GEHEIMNISVOLL, WAS MICH UMGIBT
Geheimnisvoll kommt sie wirklich daher, die innere Schatztruhe der Wienerin Gertrud Erbler, der mit diesem Buch zahlreiche Geschichten entsteigen: Legenden, Mythen oder auch witzige Anekdoten, die zum einen ihrer eigenen Fantasie entstammen, sich zum anderen jedoch auf das europäische Kulturerbe, speziell das Österreichs, beziehen. Launig erzählt sie von wundersam heilenden Pflanzen, grausamen Brauchtümern, boshaften Herrschern, frommen Schlitzohren, listigen Schmugglern, einfältigen Stadträten und – wie sollte es anders sein – immer wieder von der Liebe.
Geschichten aus der Natur
Der Falter und die Rose
Im warmen Juniwind wiegten sich sanft die Blumen auf der Wiese, und die Zweige der blühenden Bäume zitterten, wenn der laue Hauch sie berührte. Die Blumenköpfe drehten sich der Sonne entgegen und öffneten ihre Kelche weit, um ihre summenden, brummenden, fliegenden Gäste zu empfangen. Die Vögel schwangen sich zum Himmel hinauf und begrüßten mit ihrem vielstimmigen Gesang den wunderschönen Frühlingstag. Auch früh geschlüpfte Zitronenfalter flatterten schon über den Wiesengrund. Da und dort hielten sie Rast auf einem Blatt oder einer Blüte und flogen weiter, nachdem sie ein wenig Nektar gesaugt hatten.
An der Unterseite einer Brennnessel hing den Winter über eines der Blätter, zusammengerollt wie eine kleine Tüte. Eine Schmetterlingsraupe hatte sich auf diese Weise ein Winterquartier geschaffen. Die warmen Frühlingstage aber weckten die Puppe aus ihrer Starre.
Ein eigenartiges Gefühl überkam sie, als hätte sie gar keinen Körper mehr und würde sich völlig auflösen. So befand sie sich für eine kurze Zeit gleichsam zwischen Traum und Wirklichkeit. Langsam wurde es ihr zu eng. Sie dehnte sich, wie ein aus tiefem Schlaf Erwachender, die Hülle platzte auf, und sie begann, sich hinauszudrängen.
Endlich konnte sie sich des Panzers vollkommen entledigen. Zu ihrem Erstaunen musste sie feststellen, dass sich ihr Körper vollkommen verändert hatte. War sie nicht viel dicker gewesen? Und wo waren ihre zehn Saugfüßchen hingekommen? Da gab es auf einmal sechs Beine. Zwei kurze ganz vorn in Kopfnähe und vier etwas weiter hinten am Körper, der jetzt ganz dünn und langgestreckt war. Irgendetwas schien auch an den beiden Körperseiten festzukleben. Sie schüttelte und streckte sich ein bisschen, um dieses Zeug los zu werden. Überrascht erkannte sie, dass es Flügel waren, und pumpte nun ihr „Blut“ in die noch feuchten schlaffen Flügel.
Eine Weile saß sie verwundert auf einem Brennnesselblatt, während die Wärme der Sonne die feuchten Flügel trocknete. Sie erkannte, dass sie keine Raupe und keine Puppe mehr war. Was aber war sie denn jetzt? Vorsichtig breitete sie die Flügel aus, begann sie instinktiv zu bewegen. Welch Wunder, sie konnte fliegen! Nicht so recht dem Wunder trauend, flog sie zuerst nur ein Stückchen zum nächsten Brennnesselblatt. Nachdem das gut geklappt hatte, wurde der Abstand erweitert. Stück für Stück er-
forschte sie die nahe Umgebung, bis sie Ausflüge zu weiter entfernten Zielen wagte.
Auf einer dieser Entdeckungsreisen erfuhr sie auch, was sie war, und wie die Menschen sie nannten.
„Schau, da ist ein wunderschöner Falter!“, hörte sie ein Kind rufen. „Schau nur, die schönen Farben, die er hat.“
„Das ist ein Admiral“, sagte ein anderes Kind und versuchte ihn zu fangen.
Doch der Schmetterling hatte sich schon davongemacht. Eine Weile verfolgten ihn die Kinder noch, aber weil sie ihn nicht erwischen konnten, gaben sie auf. Nun wusste das flatternde Wesen, dass es keine Raupe mehr war, sondern ein Falter.
Tag für Tag wurden die Strecken, die der Admiral flog, ausgedehnter.
Eines Tages erblickte er unter sich einen Blumengarten. Die vielfarbige Pracht zog ihn an und er flog so tief, dass seine Flügel fast die Blumenköpfe streiften.
Er drehte einige Runden. Hin und wieder hielt er Rast auf einem Blütenblatt. Dann entdeckte er inmitten des Gartens ein Rondeau, in dem herrlich duftende, langstielige Rosen in den schönsten Farben kreisförmig angepflanzt worden waren. Ganz außen umrundeten Stöcke mit schneeweißen Blumenköpfen das kreisrunde Beet. In zweiter Reihe streckten sich gelbe Rosen der Sonne entgegen. Weiter der Mitte zu wuchsen Stöcke mit leicht geöffneten Köpfen, teils orangegelb, teils rosa gefleckt. Die Knospen des Rosenstocks im Zentrum hatten sich noch nicht ganz geöffnet, gewährten jedoch schon einen Blick auf ihre Farbe: ein tiefes Rot.
Der Admiral umflog den Rosenstock einige Male, bevor er zu seiner Brennnessel zurückkehrte. Er war so fasziniert von den halboffenen Knospen, dass er den Garten am nächsten Tag erneut besuchte. Wie erfreut war er, als sich eine der Knospen bereits voll geöffnet hatte. Er verliebte sich mit dem ersten Blick in die Schöne, die einen angenehmen Duft ausstrahlte. Einige Male umkreiste er sie, wobei er seine Kreise immer enger zog, um sich bemerkbar zu machen. Er hoffte, die strahlend rote Königin würde ihn einladen.
Diese aber beachtete ihn überhaupt nicht. Sie bevorzugte einen grünen, metallisch schillernden, plumpen Rosenkäfer, den sie in ihren Blütenkelch krabbeln ließ.
Enttäuscht flog der Admiral davon. Doch voller Hoffnung besuchte er die Rose am nächsten Tag wieder. Diesmal machten ihm gleich zwei Rosenkäfer Konkurrenz, aber er wollte nicht aufgeben. Tag für Tag flog er zu seiner Angebeteten. Irgendwann würde sie ihn bestimmt bemerken und seine Liebe erwidern. Nichts konnte ihn davon abhalten, es immer wieder bei dieser Rose zu versuchen, nicht einmal die schönste Schmetterlingsfrau.
So verging der Sommer. Die Tage wurden kühler und kürzer. Immer noch umkreiste der Admiral erfolglos die dunkelrote Rose. Eines Tages aber, nach einer kühlen Nacht, als ihn sein Flug gerade wieder zum Garten geführt hatte, machte er eine schreckliche Entdeckung. Seine Schöne hatte zwei ihrer Blütenblätter verloren. Sie schien zudem ihren Kopf hängen zu lassen, und kein Rosenkäfer umschwärmte sie.
Sie hatte ihnen nichts mehr zu bieten. Der Falter aber verehrte sie nach wie vor. Was kümmerten ihn die verlorenen Blätter? Er liebte sie auch so noch, trotz aller Enttäuschungen. Immer kleiner werdende Kreise zog er um sie, bis sie ihn endlich wahrnahm und ganz still hielt, als er sich auf ihr niederließ.
Mit seinen kurzen Vorderbeinen strich er sanft über ihre Blätter. Sie schien es zu genießen. Tag für Tag verbrachten die beiden nun miteinander. Es störte den Admiral nicht, dass seine Königin täglich mehr Blätter verlor, sondern er sah sie immer so, wie er sie am ersten Tag erblickt hatte. Eines Tages besaß sie nur mehr ein Blatt, auf das er sich setzen konnte.
Schwach und müde fühlte er sich, als er leicht über das Blatt strich. Da fiel das Blatt mitsamt dem Admiral zu Boden. Und vereint endete die Liebe des Falters und der Rose.
Stachelige Schönheiten
In Feldern und Gärten sind sie nicht beliebt, die stacheligen, sehr widerstandsfähigen Geschöpfe der Flora, jedoch um einen Garten pflanzt man sie gerne in dichter Reihe zum Schutz gegen ungebetene Gäste in den Gemüsebeeten. Auch bedient man sich gerne ihrer von der Natur mitgegebenen Heilkraft.
Wer sie einmal genau betrachtet hat, vergisst die Schönheit, die sie zeigen, nicht wieder: Es sind Disteln, die in ihrer Vielfalt begeistern.
Da gibt es Ringdisteln, Golddisteln, Färberdisteln, Kugeldisteln, Milchfleckdisteln, Eselsdisteln, Elfenbeindisteln und Gänsedisteln. Ihre Verschiedenartigkeit besticht.
Die Königin aber ist die hochgewachsene, unverwechselbare Mariendistel.
Sie ist extrem wehrhaft und hat auf ihren harten, glänzend grünen Blättern ein milchweißes Netzmuster. Die Blüten sehen aus, als wären es feine, blauviolette Daunen.
Doch sie ist nicht nur eine Schönheit, die bis zu einhundertfünfzig Zentimeter hoch werden kann, sondern auch eine Heilpflanze. Schon die alten Sumerer, Ägypter, Griechen und Römer kannten die heilende Wirkung der Mariendistel für die Leber. Heutzutage kennen wir viele Heilmittel, die aus der Mariendistel hergestellt werden.
Der Name Mariendistel kommt nicht von ungefähr. Eine Legende erzählt darüber folgendes:
Mit großen Ehren wurden die drei fremden Könige am Hofe König Herodes des Großen empfangen, des Königs der Juden durch der Römer Gnaden, die damals Palästina beherrschten. Die Könige, die auch wertvolle Geschenke mitbrachten, nämlich Gold, Weihrauch und Myrrhe, vermuteten das neugeborene Königskind natürlich im Palast des Herrschers. Der aber wusste nichts davon und wurde argwöhnisch. Er fürchtete, dass seine Herrschaft durch einen heran-wachsenden neuen König in Gefahr sei. Wer aber war dieser unbekannte Königssohn, wo könnte er ihn finden?
Erst schickte er seine Späher aus, aber die kamen unverrichteter Dinge wieder zurück. Nirgends gab es einen Hinweis über ein Königskind.
Da hatte Herodes, in seiner Angst, seine Macht zu verlieren, eine grausame Idee. Er musste dieses Königskind vernichten. Da die Könige bei ihrer Suche lange Zeit unterwegs gewesen waren, vermutete er, dass das Kind bis ungefähr zwei Jahre alt sein müsste. Da er aber nicht wusste, wo es zu finden war, befahl er seinen Soldaten, alle Neugeborenen und bis zu zwei Jahre alten Kinder männlichen Geschlechts in Palästina zu töten.
Als das furchtbare Morden begann, wurde Josef, der mit seinem kleinen Sohn und Maria in Bethlehem lebte, eines Nachts von
einem Engel geweckt.
„Nimm deine Frau und deinen Sohn, packe das Notwendigste zusammen und verlasse das Land so schnell du kannst!“
„Aber warum?“, fragte Josef.
„Weil dein Sohn in Gefahr ist“, antwortete der Engel und ließ Josef in einer Vision sehen, wie Herodes’ Soldaten in die Häuser eindrangen und die Kinder grausam töteten.
Erschrocken fragte Josef: „ Aber wohin soll ich denn gehen?“
„Zieh nach Ägypten und verweile dort, bis Gott anders entscheidet!“
Während sich die Familie für die lange Reise so rasch wie möglich fertig machte, begab sich der Engel in den Stall, in dem Jesus geboren worden war.
Esel und Ochse sahen die Lichtgestalt verwundert an.
„Für dich, Langohr, habe ich eine ganz besondere Aufgabe“, wandte sich der Engel an den Esel. „Du wirst die heilige Maria und den Sohn Gottes nach Ägypten tragen. Und sei ja nicht bockig!“
„Das tue ich sicher nicht. Da muss ich ja durch die Wüste. Das ist mir viel zu beschwerlich mit so einer Last auf dem Rücken“, widersprach der Esel.
Der Engel redete ihm gut zu: „Ich versichere dir, du wirst die beiden nicht spüren. Außerdem kommst du einmal weit aus deinem Stall heraus. Das ist doch ein echtes Abenteuer für dich.“
Letztendlich war der Esel einverstanden. Als aber alles bereit war für die Reise und das wenige Hab und Gut, das man mitnehmen konnte, ihm aufgeladen werden sollte, begann er erneut am Wort des Engels zu zweifeln.
„Wenn ich das alles tragen soll, und die Mutter mit dem Kind dazu, breche ich zusammen. Das war nicht abgemacht. Hörst du mich, Engel?“
Darauf bekam er keine Antwort. Und er war über die Maßen erstaunt, dass er keinerlei Gewicht spürte, obwohl er voll bepackt worden war.
Die Flüchtenden schafften es gerade noch rechtzeitig, Palästina zu verlassen, bevor Herodes’ Häscher auch Bethlehem erreichten. Ihr Weg durch die Wüste war beschwerlich, der Wasservorrat ging zu Ende. Durst wie Hunger begannen vor allem den Esel zu quälen. Er blieb stehen und ließ sich nicht überreden, weiter zu gehen.
„Ich habe zwar versprochen, nicht widerspenstig zu sein, aber du hast mir nicht gesagt, wie beschwerlich es sein wird, durch die Wüste zu wandern. Ich spüre zwar keine Last, aber Hunger und Durst quälen mich schrecklich, und im Sand sinke ich auch immer wieder ein“, jammerte er, seine Worte an den Engel richtend. Der sollte nur wissen, was er ihm, dem Esel, angetan hatte.
Maria stieg mit ihrem Kind von dem Esel ab. Sie machte ein paar Schritte, um die Steifheit nach dem langen Ritt loszuwerden. Da entdeckte sie in ganz geringer Entfernung einige violett-blaue Farbtupfer.
„Vielleicht ist das etwas zu fressen für den armen Esel? Wollen wir sehen, was es ist?“, fragte sie Jesus.
Das Kind lächelte.
„Also dann los!“
Als sie den kleinen Grünflecken erreicht hatte, merkte sie, dass die wunderschönen Blüten mit sehr wehrhaften Stängeln und Blättern ausgestattet waren.
Ob das wohl für den Esel fressbar ist, fragte sich Maria, streckte ihre Hand aus und pflückte einige dieser stacheligen Schönheiten. Diese aber verletzten die Finger, die sie pflückten, und die Hand, die sie festhielt. Trotzdem gab Maria nicht nach, daher fielen einige ihrer Blutstropfen auf die Blätter und rannen die Blattadern entlang.
Maria kehrte zu dem noch immer starrköpfig und steif dastehenden Esel zurück und hielt ihm die Disteln unter die Nase.
Dieser drehte erbost seinen Kopf weg.
War das der Dank, dass er sie und das Kind so lange getragen
hatte? Dieses stachelige Zeug sollte er fressen?
Na bitte, wenn ihr es unbedingt wollt, fresse ich es eben, aber dann könnt ihr sehen, wie ihr weiterkommt, dachte der Esel, schnappte nach einer Distel und erwartete durch deren Stacheln arge Verletzungen im Maul. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, es schmeckte ihm ausgezeichnet, und es kam ihm außerdem so vor, als würde auch sein Durst dadurch gelöscht.
Als Marias Hände leer waren, weil er alles gefressen hatte, bemerkte er das Blut an ihren Händen. Beim Pflücken war es auf die Disteln getropft und bildete feine, helle Adern und Tupfen auf den Blättern; die haben sie heute noch.
Der Esel war versöhnt und setzte sich wieder in Bewegung.
Und Josef, der alles beobachtet hatte, meinte:
„Das sind deine Disteln Maria, denn sie haben dein Blut. Es sind Mariendisteln.“
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