf dem Tisch stehen noch ein Hund mehrmals täglich ausgeführt werden.
Ich lebte von der sozialen Grundsicherung, die mir als arbeitslosem Staatsbürger zustand und konnte endlich ungestört und ausgiebig tun, was mich am meisten erfüllte: malen, malen, malen, dekorieren, restaurieren und wieder malen. Der kleine Keller, den man mir zugestanden hatte, füllte sich mit Bildern, die ich hoffte, baldigst in diversen Ausstellungen zu präsentieren, um aus ihnen die lang erträumte Geldquelle zu machen. Es gab Tage, an denen ich kaum mehr aß als ein Käsebrötchen und einen Apfel und dennoch von morgens bis abends auf den Beinen war und arbeitete, was das Zeug hielt. Und immer, wenn ich mich zu fragen begann, wozu diese köstliche Mühe überhaupt gut sei, besuchte mich jemand und kaufte ein Bild. Dass es meistens nach längerem Feilschen geschah, störte mich wenig, denn selbst wenn er mir nicht viel zahlte, floss doch so etwas wie Anerkennung von ihm zu mir. Dem Käufer gefiel eben, was ich gemalt hatte, und er wollte es haben. Allein das war bereits Balsam für meine Künstlerseele.
Selbstverständlich bin ich ein gesunder Mann, und mir juckte es schon gelegentlich zwischen den Beinen. Doch wenn ich so wahnwitzig arbeitsversessen war, strömte all meine Energie in die Bilder. Ich glaubte, so solle es auch sein. Ich malte Stillleben, Landschaften, Gärten und Häuser, kreierte fantastische Wesen und Märchenszenen, erging mich in abstrakten Farbschnörkeln und kehrte wieder in den Alltag zurück, indem ich einfach eine meiner Nachbarinnen auf die Leinwand bannte, während diese die Wäsche auf die Leine hängte.
Allzu gern aber wollte ich auch Aktskizzen zeichnen, wollte Frauen in allen erdenklichen Posen malen, denn da klaffte eine deutliche Lücke in meinem Schaffen. Hin und wieder versuchte ich es aus meiner Fantasie heraus, war aber nie so recht mit dem Ergebnis zufrieden. Und eine zu bitten, mir etwa Modell zu sitzen, fürchtete ich mich. Nicht weil ich grundsätzlich die Nähe zu Frauen nun meiden wollte, aber ich hatte Bedenken, dass eine solche mich eventuell verführen könnte.
Auf diesem Gebiet kann man mich leicht fangen, und wenn ich erst mal in ihrem Netz zappelte, würde sie zur Spinne werden, die mir das Blut aussaugte. Denn trachteten Frauen nicht ständig danach, einen Mann zu ködern, um ihn dann für ihre Zwecke auszunutzen? Sie kommen wohl anfangs lieb und nett daher, aber ihr Inneres gleicht einer Mördergrube. Sie lügen, was das Zeug hält und denjenigen, den sie in ihrem Besitz meinen, rauben sie aus bis zum allerletzten Cent. Diese Einstellung hatte meine Ehe zu dem gemacht, was sie gewesen war, und diese Einstellung zog mir wohl auch die Erfahrung ins Leben, die mir nun blühte.
Es begann damit, dass ich zu einer Gesellschaft geladen wurde, was eher selten geschah und mir das Gefühl gab, man kenne mich bereits. Selbstverständlich ging ich hin.
Der Gastgeber stellte mich beiläufig einem nicht mehr ganz jungen Paar aus Hessen vor. Auf der Stelle spürte ich, dass ich der Frau nicht gleichgültig war, noch bevor wir das erste Wort miteinander gesprochen hatten. Von dem Mann weiß ich so gut wie gar nichts mehr.
Sie zeigte sich außerordentlich interessiert, was meine Malerei betraf und beschrieb sich selbst als kunstversessen. Was ihre eigene kreative Ader anging, so verfasste sie gelegentlich Artikel für ein unbedeutendes Internetportal.
Da ich sonst kaum jemanden kannte, ließ ich mich leicht von ihr in ein längeres Gespräch verwickeln, während ihr Mann sich an den Gastgeber hielt. Auf diese Weise bekam ich mein erstes Aktmodell.
Natürlich hatte ich eine Weile überlegt. Jene Dame – Carmen hieß sie – war klein, einigermaßen dick und verfügte über kaum mehr als drei Zentimeter Hals. Ihre Schultern wirkten hart und kompakt und liefen ziemlich breit aus, während von einem Hintern kaum die Rede sein konnte. Das alles aber entdeckte ich nicht einmal sofort, denn sie trug ein langes, schwarzes
Kleid mit Goldborte, das beileibe nicht eng anlag und ihre Figur fast vollständig verbarg. Einiges aber ahnten meine Maleraugen trotzdem.
Nun gibt es bereits Millionen von Aktbildern, auf denen makellose Frauen posieren, doch nur wenige Künstler nehmen sich wirklich der Vielfalt des Lebens an. Deshalb vermutete ich, das Besondere malen zu dürfen, wenn ich auf ihr Angebot einging; und ich gestehe, dass ich ihren Mut rückhaltlos bewunderte.
Um ehrlich zu sein, kombinierte auch ich so dies und jenes. So nahm ich beispielsweise an, dass sie ziemlich wohlhabend sein müsse, mir also unter Umständen unter die Arme greifen könnte, wenn ich in Schwierigkeiten geriet. Ihr Kleid und ihr Benehmen ließen jedenfalls darauf schließen, und bei mir war der Wunsch der Vater des Gedankens. Weiterhin lag es klar auf der Hand, dass ihr Mann wenig Interesse an ihr hatte, sodass sie sich wahrscheinlich schon über Monate oder Jahre beträchtlich langweilte.
Nun, dem wollte ich schon abhelfen. Wir vereinbarten einen ersten Termin.
Mein Atelier – jene dreißig Quadratmeter, die mir gleichzeitig als Wohnung dienten – war im Grunde eine geräumige Knechtekammer eines altertümliches Gutshauses auf dem Land. Eine gute Bekannte von mir richtete das gesamte Gehöft neu her, um mit einigen Öko-Fanatikern eine Kommune zu bilden und sich ohne Geld durchzuschlagen. Ihre Ideen und die ihrer Mitstreiter fand ich recht gut, doch ich hatte mich bislang nicht dazu durchringen können, vorbehaltlos in das gleiche Horn zu blasen und die ganze Sache ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Immerhin durfte ich über den besagten Raum verfügen und dafür war ich dankbar.
Außer einer Staffelei mit einem reichen Farbsortiment befand sich eine breite Bettstelle aus Eichenholz in der Kammer. Den Rest des Mobiliars bildeten ein Sessel, ein Hocker, ein schmaler Kleiderschrank, ein Bücherregal und ein kleiner, runder Tisch. Ein einsatzbereiter Elektrokocher lehnte in einer Ecke an der Wand. Über den Gang draußen, nur wenige Meter entfernt, erhielt man Zugang zu zwei bereits ausgebauten Waschräumen, sodass im Grunde dem Empfang von Gästen nichts im Wege stand. Weiterhin hatte ich dort einen Kühlschrank postiert, den ich in Erwartung meines Besuches auch großzügig mit Lebensmitteln und Getränken füllte.
Als sie ankam, konnte ich ein gewisses Herzklopfen nicht verhindern. Wie würde die Sache laufen? Ich hatte mich auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen.
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