Vorschalldämpfer
Einswerden mit den Wellen, dem Regen, den Sternen. Meine Güte! Ich lese die Texte dieses Bandes ungläubig, abwartend, skeptisch. Radjo Monk ist in das Gravitationsfeld der Liebe geraten und verleiht diesem unausweichlichen, existenziellen Zustand eine Sprache, die mit einigem Pathos daherkommt. Das muss man erst mal so hinnehmen. Gelingen wird besungen, Ankunft, Lächeln und Küsse – sehr viele Küsse.
Liebende werfen Zündschlüssel in den Himmel. Es blitzt.
Der Herzpflug bereitet den Boden für Samen, der/ Nirgendwo sonst aufgeht. Glück ist geil und erfinderisch, heißt es an einer Stelle. Die Gedichte sind durchflutet von universaler Zuversicht.
Mir ist ein bisschen bang um dieses Buch, weil hier einer schreibt, den es voll erwischt hat. Die Liebe erscheint in den Texten als alles durchdringende Urgewalt, ihr Ort ist der Blitz, der Regen, das Meer, das Auge, die Haut, der tropfende Speichel, das Herz. Monks Gedichte finden in einer nahezu vormodernen Welt statt, jenseits von Digitalisierung und Handyklingeln werden oft mythische Situationen beschworen: Der Garten, die Quelle, das Waldhaus. Gilgamesch, Hypnos und Vesta treten auf. In den Texten schwingt eine brüske Absage an das technisierte Unglück der Gegenwart mit. Die Welt, begründet Monk seine Absage an oberflächliches Zeitgeistgeflacker, zappt durch ihre Programme, und/ Versteht nicht, wie ein Leben nach dem/ Anderen klappt, sobald es sich um den/ Glutkern Liebe bewegt. Sein Gegenprogramm lautet: Spann dein Herz an. Kau kein täglich Brot. Die Nacht hat geknackte Nüsse im Gepäck.
Wenn man sich auf das freudetrunkene Elysium dieser Gedichte einlässt, wird einem die feine Ironie nicht entgehen, die signalisiert, dass der Dichter noch mit einer Zehenspitze den Boden berührt. In der Welt der Liebe sein, heißt, aufwachen in einem Traum, der weitergeht, nach eigenen Regeln: Der Fährmann deutet unseren Fahrschein./ Das Blitzlicht endet nicht. Immer wieder werden lapidare Kommentare oder feierlich komische Szenen eingestreut wie diese: Wir treten in die Pfütze,/ Unser Tag hat keinen Rand. Und wie nebenbei setzen Binnenreime kleine, schöne Widerhaken am Weltausgangsschild: Es kommt immer näher. Ein Eichelhäher/ Gleitet über uns hin. Solche Reime kommen ebenso unaufdringlich wie eindringlich daher, auf mich wirken sie wie ein subtiler Echo-Effekt.
Die Grenzerfahrungen, die Monk schildert, sind existenziell, aber nicht letal, eher wie eine schwere Krankheit, die man durchmacht. In einem Gedicht stürzt sein Leben in ausgeglühten/ Weltraumkapseln vom Himmel,/ Schlägt in Tempel und Friedhöfe ein, wird zu Staub auf dem Balkontisch, den die Geliebte mit den Fingern wieder einsammelt. Ist es dir lieb?, fragt Monk sicherheitshalber. Dass es ihm selbst lieb ist, daran besteht kein Zweifel, und was von ihm nach dieser Nahtoderfahrung übrig geblieben ist, hat genug Substanz für Auferstehung im Flussbett.
Die Liebste ist in dem ganzen Ensemble eher Welle als Teilchen, spürbar im Alltag, an jeder Ampel, in jedem Kreisverkehr, aber ihre Konturen sind kaum zu erahnen. Es geht auch nicht um sie, es geht um die Erfahrung des Liebes-taumels. Es ist kein Dialog, der hier stattfindet, es ist eine Beschwörung: Die Liebste erscheint als nahezu kosmische Kraft, etwa wenn ihre Blicke die Segel setzen und das Schiff mit dem Hoheitszeichen Liebe in Richtung Sonne gleitet – wofür es keinen Westwind und keine Solartechnik braucht.
Udo Grashoff
Himmelskind
Lege dich nackt in den Sommerregen.
Jeder Tropfen läßt dich in eine andere Zeit fallen.
Pore für Pore wird deine Haut zu einem Mund,
Himmel stillt deinen Durst mit tausend Küssen.
Du wirst nie wieder wünschen, es käme jemand,
Deine Tränen zu trocknen, denn nun glaubst du
Dem Versprechen: der Regen kommt wieder.
Ihre Nähe suchen
Ihre Augen rufen mein Herz aus der Nacht.
Ihre Hände tasten meinen Namen.
Ihre Lippen suchen mein Wort.
Ihre Füße spüren meine Spur im
Schlaf.
Ihre Blicke hissen Segel, das Hoheitszeichen
Liebe gleitet über Ozeane und beschwichtigt
Sturm und Grund.
Weide morgens
Unter einer alten Weide,
Von Efeu umwunden,
Schaue ich in Brachen.
Koste Brennesselsamen
Fülle meine Taschen mit Brombeeren,
Johanniskraut.
Ein tintengrauer Morgenwind erzählt mir
Vom Rhein, von den stolzen Flotten, die
Ihn querten
Erzählt mir von Merlins Grab im Wald
von Brocéliande.
Wind, von soweit her und immer hier?
Du trittst hinter der Birke hervor.
Reichst mir die Hände. Ich bemale sie
Mit dem Saft der Perforatumblüte.