Andreas H. Buchwald
GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg
Teil 1
Den Aufbrechenden
Der Auftakt einer ungewöhnlichen Rahmenromanerzählung. Auch zum Jakobsweg kommt mancher wie die Jungfer zum Kind...
Der Protagonist Florian startet seine Pilgerschaft in Pamplona, kommt aber im ersten Teil noch nicht einmal bis Burgos. Dabei "begegnen" ihm 7 Geschichten:
ISBN 978-3-942469-00-5, 184 S.
GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg
Teil 1
Den Aufbrechenden
Der Auftakt einer ungewöhnlichen Rahmenromanerzählung. Auch zum Jakobsweg kommt mancher wie die Jungfer zum Kind...
Der Protagonist Florian startet seine Pilgerschaft in Pamplona, kommt aber im ersten Teil noch nicht einmal bis Burgos. Dabei "begegnen" ihm 7 Geschichten:
Der Große Reibach
Der Ring des dicken Ingolf
Der Kampfhund
Die Geschichte vom unmöglichen Pfarrer
Der schreckhafte Weihnachtsmann
Runenzauber
Yunus
ISBN 978-3-942469-00-5, 184 S.
Den Aufbrechenden
Ich geh meine eigenen Wege,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Eigene Wege sind schwer zu beschreiben,
sie entstehen ja erst beim Gehn.
Heinz Rudolf Kunze
Der erste Eindruck der berühmten Stadt Pamplona war alles andere als verheißungsvoll. Zudem war es gegen drei Uhr nachmittags, und die Sonne, die hier bereits in der zweiten Aprilhälfte eine enorme Kraft entwickelt, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, sobald er sich drei Schritte weit über die schützenden, von Gebäuden und Bäumen erzeugten Schattenflächen hinaus wagte. Irgendwo aber musste er anfangen, eintauchen, loswandern, und er hatte sich nun einmal für die Hauptstadt Navarras entschieden.
Die zurückliegenden sieben Stunden waren weder langsam noch schnell vergangen, ausgefüllt von der Fahrt in einem klimatisierten Fernlinienbus, hierzulande ungewohnt lärmgedämpft und mit Zeit für Erinnerungen, Gedanken, Träume und Gebete. Keineswegs war Florian ein frommer Mann, zumal aufgewachsen in der sächsischen Kleinstadt Wurzen und seit langem wohnhaft in Leipzig, wo man aufgeklärt war und weltoffen und so freizügig, wie es die eigenen Mittel zuließen. Diese aber, die eigenen Mittel, die waren zur Achillesferse seines Lebens geworden, so sehr, dass er nun meinte, außer Beten könne er nichts mehr tun.
Geldknappheit machte vor den treuesten Materialisten nicht halt, verschonte sie ebensowenig wie die weltabgehobenen Träumer, von denen er immer geglaubt hatte, sie seien selber schuld. Ohne Ansehen der Person waren die Menschen arbeitslos geworden, hatte man sie auf Sozialleistungen gesetzt und an den Rand des Lebens gedrängt. Dagegen halfen weder gottesverachtende Sprüche noch Hasstiraden gegen die Kirche, weder wohlgemeinte Philosophien noch zynische Politikerwitze.
Beten indes war etwas Neues, er hatte es noch nie versucht. Stumm konnte man es tun, heimlich, um nicht lächerlich zu wirken vor denen, die es vielleicht merkten. Ein Strohhalm obendrein, weiter gar nichts. Nach dem ein Ertrinkender aber
trotzdem greift…
Nachdem er die Scheidung von Marianne durchgeboxt hatte, einer nimmersatten Frau und einem unberechenbaren Kostenfaktor, hatten sich zu seinen Mietschulden die unbeglichenen Gerichtsrechnungen addiert. Und als er unvorsichtigerweise seinem letzten Freund gegenüber im Rausch geäußert hatte, er wolle sich nun umbringen, war das Ergebnis eine seltsame Antwort gewesen, eine Qual für sein Gedächtnis bis heute:
„Nimm lieber alles, was du zusammenkratzen kannst und geh wandern, nach Nordspanien, auf diesem Pilgerweg, du weißt schon. Wenn er dir zu lang ist, reichen ein paar Tage. Das Einzige, was du brauchst, ist: gehen lernen.“
Gehen lernen. Nicht beten, sondern gehen, gehen lernen? Florian hatte den Mann verärgert verlassen, war jedem weiteren Wiedersehen ausgewichen. Nur dieses Gehen lernen hatte er nicht mehr loswerden können.
Beinahe krank hatte es ihn gemacht. Bis er sich mit blutendem Herzen entschloss und eines seiner Kopfkissen aufschnitt, um die darin versteckten dreihundertsiebenundzwanzig Euro herauszunehmen, das letzte, absolute Notfallgeld.
Zwar lief längst eine Räumungsklage und bis zum Vollzug blieben ihm noch zwanzig Tage. Deshalb war zuerst die Idee gekommen, das Gehen hier zu erlernen, am Stadtrand von Leipzig eventuell. Das lag am nächsten und erforderte geringstmögliche Kosten.
Doch da geschah ihm jener Spaziergang und wiederum ein seltsames Gespräch mit einer traurigen Studentin auf einer Parkbank. Sie wolle nach Barcelona fahren, hatte sie ihm ihren Kummer ausgebreitet, mit zwei Freundinnen und einem Freund. Ihr schöner Plan aber müsse ins Wasser fallen, da der junge Mann der Einzige sei, der über eine Fahrerlaubnis verfüge, nun aber eine schwere Grippe bekommen habe. Nur in diesen Tagen aber könnten sie in der spanischen Hafenstadt kampieren, in einer Wohnung, die ihnen jemand kostenfrei überließe, bis zur Rückkehr aus dem eigenen Urlaub.
An dieser Stelle war Florian hellwach geworden und hatte nach dem Auto gefragt.
Ja klar, das Auto könnten sie haben, aber wer sollte es denn fahren?
Ich, hatte der Lebensverdrossene unwillkürlich geantwortet und sich selbst für den Unfug gescholten, den er da sprach. Denn: Sollte er, der fast Fünfzigjährige, mit drei jungen Damen, einfach so…?
„Sie würden das tun?“ Die Studentin war reinweg begeistert gewesen.
Und er hatte es getan. Drei Mädchen in einem alten Ford Fiesta nach Barcelona kutschiert. Gestreichelt und geküsst hatten sie ihn dafür, davon abgesehen, dass er mit ihnen in einer Wohnung übernachten durfte. Aber nicht mehr, denn irgendwo musste es ja noch Hemmschwellen geben; bei ihnen oder bei ihm selbst, das war wohl gleichgültig.
Nach der ersten Nacht in der Riesenstadt hatte er morgens beizeiten die Estació del Nord*1 aufgesucht und den Bus genommen, um hierher, nach Pamplona, zu gelangen. Erst nach zwei Wochen brauchten sie ihn wieder in Barcelona, als Chauffeur für die Rückfahrt.
Allein die wichtigsten Habseligkeiten trug er bei sich, in einem Rucksack. Obendrein steckte in einer seiner Taschen sogar ein neuer Pilgerausweis, den er von der bewussten Studentin bekommen hatte. Es musste eine Zeit gegeben haben, während der sie selbst wild auf das Wanderabenteuer gewesen war, um später vor den damit verbundenen Anstrengungen zurückzuschrecken – wer weiß?
Langsam schritt Florian über den Asphalt. Wo fand er ihn, den legendären Pilgerpfad? Nichts wusste er darüber, weder über Herbergen und deren Bedingungen und Kosten noch über Entfernungen und Richtungszeichen. Immerhin sprach er leidlich gut Englisch und drei bis vier Worte Spanisch.
Die Geschäfte waren geschlossen, die Straßen beinahe leergefegt. Siesta! fiel ihm ein. In diesem Land begeht man die Mittagsruhe wie etwas Heiliges. So war es jedoch nicht leicht, jemanden zu finden, den man fragen konnte.
Das aber gelang ihm schließlich in einem Gebäude, das er als Stadtverwaltung identifizierte, besonders dazu angeregt durch die Flaggen des Landes und der Provinz, die weithin sichtbar über dem Portal angebracht waren. Hier stieß er auf Menschen, die entgegen ihrem Ruf nicht hinter Bürotischen schliefen, die das Englisch des Reisenden verstanden und diesem mit Rat und Wanderkarte zu helfen versuchten.
Und so gelangte Florian schließlich auf den geschichtsträchtigen, blutigen, ungerechten, grausamen, unzüchtigen und überaus heiteren, liebevollen und magischen Weg.
Der erste Wanderer, auf den er traf, war eine Frau, eine junge, blonde, langhaarige Frau, die kein einziges englisches Wort verstand geschweige denn sprach. Mit Händen und Füßen, Augenblitzen und Gelächter teilte sie ihm mit, dass sie aus einem Dorf bei Cortina d’Ampezzo in Norditalien komme; und der Deutsche lächelte zum ersten Mal seit vielen Wochen und Monaten und sagte:
„Ah, Cortina d’Ampezzo! Olympia! I understand, I understand (Ich verstehe, ich verstehe).“
Sie zeigte auf sich selbst: „Io (Ich) – Paola.“
„Ich bin Florian“, antwortete der neue Pilger, den bei der eigenen Namensnennung ein unbekannt leichtes Gefühl durchflutete. „Florian aus Leipzig.“
Nun wies sie auf ihre Schuhe, die, staubig und ausgetreten, ihren Füßen Schmerzen zu bereiten schienen.
„Cinque minuti – albergue – dormire (Fünf Minuten – Herberge – schlafen)“, seufzte sie in der Hoffnung, das Hirn ihres Begleiters möge telegrafische Sprechweise und Sprachengemisch leichter verarbeiten.
Der aber schwieg und fragte sich anscheinend, wie er es der hübschen Dolomitin erklären sollte, dass er noch bei frischen Kräften sei und bis zum Abend zu wandern beabsichtige, trotz Sonne und spanischem April.
„Cizur Menor“, fügte sie erläuternd hinzu und er, der bisher kaum einen Blick auf die vor knapp einer Stunde erhaltene Karte geworfen hatte, verstand noch weniger.
Etwa fünfzig Meter vor ihnen wartete ein stoppel- und schwarzhaariger junger Mann, schlank und sportlich und sichtlich ungeduldig, dessen Rucksack und Wanderstock ihn ebenfalls als Pilger auswiesen und dessen Englischkenntnisse Florian aus dem Dilemma des Miss- und Unverstehens befreiten. Paola stellte ihn einstweilen als ihren Bruder vor, machte ihn mit dem Deutschen unter dem Namen Alessandro bekannt und gab nun, da endlich jemand ihre Fragen übersetzen konnte, ihrer Neugier Raum.
Warum der neue Mitwanderer sich für diesen Weg entschieden habe, wollte sie beispielsweise wissen, außerdem sein Alter, ob er verheiratet sei und Kinder habe, ob er sein Leben als Beamter oder Journalist friste oder, wie sie eher vermute, Sportlehrer.
Sportlehrer, wieso Sportlehrer? Florian lächelte zum zweiten Mal, lachte beinahe.
Nun, so sehe er aus und so gefalle er ihr, gestand Paola freimütig.
Obwohl Alessandro mit seinem Schulenglisch kämpfte, gelang ihm die sinngemäße Übersetzung dessen, was seine vermeintliche Schwester äußerte, leidlich gut, und Florians wortkarge Englischsätze verwandelte er in vollständige Erzählungen, in klangvollem, hektischem Akkord-Italienisch vorgetragen.
Beinahe eine ganze Stunde verging auf diese Weise wie im Fluge. Vor der Pilgerherberge in Cizur Menor – der Deutsche hatte inzwischen kapiert, dass sich hinter den beiden seltsamen Worten nichts als eine Ortsbezeichnung verbarg – verabschiedeten sich die geschwätzigen Südländer und Paola rückte zudem mit der Wahrheit heraus, nämlich der, dass Alessandro ihr Freund und mitnichten ihr Bruder war. In der Befürchtung, ihre zu Hause wartenden Eltern oder der Ortsgeistliche könnten von der unerlaubten sexuellen Beziehung erfahren, die sie mit dem Stoppelhaarigen unterhielt, verschwieg sie diese Tatsache am liebsten auch Fremden gegenüber. Ihm aber, Florian, könne sie vertrauen, das habe sie schnell gemerkt.
„Buen camino!(Guten Weg!)“ wünschten ihm die beiden heiter und auf Spanisch, und er erwiderte ebenfalls: „Buen camino!“
Darin lag alles, was er brauchte, alles.
Der Kampfhund
Still und aufmerksam saß Vincent am Rand der Matte, seinem Lieblingsplatz. Er war ein glänzend schwarzer Staffordshire-Terrier und begleitete gewöhnlich seinen Herrn, während dieser sich vehement sportlich betätigte.
Üblicherweise geschah das an jedem zweiten und vierten Freitag eines Monats. Und es waren die Abgründe und Geheimnisse fernöstlicher Kampfkunst, in die der Hund auf diese Weise Gelegenheit fand, sich zu vertiefen.
Der Mann, den die wissenden Blicke des Tieres verfolgten und der gemeinsam mit fünf wehrhaften Frauen und acht ebenbürtigen Männern in der Halle umherwirbelte, hieß Uwe-Hilmar Unlieb, war Rechtsanwalt und ein dreiundfünfzigjähriges Rauhbein, von Mandanten und Freunden zärtlich „Uhu“ genannt.
Unentwegt beobachtete der prächtige Rüde seinen Herrn, rührte sich keinen Augenblick von der Stelle und äußerte nicht den geringsten Laut. Sie kannten ihn alle hier, und er sonnte sich in ihren Lobreden über seine außergewöhnliche Friedfertigkeit.
„Vincent meditiert“, bemerkte Tilo manchmal belustigt, der Trainer und Meister des Aikido.
Dann schüttelte „Uhu“ verständnislos den Kopf und widersprach: „Er ist einfach nur aufmerksam, das ist alles.“
„Als ob das nicht auf dasselbe herauskäme“, meinte indes Gudrun, eine kleine, frohsinnige Arzthelferin. Ihr Langhaardackel war wenige Wochen zuvor gestorben, und sie glaubte etwas von Hunden zu verstehen.
Im Unterschied zu seinen Schülern trug Tilo einen Rock, einen Hakama, und er wurde nicht müde zu betonen, es gehe im Grunde nur darum, mit dem Kämpfen aufzuhören. Jede einzelne Bewegung, die er vollführte, wirkte rund und elegant, war natürlich, leicht und sinnvoll.
„Es gibt keinen Gegner“, lehrte er, „es gibt niemanden, der von mir getrennt ist. Der Angreifer ist ein Teil von mir selbst. Die Aggression, die er bringt, die Energie, ist sein Geschenk an mich. Wenn ich dieses Geschenk annehme, kann ich damit umgehen. Entweder ich leite es um oder ich gebe es ihm zurück. Falls ich es nicht brauche.“
Monatelang schon trainierte „Uhu“, Sätze wie diese zu verstehen, zu durchdringen. Manchmal gelang ihm eine Übung, doch weit öfter landete er bei dem Gefühl, dass es aussichtslos sei, derart Unlogisches zu erlernen, obwohl es maßlos faszinierte.
Neidvoll erlebte er immer und immer wieder, wie Tilos Angreifer zu Boden gingen, ohne dass der Meister sie überhaupt berührte. Verwirrt und erschrocken fiel er, der Rechtsanwalt selbst, wenn die Reihe an ihn kam.
Denn etwas hatte er bereits begriffen, in sein eigenes System übernommen, etwas leuchtete ihm ein: Die Wut, der Zorn, die Aggression! Man durfte, ja musste sogar mit all dem arbeiten. Es zulassen, nicht verurteilen. Denn ohne Ingrimm war kein Kampf möglich, verkam jede Übung zu Blödsinn, leerem Geplänkel, verlor sie ihr Lebensbeispiel.
...
Ich geh meine eigenen Wege,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Eigene Wege sind schwer zu beschreiben,
sie entstehen ja erst beim Gehn.
Heinz Rudolf Kunze
Der erste Eindruck der berühmten Stadt Pamplona war alles andere als verheißungsvoll. Zudem war es gegen drei Uhr nachmittags, und die Sonne, die hier bereits in der zweiten Aprilhälfte eine enorme Kraft entwickelt, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, sobald er sich drei Schritte weit über die schützenden, von Gebäuden und Bäumen erzeugten Schattenflächen hinaus wagte. Irgendwo aber musste er anfangen, eintauchen, loswandern, und er hatte sich nun einmal für die Hauptstadt Navarras entschieden.
Die zurückliegenden sieben Stunden waren weder langsam noch schnell vergangen, ausgefüllt von der Fahrt in einem klimatisierten Fernlinienbus, hierzulande ungewohnt lärmgedämpft und mit Zeit für Erinnerungen, Gedanken, Träume und Gebete. Keineswegs war Florian ein frommer Mann, zumal aufgewachsen in der sächsischen Kleinstadt Wurzen und seit langem wohnhaft in Leipzig, wo man aufgeklärt war und weltoffen und so freizügig, wie es die eigenen Mittel zuließen. Diese aber, die eigenen Mittel, die waren zur Achillesferse seines Lebens geworden, so sehr, dass er nun meinte, außer Beten könne er nichts mehr tun.
Geldknappheit machte vor den treuesten Materialisten nicht halt, verschonte sie ebensowenig wie die weltabgehobenen Träumer, von denen er immer geglaubt hatte, sie seien selber schuld. Ohne Ansehen der Person waren die Menschen arbeitslos geworden, hatte man sie auf Sozialleistungen gesetzt und an den Rand des Lebens gedrängt. Dagegen halfen weder gottesverachtende Sprüche noch Hasstiraden gegen die Kirche, weder wohlgemeinte Philosophien noch zynische Politikerwitze.
Beten indes war etwas Neues, er hatte es noch nie versucht. Stumm konnte man es tun, heimlich, um nicht lächerlich zu wirken vor denen, die es vielleicht merkten. Ein Strohhalm obendrein, weiter gar nichts. Nach dem ein Ertrinkender aber
trotzdem greift…
Nachdem er die Scheidung von Marianne durchgeboxt hatte, einer nimmersatten Frau und einem unberechenbaren Kostenfaktor, hatten sich zu seinen Mietschulden die unbeglichenen Gerichtsrechnungen addiert. Und als er unvorsichtigerweise seinem letzten Freund gegenüber im Rausch geäußert hatte, er wolle sich nun umbringen, war das Ergebnis eine seltsame Antwort gewesen, eine Qual für sein Gedächtnis bis heute:
„Nimm lieber alles, was du zusammenkratzen kannst und geh wandern, nach Nordspanien, auf diesem Pilgerweg, du weißt schon. Wenn er dir zu lang ist, reichen ein paar Tage. Das Einzige, was du brauchst, ist: gehen lernen.“
Gehen lernen. Nicht beten, sondern gehen, gehen lernen? Florian hatte den Mann verärgert verlassen, war jedem weiteren Wiedersehen ausgewichen. Nur dieses Gehen lernen hatte er nicht mehr loswerden können.
Beinahe krank hatte es ihn gemacht. Bis er sich mit blutendem Herzen entschloss und eines seiner Kopfkissen aufschnitt, um die darin versteckten dreihundertsiebenundzwanzig Euro herauszunehmen, das letzte, absolute Notfallgeld.
Zwar lief längst eine Räumungsklage und bis zum Vollzug blieben ihm noch zwanzig Tage. Deshalb war zuerst die Idee gekommen, das Gehen hier zu erlernen, am Stadtrand von Leipzig eventuell. Das lag am nächsten und erforderte geringstmögliche Kosten.
Doch da geschah ihm jener Spaziergang und wiederum ein seltsames Gespräch mit einer traurigen Studentin auf einer Parkbank. Sie wolle nach Barcelona fahren, hatte sie ihm ihren Kummer ausgebreitet, mit zwei Freundinnen und einem Freund. Ihr schöner Plan aber müsse ins Wasser fallen, da der junge Mann der Einzige sei, der über eine Fahrerlaubnis verfüge, nun aber eine schwere Grippe bekommen habe. Nur in diesen Tagen aber könnten sie in der spanischen Hafenstadt kampieren, in einer Wohnung, die ihnen jemand kostenfrei überließe, bis zur Rückkehr aus dem eigenen Urlaub.
An dieser Stelle war Florian hellwach geworden und hatte nach dem Auto gefragt.
Ja klar, das Auto könnten sie haben, aber wer sollte es denn fahren?
Ich, hatte der Lebensverdrossene unwillkürlich geantwortet und sich selbst für den Unfug gescholten, den er da sprach. Denn: Sollte er, der fast Fünfzigjährige, mit drei jungen Damen, einfach so…?
„Sie würden das tun?“ Die Studentin war reinweg begeistert gewesen.
Und er hatte es getan. Drei Mädchen in einem alten Ford Fiesta nach Barcelona kutschiert. Gestreichelt und geküsst hatten sie ihn dafür, davon abgesehen, dass er mit ihnen in einer Wohnung übernachten durfte. Aber nicht mehr, denn irgendwo musste es ja noch Hemmschwellen geben; bei ihnen oder bei ihm selbst, das war wohl gleichgültig.
Nach der ersten Nacht in der Riesenstadt hatte er morgens beizeiten die Estació del Nord*1 aufgesucht und den Bus genommen, um hierher, nach Pamplona, zu gelangen. Erst nach zwei Wochen brauchten sie ihn wieder in Barcelona, als Chauffeur für die Rückfahrt.
Allein die wichtigsten Habseligkeiten trug er bei sich, in einem Rucksack. Obendrein steckte in einer seiner Taschen sogar ein neuer Pilgerausweis, den er von der bewussten Studentin bekommen hatte. Es musste eine Zeit gegeben haben, während der sie selbst wild auf das Wanderabenteuer gewesen war, um später vor den damit verbundenen Anstrengungen zurückzuschrecken – wer weiß?
Langsam schritt Florian über den Asphalt. Wo fand er ihn, den legendären Pilgerpfad? Nichts wusste er darüber, weder über Herbergen und deren Bedingungen und Kosten noch über Entfernungen und Richtungszeichen. Immerhin sprach er leidlich gut Englisch und drei bis vier Worte Spanisch.
Die Geschäfte waren geschlossen, die Straßen beinahe leergefegt. Siesta! fiel ihm ein. In diesem Land begeht man die Mittagsruhe wie etwas Heiliges. So war es jedoch nicht leicht, jemanden zu finden, den man fragen konnte.
Das aber gelang ihm schließlich in einem Gebäude, das er als Stadtverwaltung identifizierte, besonders dazu angeregt durch die Flaggen des Landes und der Provinz, die weithin sichtbar über dem Portal angebracht waren. Hier stieß er auf Menschen, die entgegen ihrem Ruf nicht hinter Bürotischen schliefen, die das Englisch des Reisenden verstanden und diesem mit Rat und Wanderkarte zu helfen versuchten.
Und so gelangte Florian schließlich auf den geschichtsträchtigen, blutigen, ungerechten, grausamen, unzüchtigen und überaus heiteren, liebevollen und magischen Weg.
Der erste Wanderer, auf den er traf, war eine Frau, eine junge, blonde, langhaarige Frau, die kein einziges englisches Wort verstand geschweige denn sprach. Mit Händen und Füßen, Augenblitzen und Gelächter teilte sie ihm mit, dass sie aus einem Dorf bei Cortina d’Ampezzo in Norditalien komme; und der Deutsche lächelte zum ersten Mal seit vielen Wochen und Monaten und sagte:
„Ah, Cortina d’Ampezzo! Olympia! I understand, I understand (Ich verstehe, ich verstehe).“
Sie zeigte auf sich selbst: „Io (Ich) – Paola.“
„Ich bin Florian“, antwortete der neue Pilger, den bei der eigenen Namensnennung ein unbekannt leichtes Gefühl durchflutete. „Florian aus Leipzig.“
Nun wies sie auf ihre Schuhe, die, staubig und ausgetreten, ihren Füßen Schmerzen zu bereiten schienen.
„Cinque minuti – albergue – dormire (Fünf Minuten – Herberge – schlafen)“, seufzte sie in der Hoffnung, das Hirn ihres Begleiters möge telegrafische Sprechweise und Sprachengemisch leichter verarbeiten.
Der aber schwieg und fragte sich anscheinend, wie er es der hübschen Dolomitin erklären sollte, dass er noch bei frischen Kräften sei und bis zum Abend zu wandern beabsichtige, trotz Sonne und spanischem April.
„Cizur Menor“, fügte sie erläuternd hinzu und er, der bisher kaum einen Blick auf die vor knapp einer Stunde erhaltene Karte geworfen hatte, verstand noch weniger.
Etwa fünfzig Meter vor ihnen wartete ein stoppel- und schwarzhaariger junger Mann, schlank und sportlich und sichtlich ungeduldig, dessen Rucksack und Wanderstock ihn ebenfalls als Pilger auswiesen und dessen Englischkenntnisse Florian aus dem Dilemma des Miss- und Unverstehens befreiten. Paola stellte ihn einstweilen als ihren Bruder vor, machte ihn mit dem Deutschen unter dem Namen Alessandro bekannt und gab nun, da endlich jemand ihre Fragen übersetzen konnte, ihrer Neugier Raum.
Warum der neue Mitwanderer sich für diesen Weg entschieden habe, wollte sie beispielsweise wissen, außerdem sein Alter, ob er verheiratet sei und Kinder habe, ob er sein Leben als Beamter oder Journalist friste oder, wie sie eher vermute, Sportlehrer.
Sportlehrer, wieso Sportlehrer? Florian lächelte zum zweiten Mal, lachte beinahe.
Nun, so sehe er aus und so gefalle er ihr, gestand Paola freimütig.
Obwohl Alessandro mit seinem Schulenglisch kämpfte, gelang ihm die sinngemäße Übersetzung dessen, was seine vermeintliche Schwester äußerte, leidlich gut, und Florians wortkarge Englischsätze verwandelte er in vollständige Erzählungen, in klangvollem, hektischem Akkord-Italienisch vorgetragen.
Beinahe eine ganze Stunde verging auf diese Weise wie im Fluge. Vor der Pilgerherberge in Cizur Menor – der Deutsche hatte inzwischen kapiert, dass sich hinter den beiden seltsamen Worten nichts als eine Ortsbezeichnung verbarg – verabschiedeten sich die geschwätzigen Südländer und Paola rückte zudem mit der Wahrheit heraus, nämlich der, dass Alessandro ihr Freund und mitnichten ihr Bruder war. In der Befürchtung, ihre zu Hause wartenden Eltern oder der Ortsgeistliche könnten von der unerlaubten sexuellen Beziehung erfahren, die sie mit dem Stoppelhaarigen unterhielt, verschwieg sie diese Tatsache am liebsten auch Fremden gegenüber. Ihm aber, Florian, könne sie vertrauen, das habe sie schnell gemerkt.
„Buen camino!(Guten Weg!)“ wünschten ihm die beiden heiter und auf Spanisch, und er erwiderte ebenfalls: „Buen camino!“
Darin lag alles, was er brauchte, alles.
Der Kampfhund
Still und aufmerksam saß Vincent am Rand der Matte, seinem Lieblingsplatz. Er war ein glänzend schwarzer Staffordshire-Terrier und begleitete gewöhnlich seinen Herrn, während dieser sich vehement sportlich betätigte.
Üblicherweise geschah das an jedem zweiten und vierten Freitag eines Monats. Und es waren die Abgründe und Geheimnisse fernöstlicher Kampfkunst, in die der Hund auf diese Weise Gelegenheit fand, sich zu vertiefen.
Der Mann, den die wissenden Blicke des Tieres verfolgten und der gemeinsam mit fünf wehrhaften Frauen und acht ebenbürtigen Männern in der Halle umherwirbelte, hieß Uwe-Hilmar Unlieb, war Rechtsanwalt und ein dreiundfünfzigjähriges Rauhbein, von Mandanten und Freunden zärtlich „Uhu“ genannt.
Unentwegt beobachtete der prächtige Rüde seinen Herrn, rührte sich keinen Augenblick von der Stelle und äußerte nicht den geringsten Laut. Sie kannten ihn alle hier, und er sonnte sich in ihren Lobreden über seine außergewöhnliche Friedfertigkeit.
„Vincent meditiert“, bemerkte Tilo manchmal belustigt, der Trainer und Meister des Aikido.
Dann schüttelte „Uhu“ verständnislos den Kopf und widersprach: „Er ist einfach nur aufmerksam, das ist alles.“
„Als ob das nicht auf dasselbe herauskäme“, meinte indes Gudrun, eine kleine, frohsinnige Arzthelferin. Ihr Langhaardackel war wenige Wochen zuvor gestorben, und sie glaubte etwas von Hunden zu verstehen.
Im Unterschied zu seinen Schülern trug Tilo einen Rock, einen Hakama, und er wurde nicht müde zu betonen, es gehe im Grunde nur darum, mit dem Kämpfen aufzuhören. Jede einzelne Bewegung, die er vollführte, wirkte rund und elegant, war natürlich, leicht und sinnvoll.
„Es gibt keinen Gegner“, lehrte er, „es gibt niemanden, der von mir getrennt ist. Der Angreifer ist ein Teil von mir selbst. Die Aggression, die er bringt, die Energie, ist sein Geschenk an mich. Wenn ich dieses Geschenk annehme, kann ich damit umgehen. Entweder ich leite es um oder ich gebe es ihm zurück. Falls ich es nicht brauche.“
Monatelang schon trainierte „Uhu“, Sätze wie diese zu verstehen, zu durchdringen. Manchmal gelang ihm eine Übung, doch weit öfter landete er bei dem Gefühl, dass es aussichtslos sei, derart Unlogisches zu erlernen, obwohl es maßlos faszinierte.
Neidvoll erlebte er immer und immer wieder, wie Tilos Angreifer zu Boden gingen, ohne dass der Meister sie überhaupt berührte. Verwirrt und erschrocken fiel er, der Rechtsanwalt selbst, wenn die Reihe an ihn kam.
Denn etwas hatte er bereits begriffen, in sein eigenes System übernommen, etwas leuchtete ihm ein: Die Wut, der Zorn, die Aggression! Man durfte, ja musste sogar mit all dem arbeiten. Es zulassen, nicht verurteilen. Denn ohne Ingrimm war kein Kampf möglich, verkam jede Übung zu Blödsinn, leerem Geplänkel, verlor sie ihr Lebensbeispiel.
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