DIE NEBELGEIGE
Die spannende Geschichte von Zsuzsa und der geheimnisvollen Nebelgeige passt sehr gut in die heutige Zeit, die die Menschen zur Rückkehr zur Natur und zum Natürlichen ruft. Die drei Geistwesen Macht, Mammon und Gier, die die Schwerpunkte der Krisensituation des Planeten Erde symbolisieren, werden in ihrem Versteck, der Gespenstereiche, von Zsuzsa und Benjamin aufgestöbert und belauscht. Gibt es eine Möglichkeit, die verhängnisvollen Pläne der boshaften Phantome zu durchkreuzen? Mit Musik etwa, einer wundersamen Geige ..?
Gertrud Erblers Schreibstil kommt schlicht und doch sehr eindrucksvoll daher, und mit ihrer Romanerzählung, die sie zudem selbst - mit eigenen Scherenschnitten - illustriert hat, möchte sie besonders Heranwachsende ansprechen.
„Zsuzsa, Zsuzsa, wo steckst du denn?“, rief der Vater mit seiner wohlklingenden Bassstimme, aber man konnte am Ton hören, dass er etwas verärgert klang. Zsuzsas Vater suchte seine Tochter. Er stand vor der Hintertür des kleinen Hauses, das Zsuzsa mit dem Vater und der Großmutter bewohnte, und wartete auf eine Antwort. Es rührte sich nichts. „Zsuzsa, mach mich nicht böse! Ich weiß, wo du bist, also warte nicht, bis ich dich holen komme“, rief er noch einmal. Sein Blick war auf eine dicke Eiche gerichtet, die gleich außerhalb des Gartenzaunes stand.
Es war ein uralter Baum, von dem niemand wusste, wie lange er schon da wuchs, und er sah auch ganz seltsam aus. Die Hälfte des dicken Stammes, den zehn Männer gerade umfassen konnten, war hohl, und auf dieser Seite, wo er hohl war, da streckte er leere Äste gegen den Himmel. Man konnte meinen, er flehe um Hilfe. Die andere Hälfte, die voll und gesund war, trug ein dichtes Blätterdach und hatte im Herbst so viele Eicheln, dass die Eichhörnchen beim Anlegen ihres Wintervorrates nie in Verlegenheit kamen.
Dort, wo sich der hohle und der volle Stamm trennten, war eine richtige Plattform, auf der bequem mehrere Kinder hätten sitzen können, wenn – ja, wenn da nicht diese Geschichten wären, dass es um den Baum nicht mit rechten Dingen zuging. Angeblich kamen aus dem Baum irgendwelche Gespenster, und man erzählte sich sogar von Leuten, die in dem Baum verschwunden waren. Aber niemand wusste Genaueres.
Zsuzsa jedenfalls hatte noch nie etwas Ungewöhnliches an oder in dem Baum bemerkt. Die Plattform war ihr Lieblingsplatz geworden, ein Ort, an den sie sich zurückzog, wenn sie nicht gestört werden wollte. Hier suchte sie niemand, weil sich niemand in die Nähe des Gespensterbaumes, wie die Eiche genannt wurde, getraute. Außer natürlich Zsuzsas Vater. Er glaubte ebenso wenig wie seine Tochter an all die Märchen, die man sich über den Baum erzählte.
Zsuzsas Großmutter war da schon ein wenig ängstlicher. Sie glaubte zwar den unheimlichen Erzählungen nicht, aber sie fürchtete, dass Zsuzsa sich beim Klettern verletzen oder gar einmal vom Baum fallen könnte. Aber immer, wenn sie darüber mit ihrem Sohn reden wollte, lachte der nur und sagte: „Zsuzsa ist doch beim Klettern viel geschickter als alle anderen Kinder hier im Dorf, warum sollte gerade sie vom Baum fallen. Lass ihr doch diesen kleinen Rückzugsort, wahrscheinlich braucht sie ihn.“ Wenn Zsusza in der bequemen Astgabelung saß, fühlte sie sich wie ein Teil des Baumes. Sie lauschte den verschiedenen Vogelstimmen, dem Summen der Bienen, dem Klopfen des Spechtes, dem Rascheln der Blätter und dem Säuseln des Windes, der auch oft das Rauschen des nahen Bächleins in die Baumkrone hinauftrug. Sie beobachtete die Eichhörnchen, die wendig auf den Ästen herumturnten, freute sich an den Rehen, die oft und gerne unter der Eiche ästen, sie bewunderte die Schmetterlinge, die an ihr vorbeitanzten; manchmal legte sie sich auf den Rücken, drehte sich so, dass sie durch die dürren Äste der anderen Seite des Baumes den Himmel sehen konnte: das Fangspiel und die Verwandlung der Wolken. Manchmal lief sie sogar in der Nacht zu ihrer Eiche, um den Sternen näher zu sein. Oft schon hatte sie Sternschnuppen gesehen und sich dabei etwas gewünscht. Es war immer derselbe Wunsch, aber er war bisher noch nicht in Erfüllung gegangen, deshalb durfte sie auch nicht darüber reden. Wieder rief der Vater: „Zsuzsa, willst du wirklich, dass ich dich holen muss?“
Zsuzsa schob das Blätterdach, das sie versteckte, ein wenig auseinander und ihr schwarzer Lockenkopf tauchte zwischen den Eichenblättern auf. Ihre großen, blaugrünen Augen spähten forschend in Richtung ihres Vaters.
„Bist du allein, Apu?“, fragte sie zaghaft. Zsuzsa sagte nämlich zu ihrem Vater immer Apu, weil die Kinder in der Heimat ihres Vaters ihre Väter auch liebevoll so nannten und Zsuzsa ihren Vater sehr liebte.
„Erwartest du jemanden?“, war die Gegenfrage.
„Na ja, ich weiß nicht. Ich hatte heute wieder Ärger in der Schule“, gab Zsuzsa ein wenig kleinlaut zu.
„Und deshalb ist wieder einmal deine Lehrerin aufgetaucht. Du hast schon wieder mit Manuel gerauft und ihm ein blaues Auge verpasst. Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst den Sohn des Bürgermeisters in Ruhe lassen? Wir sind schon genügend Schikanen ausgesetzt ohne deine dauernden Raufereien mit Manuel.“
„Apu, das habe ich aber nicht grundlos getan.“
„Das will ich sehr hoffen. Aber wäre es nicht besser, du würdest dich jetzt bequemen, vom Baum herunterzusteigen und mit mir ins Haus kommen, damit wir die Sache hinter uns bringen?“
„Wenn es sein muss“, seufzte Zsuzsa.
„Es muss sein“, war die Antwort.
„Apu, Manuel hat ...“
„Ich will jetzt nichts hören. Erzähle das drinnen der Frau Lehrerin“, war die etwas barsche Antwort, und das tat Zsuzsa weh.
Sie hatte doch nur dem kleinen Benjamin geholfen, der gegen den großen, starken Manuel keine Chance hat. Sie konnte doch nicht zusehen, wie der um zwei Köpfe größere Manuel sich auf den zarten, zerbrechlichen Benjamin stürzte, so wie auch die anderen es taten, diese Feiglinge. Zsuzsa war so richtig in Wut, als sie das Wohnzimmer betrat, in dem nicht nur die Lehrerin, sondern auch Manuel mit seinen Eltern stand und auf sie wartete.
„Da, sieh dir nur an, was du unserem Manuel verpasst hast, du Teufelsbraten!“, brüllten Herr und Frau Bürgermeister gleichzeitig, sie in Koloratur und er in Bariton. (Koloratursopran und Bariton sind Singstimmen. Koloratursopran ist eine sehr, sehr hohe Frauenstimme mit besonderer Beweglichkeit, und Bariton ist eine Männerstimme genau in der Mitte zwischen Tenor und Bass.) „Sein Augenlicht hätte er verlieren können! Ist dir das eigentlich klar, du Miststück?“
„Na, na, nun übertreiben Sie aber schon ordentlich“, bremste Zsuzsas Vater den Redeschwall der Mutter.
„Ja, ja, typisch, wie immer nimmt er seinen Augapfel in Schutz, statt ihn einmal gründlich übers Knie zu legen“, kam sofort die Antwort. „Alles ein Pack, die gehören nicht in unser Dorf, das habe ich schon immer gesagt“, brüllte der Bürgermeister.
Zsuzsa sah Manuel giftig an. Manuel streckte seine Zunge heraus, Zsuzsa zeigte ihm eine lange Nase, Manuel machte mit geballter Faust einen Schritt auf Zsuzsa zu, aber das Mädchen war schneller. Sie stellte ihm ein Bein und Manuel fiel der Länge nach hin. Er begann zu schreien und zu jammern, als hätte er sich alle Knochen gebrochen.
„Da haben Sie es, Frau Lehrerin“, schrie Manuels Vater. „Der arme Bub hat gar nichts getan und diese Furie geht auf ihn los wegen nichts und wieder nichts.“
Als Manuel von seiner Mutter wieder beruhigt worden war, wandte sich die Lehrerin an ihn.
„So, mein lieber Junge, jetzt erzählst du einmal Zsuzsas Vater, wie das mit deinem Auge passiert ist!“
Verdattert sah Manuel die Lehrerin an.
„Er hat das ohnehin schon hundertmal erzählt“, griff seine Mutter ein. „Dieses Miststück hat ihn in der Pause einfach angegriffen, so wie jetzt, wegen nichts und wieder nichts und ihn ins Gesicht geboxt. Er hat ja gar keine Möglichkeit gehabt, sich zu wehren, wenn er so unvorhergesehen angegriffen wird.“
„Stimmt das Manuel?“, fragte die Lehrerin. Der Junge nickte.
„Nein, das stimmt nicht“, fuhr Zsuzsa dazwischen. „Er hat den kleinen Benjamin verhaut, und da habe ich Benjamin verteidigt.“
„Sei still, dich hat niemand gefragt“, kam es von der Lehrerin und Ma- nuels Eltern.
„Hast du Benjamin geschlagen, Manuel?“, fragte nun die Lehrerin. „Nein, habe ich nicht.“ Manuel hatte seine Sprache wiedergefunden. „Doch, hast du!“
„Nein, habe ich nicht, ich bin weder ein Feigling noch ein Rohling, dass ich auf so einen kleinen, armen, dummen Kerl losgehe.“
„Benjamin ist nicht dumm, er ist gescheiter als du!“, schrie Zsuzsa. „Und das verträgst du nicht, deshalb gehst du dauernd auf ihn los!“
Sie war ganz rot im Gesicht vor Zorn über die gemeine Lüge und die Geringschätzung Benjamins.
„Also das ist doch die Höhe“, empörten sich Manuels Eltern. „Du wagst es, den Sohn eines Säufers mit Manuel zu vergleichen? Unerhört.“ „Meine Herrschaften, so kommen wir nicht weiter, wollen Sie nicht doch vielleicht auch meine Tochter anhören? Möglicherweise war die Geschichte ein wenig anders“, griff nun Zsuzsas Vater ein.
„Wollen Sie vielleicht sagen, dass Manuel lügt? Ich warne Sie, Sie Zigeunerprimas, ich warne Sie!“ Drohend hob der Bürgermeister seine Faust. „Lieber Herr Bürgermeister, um nicht voreingenommen zu erscheinen, müssen wir schon auch Zsuzsa zu der Sache befragen“, unterbrach die Lehrerin und bremste weitere Drohungen des Bürgermeisters.
„Ach ja, natürlich“, stimmte dieser süßsauer dem Vorschlag der Lehrerin zu.
„Nun, was hast du zu sagen, Zsuzsa?“, fragte er dann betont freundlich. Zsuzsa blickte ihn mit ihren ausdrucksvollen Augen traurig an und... schwieg.
„Hast du nichts dazu zu sagen?“, fragte nun auch die Lehrerin.
Zsuzsa schwieg.
Zsuzsas Vater und Großmutter standen hinter ihr, der Vater strich über den schwarzen Lockenkopf, und die Großmutter griff nach Zsuzsas Hand. „Also, da sehen wir es ja, sie hat nichts zu sagen“, nickten sich Manuels Eltern zu. „ Es war so, wie Manuel erzählt hat!“, stellten sie triumphierend fest.
Die Lehrerin machte einen letzten Versuch, Zsuzsa zum Reden zu bringen: „War es so oder nicht, Zsuzsa?
Zsuzsa schwieg.
„Ja, mein Kind, dann kann ich dir die Strafe nicht ersparen. Du musst eine Woche lang Klassenordnerin sein. Lass dir aber in der Woche nicht noch etwas zu Schulden kommen, sonst muss ich mir eine härtere Strafe für dich ausdenken.“
„Warum hast du dich denn nicht verteidigt, Zsuzsa?“, fragten Apu und Oma, als die unerfreuliche Gesellschaft das Haus verlassen hatte.
„Apu, denkst du denn, die hätten mir geglaubt? Bevor sie mich auch noch Lügnerin nennen, habe ich lieber nichts gesagt. Du weißt doch ebenso gut wie ich, Apu, dass das, worauf wir stolz sind, nämlich Romablut in uns zu haben, die Leute im Dorf verachten. Für sie sind wir keine normalen Menschen. Habe ich nicht recht?“
Apu nickte gedankenvoll, nahm sein Töchterchen in die Arme und drückte es fest an sich.
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