Andreas H. Buchwald
DER TANGOZIGEUNER
Tanzschritte im Osten
ImTangozigeuner begegnet der Leser einem Aussteiger, der, aus dem „Westen“ kommend, in plastischen Szenen beschreibt, wie er die einstige DDR und den Neuaufbruch vieler Menschen in die vermeintliche Demokratie erlebt hat. Er taucht in eine knisternde Liebesgeschichte ein, die sich vorrangig in der Tangoszene Leipzigs abspielt und gleichzeitig eine hautnahe und lebensechte Erzählung um die Ereignisse kurz vor bis nach dem Mauerfall bildet.
ISBN 978-3-949143-33-3, 128 S.
DER TANGOZIGEUNER
Tanzschritte im Osten
ImTangozigeuner begegnet der Leser einem Aussteiger, der, aus dem „Westen“ kommend, in plastischen Szenen beschreibt, wie er die einstige DDR und den Neuaufbruch vieler Menschen in die vermeintliche Demokratie erlebt hat. Er taucht in eine knisternde Liebesgeschichte ein, die sich vorrangig in der Tangoszene Leipzigs abspielt und gleichzeitig eine hautnahe und lebensechte Erzählung um die Ereignisse kurz vor bis nach dem Mauerfall bildet.
ISBN 978-3-949143-33-3, 128 S.
Dance, then, wherever you may be;
I am the Lord of the Dance, said he.
And I’ll lead you all wherever you may be,
And I’ll lead you all in the dance, said he.1*
Sydney B. Carter
Der Tangozigeuner
Anfangs waren es nur wenige, die ihn so nannten. Bis sich seine Lebensweise so weit herumgesprochen hatte, dass sie zum Symbol wurde, zum Zeichen einer eigenen Spielart der Freiheit. Keineswegs des Aufbegehrens, keineswegs der Rebellion, keineswegs des Protestes. Denn er war ein sanfter Mensch, ein zärtlicher geradezu, dessen Blicke ungefiltert aus dem Herzen kamen. Und dabei gerade so viel Mann, wie es bedurfte, um Frauen reihenweise zu betören.
Seine engsten Freunde wussten noch, dass er Remus hieß, nach dem sagenhaften Romgründer. Für seinen Zunamen interessierte sich höchstens der Postbote, der alle für ihn ankommenden Sendungen säuberlich im Postfach Zweihundertelf ablegen musste.
Besuche bis zu drei Personen und mit geringem Sitzplatzbedarf empfing er bei sich zu Hause. In einem Zirkus-Wohnwagen, der auf einem alten Betriebsgelände stand. An dessen Energienetz angeschlossen, außerdem mit Telefon, Computer und einem gusseisernen Ofen ausgestattet, entbehrte diese Heimstatt weder Behaglichkeit noch Verbundensein mit der Außenwelt. Eine breite Bettstelle, ein altertümlicher Küchenschrank nebst Wasseranschluss und Spüle taten ein Übriges.
Für längere Wege nutzte er ein Fahrrad, das er peinlich in Ordnung hielt und unter einer Bootspersenning vor Witterungsunbilden schützte. Er nährte sich von Gelegenheitsarbeiten und dem Austausch von Gefälligkeiten, die aus seinen Alltagsabenteuern entstanden. Seine Leidenschaft galt dem Tango und die Essenz seiner Lebensmaximen hieß Freude.
Wenn er zum Tanzen ging, nutzte er vorher ausgiebig die einzige intakte Dusche der ehemaligen Fabrik und sparte weder mit Seife noch Gesichtswasser. Ein makellos weißes oder ein ebenso makellos schwarzes Hemd bildete seine Garderobe, dazu eine nicht minder schwarze Hose mit strengen Bügelfalten. Seine Schuhe mussten blitzen, und wenn es die Windverhältnisse gestatteten – schließlich fuhr er mit dem Fahrrad vor –, krönte er sein Haupt mit einem schwarzen, breitkrempigen Hut und achtete auf dessen tadellosen Sitz. Leuchtenden Auges betrat er das Parkett, und es gab nicht eine der anwesenden Frauen, die sich nicht nach ihm umwandte.
Nachdem er Freundinnen und Freunde mit der gebührenden Herzlichkeit begrüßt hatte, legte er los. Ein inniger Blick, eine unwiderstehliche Berührung und seine Partnerin schmolz dahin. Fließend und anschmiegsam tanzte sie, antwortete auf den geringsten Impuls, den er aussandte, setzte ihre Schritte, wie er wollte, verband sich mit ihm in sinnenhaftem Schwingen. Lust lag darin, Liebe sogar, ein Gebet im Grunde, ein Flug der Seele. Hingegeben genoss sie ihr Einswerden mit ihm im Rhythmus der jahrzehntealten Stücke aus Südamerika.
El Milagro, spielte der Recorder, oder El Baqueano, Milonga de Mis Amores oder Inspiración, Worte einer klangvollen Sprache, die nur wenige verstanden. Doch sie waren unwichtig, Beiwerk höchstens, Schmuck. Die Musik genügte, dazu das Kerzenlicht ringsum und auf den Tischen, die am Rand unweit der Bar standen. Die ineinander versunkenen Blicke der Tanzenden und der Rhythmus ihrer Herzen verursachten ein weiches Knistern in der Luft. Minuten und Stunden eines weltentrückten Zaubers.
Nach dem fünften Stück unterbrach der Tangozigeuner. Federnden Schrittes näherte er sich der Bar, hinter der eine bleiche, schwarzhaarige Schöne stand, die die Augen niederschlug, als er sich vor ihr aufbaute. Er brauchte nicht einmal etwas zu sagen. Sie wusste, dass er Rotwein mochte, einen lieblichen, gut temperierten Rotwein. Eine ganze Flasche nebst gefülltem Glas schob sie ihm hin und blickte fragend auf.
„Ich hab heute kein Geld mehr“, sagte er fröhlich, „ich zahle mit Geschichten.“
„Geschichten?“
„Geschichten“, bekräftigte er. „Für die, die sie hören wollen.“
„Wenn du dann mit mir tanzt“, versuchte eine langhaarige Blonde zu schachern, die sich neben ihn gedrängt hatte. Sie war noch nie hier gewesen und ihr Gesicht wirkte seltsam, weder jung noch alt. Aber verführerisch sah sie wahrlich aus, in dem knappen, tiefausgeschnittenen blauen Kleid, das sie trug.
Er betrachtete sie lange.
„Wir werden sehen“, sagte er endlich. „Erst eine Geschichte, dann werden wir sehen.“
Viele Paare tanzten weiter. Aber mindestens sechs Männer und ebenso viele Frauen scharten sich um den Tangozigeuner.
„Ihr seid wundervoll“, erkannte er an, „dass ich den Wein hier auf meine Weise bezahlen darf!“
Dann kostete er und nickte zufrieden. Schließlich begann er zu erzählen.
Der Verkehrssünder
Vielleicht wissen es nicht viele von euch, aber ich komme aus Nürnberg. Noch im Krieg bin ich zur Welt gekommen, Zweiundvierzig, Paul McCartneys Jahrgang. Meine frühesten Erinnerungen sind mit den Amerikanern verbunden, die für mich die großen Helden waren. Schließlich haben sie die Freiheit gebracht, die Demokratie, obwohl uns auch der Kaugummi geschmeckt hat. Einige von denen hab ich eindrucksvoll erlebt, sie waren ganz anders als die Deutschen. Vor allem viel heiterer, nicht so streng, nicht so verkniffen. Na ja, für sie war die Welt in Ordnung, schließlich hatten sie den Krieg gewonnen und die Nazis erledigt. Den Soldaten sind wir hinterhergelaufen als Kinder, sie haben uns Schokolade gegeben und alles Mögliche. Ich wollte immer werden wie ein Amerikaner.
Mein Vater hatte von Anfang an mit dem Osten Geschäfte gemacht. Was für welche, habe ich nie wissen wollen, es hat mich einfach nicht interessiert. Garantiert ist nicht alles koscher gewesen, aber als er dann später seinen Verlag geführt hat, in dem ich bis zum Geschäftsführer aufsteigen durfte, ging es schon mit rechten Dingen zu. Es war einträglich, in Leipzig, Berlin oder Dresden drucken zu lassen, und die Verhandlungen mit den Leuten dort verliefen keineswegs schwierig.
Siebenundfünfzig war ich zum ersten Mal mit ihm gemeinsam unterwegs in dieses Nirgendland. Es war unwahrscheinlich spannend für mich, obwohl er nur seinen Bruder besuchen wollte. Vielleicht habe ich die Gegenden grauer empfunden, die Leute ärmlicher, das weiß ich heute nicht mehr. Eins nur weiß ich: die Angst, die sie hatten, die fiel mir sofort auf. Es war eine ganz andere Angst, nicht die, die ich von zu Hause kannte, von unseren Nachbarn, die das Kommunismusgespenst an die Wand malten und meinem Vater prophezeiten, er werde eines Tages in Sibirien landen. Misstrauisch waren sie hier, überlegten sich jedes einzelne Wort. Als ob in jeder Ecke einer stehen konnte, der mithörte und sie vielleicht zur Rechenschaft zog. Bedrückend war es, einfach bedrückend. Vor jedem, der wie ein Polizist aussah, haben sie gezittert und den Nacken eingezogen.
Ich war eigentümlich kaltschnäuzig, ich hatte eben keine Angst, weder diese noch jene. Warum, weiß ich nicht. Na ja, vielleicht hatte ich schon Angst, aber ich hab sie nicht gemerkt. Ich hab frühzeitig angefangen, mit manchen Leuten zu spielen, vor allem mit Polizisten. Was ich aber erzählen will, ist in den Sechzigern passiert, als ich mich schon ein wenig auskannte.
In einem kleinen Nest bei Berlin habe ich öfter jemanden besucht, der in sein Motorrad verliebt war. Eine alte AWO stand da im Schuppen, die blitzte wie neu. Fast jeden Tag haben wir eine Tour gemacht und abends saßen wir lange beim Bier. Er hatte natürlich auch so seine Ängste, wie ich schon sagte. Wenigstens drei oder vier Bier hat er gebraucht, bis man über alles mit ihm reden konnte.
Wenn er mächtig tankte, ging es leicht und so hat er es eben oft getan, vor allem, wenn ich da war. Wenn es nämlich etwas immer gab im alten Ossitanien, dann war es Alkohol. Jedesmal, wenn ich drüben war, bin ich darauf gestoßen. Manchmal hatte ich den Verdacht, es sei der Weisheit letzter Schluss. Deren Weisheit!
Dann kam der Abend, an dem ich weiter wollte. Die S-Bahn in Strausberg musste ich kriegen. Wenn ich vor Mitternacht über die Grenze nach Westberlin kam, konnte ich mir eine Menge Scherereien ersparen. Die haben höllisch aufgepasst, was für Daten in den Papieren standen.
Natürlich haben wir wieder geschluckt vorher. Mit ein paar Flaschen Bier fing es an, dann sind wir zu irgendeinem Schnaps übergegangen, ich glaube, Rum-Verschnitt war’s oder ein ähnliches Teufelszeug. Ich hab mich zurückgehalten, aber auch bei mir hat’s mächtig gedreht. Auf einmal der Blick auf die Uhr, der Schreck: Oh, ich muss los! Ja, aber wie? Ein paar Kilometer waren es schon bis zur S-Bahn, ein Bus oder so was fuhr nicht um diese Zeit.
Ich fahr dich, keine Frage!, sagt der gute Frank zu mir. (Frank hieß er, das weiß ich noch genau.) Wir nehmen das Motorrad.
Wenn ich nicht ebenfalls besoffen gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht gewehrt. Aber ich war heilfroh, dass er mir helfen wollte.
Er war ein wahnsinnig guter Fahrer, er hat sich zusammengerissen und das Ding aus dem Schuppen geholt. Seine Eltern haben oben im Haus geschlafen, die haben nicht mal was gemerkt. Wenn ich mich recht entsinne, hat er die Karre richtig gut festgehalten, ist nirgendwo damit angestoßen und hat sie auch nicht umkippen lassen. Gewundert habe ich mich schon und ich glaube, in diesem Augenblick war der Alkohol kaum zu spüren. Weder bei ihm noch bei mir. Ich hab mich so hellwach gefühlt, dass ich mich bis heute noch gut erinnere.
Dann ging’s los, ich hinten drauf mit einer großen Tasche in der Hand. Er fuhr wie immer, rasant und ausgesprochen sicher. Auf einmal sehen wir den Bahnübergang, etwa hundert Meter vor uns.
Die Schranken gehen runter!
Diese Stelle kannten wir beide gut, dort konnte einer warten, bis er schwarz wurde. Mindestens zwanzig Minuten, bevor der Zug kam, waren sie unten, mehrmals am Tag. Die haben auf dem Stellwerk Kaffee getrunken indessen oder Skat gespielt, wer weiß. Wenn Frank angehalten hätte, wäre meine S-Bahn fort gewesen.
Natürlich hat er nicht gebremst.
Zieh den Kopf ein!, hat er mir zugerufen, und ich hab den Kopf eingezogen. Er gab Gas und raste über den Bahnübergang mit mindestens fünfundsiebzig Sachen.
Ich hab die Augen zugemacht, dass ich die Schranken nicht sehen musste, aber es war bestimmt wahnsinnig knapp gewesen.
Klasse!, dachte ich, ich krieg meine Bahn! Und hab erst mal durchgeatmet.
Aber nun kam der Hammer. Die Polizei!
Es war vor einer Kurve und mein guter Frank musste wohl oder übel langsamer fahren. Als die zwei Uniformkäuze vor ihm auftauchten und ihre Kelle raushielten, hat er nicht den Mumm gehabt, zu türmen. Ich wusste, wieviel er geschluckt hatte, und was den Umgang mit denen betraf, da war ich besser.
Lass mich das machen!, konnte ich ihm noch zuflüstern. Halt du die Schnauze, ich deichsele die Sache!
Er hat bloß genickt. Ich bin gleich abgestiegen und hab den einen angequatscht.
Das können Sie nicht machen mit uns!, hab ich gesagt. Ich muss unbedingt meinen Zug kriegen, ich hab bloß noch ein paar Minuten.
Das interessiert uns nicht! Sie haben mit überhöhter Geschwindigkeit den Bahnübergang passiert. Ich nehme an, Sie wissen, dass Sie an Bahnübergängen höchstens Dreißig fahren dürfen.
Eine stumpfe, kaltschnäuzige Stimme. Der Andere stand bloß dabei. Auf die Idee, dass ich gar nicht der Fahrer war, kam glücklicherweise keiner und pusten lassen haben sie mich auch nicht. Außerdem haben sie kein Wort von der Schranke gesagt.
Ich setze alles auf eine Karte.
...
I am the Lord of the Dance, said he.
And I’ll lead you all wherever you may be,
And I’ll lead you all in the dance, said he.1*
Sydney B. Carter
Der Tangozigeuner
Anfangs waren es nur wenige, die ihn so nannten. Bis sich seine Lebensweise so weit herumgesprochen hatte, dass sie zum Symbol wurde, zum Zeichen einer eigenen Spielart der Freiheit. Keineswegs des Aufbegehrens, keineswegs der Rebellion, keineswegs des Protestes. Denn er war ein sanfter Mensch, ein zärtlicher geradezu, dessen Blicke ungefiltert aus dem Herzen kamen. Und dabei gerade so viel Mann, wie es bedurfte, um Frauen reihenweise zu betören.
Seine engsten Freunde wussten noch, dass er Remus hieß, nach dem sagenhaften Romgründer. Für seinen Zunamen interessierte sich höchstens der Postbote, der alle für ihn ankommenden Sendungen säuberlich im Postfach Zweihundertelf ablegen musste.
Besuche bis zu drei Personen und mit geringem Sitzplatzbedarf empfing er bei sich zu Hause. In einem Zirkus-Wohnwagen, der auf einem alten Betriebsgelände stand. An dessen Energienetz angeschlossen, außerdem mit Telefon, Computer und einem gusseisernen Ofen ausgestattet, entbehrte diese Heimstatt weder Behaglichkeit noch Verbundensein mit der Außenwelt. Eine breite Bettstelle, ein altertümlicher Küchenschrank nebst Wasseranschluss und Spüle taten ein Übriges.
Für längere Wege nutzte er ein Fahrrad, das er peinlich in Ordnung hielt und unter einer Bootspersenning vor Witterungsunbilden schützte. Er nährte sich von Gelegenheitsarbeiten und dem Austausch von Gefälligkeiten, die aus seinen Alltagsabenteuern entstanden. Seine Leidenschaft galt dem Tango und die Essenz seiner Lebensmaximen hieß Freude.
Wenn er zum Tanzen ging, nutzte er vorher ausgiebig die einzige intakte Dusche der ehemaligen Fabrik und sparte weder mit Seife noch Gesichtswasser. Ein makellos weißes oder ein ebenso makellos schwarzes Hemd bildete seine Garderobe, dazu eine nicht minder schwarze Hose mit strengen Bügelfalten. Seine Schuhe mussten blitzen, und wenn es die Windverhältnisse gestatteten – schließlich fuhr er mit dem Fahrrad vor –, krönte er sein Haupt mit einem schwarzen, breitkrempigen Hut und achtete auf dessen tadellosen Sitz. Leuchtenden Auges betrat er das Parkett, und es gab nicht eine der anwesenden Frauen, die sich nicht nach ihm umwandte.
Nachdem er Freundinnen und Freunde mit der gebührenden Herzlichkeit begrüßt hatte, legte er los. Ein inniger Blick, eine unwiderstehliche Berührung und seine Partnerin schmolz dahin. Fließend und anschmiegsam tanzte sie, antwortete auf den geringsten Impuls, den er aussandte, setzte ihre Schritte, wie er wollte, verband sich mit ihm in sinnenhaftem Schwingen. Lust lag darin, Liebe sogar, ein Gebet im Grunde, ein Flug der Seele. Hingegeben genoss sie ihr Einswerden mit ihm im Rhythmus der jahrzehntealten Stücke aus Südamerika.
El Milagro, spielte der Recorder, oder El Baqueano, Milonga de Mis Amores oder Inspiración, Worte einer klangvollen Sprache, die nur wenige verstanden. Doch sie waren unwichtig, Beiwerk höchstens, Schmuck. Die Musik genügte, dazu das Kerzenlicht ringsum und auf den Tischen, die am Rand unweit der Bar standen. Die ineinander versunkenen Blicke der Tanzenden und der Rhythmus ihrer Herzen verursachten ein weiches Knistern in der Luft. Minuten und Stunden eines weltentrückten Zaubers.
Nach dem fünften Stück unterbrach der Tangozigeuner. Federnden Schrittes näherte er sich der Bar, hinter der eine bleiche, schwarzhaarige Schöne stand, die die Augen niederschlug, als er sich vor ihr aufbaute. Er brauchte nicht einmal etwas zu sagen. Sie wusste, dass er Rotwein mochte, einen lieblichen, gut temperierten Rotwein. Eine ganze Flasche nebst gefülltem Glas schob sie ihm hin und blickte fragend auf.
„Ich hab heute kein Geld mehr“, sagte er fröhlich, „ich zahle mit Geschichten.“
„Geschichten?“
„Geschichten“, bekräftigte er. „Für die, die sie hören wollen.“
„Wenn du dann mit mir tanzt“, versuchte eine langhaarige Blonde zu schachern, die sich neben ihn gedrängt hatte. Sie war noch nie hier gewesen und ihr Gesicht wirkte seltsam, weder jung noch alt. Aber verführerisch sah sie wahrlich aus, in dem knappen, tiefausgeschnittenen blauen Kleid, das sie trug.
Er betrachtete sie lange.
„Wir werden sehen“, sagte er endlich. „Erst eine Geschichte, dann werden wir sehen.“
Viele Paare tanzten weiter. Aber mindestens sechs Männer und ebenso viele Frauen scharten sich um den Tangozigeuner.
„Ihr seid wundervoll“, erkannte er an, „dass ich den Wein hier auf meine Weise bezahlen darf!“
Dann kostete er und nickte zufrieden. Schließlich begann er zu erzählen.
Der Verkehrssünder
Vielleicht wissen es nicht viele von euch, aber ich komme aus Nürnberg. Noch im Krieg bin ich zur Welt gekommen, Zweiundvierzig, Paul McCartneys Jahrgang. Meine frühesten Erinnerungen sind mit den Amerikanern verbunden, die für mich die großen Helden waren. Schließlich haben sie die Freiheit gebracht, die Demokratie, obwohl uns auch der Kaugummi geschmeckt hat. Einige von denen hab ich eindrucksvoll erlebt, sie waren ganz anders als die Deutschen. Vor allem viel heiterer, nicht so streng, nicht so verkniffen. Na ja, für sie war die Welt in Ordnung, schließlich hatten sie den Krieg gewonnen und die Nazis erledigt. Den Soldaten sind wir hinterhergelaufen als Kinder, sie haben uns Schokolade gegeben und alles Mögliche. Ich wollte immer werden wie ein Amerikaner.
Mein Vater hatte von Anfang an mit dem Osten Geschäfte gemacht. Was für welche, habe ich nie wissen wollen, es hat mich einfach nicht interessiert. Garantiert ist nicht alles koscher gewesen, aber als er dann später seinen Verlag geführt hat, in dem ich bis zum Geschäftsführer aufsteigen durfte, ging es schon mit rechten Dingen zu. Es war einträglich, in Leipzig, Berlin oder Dresden drucken zu lassen, und die Verhandlungen mit den Leuten dort verliefen keineswegs schwierig.
Siebenundfünfzig war ich zum ersten Mal mit ihm gemeinsam unterwegs in dieses Nirgendland. Es war unwahrscheinlich spannend für mich, obwohl er nur seinen Bruder besuchen wollte. Vielleicht habe ich die Gegenden grauer empfunden, die Leute ärmlicher, das weiß ich heute nicht mehr. Eins nur weiß ich: die Angst, die sie hatten, die fiel mir sofort auf. Es war eine ganz andere Angst, nicht die, die ich von zu Hause kannte, von unseren Nachbarn, die das Kommunismusgespenst an die Wand malten und meinem Vater prophezeiten, er werde eines Tages in Sibirien landen. Misstrauisch waren sie hier, überlegten sich jedes einzelne Wort. Als ob in jeder Ecke einer stehen konnte, der mithörte und sie vielleicht zur Rechenschaft zog. Bedrückend war es, einfach bedrückend. Vor jedem, der wie ein Polizist aussah, haben sie gezittert und den Nacken eingezogen.
Ich war eigentümlich kaltschnäuzig, ich hatte eben keine Angst, weder diese noch jene. Warum, weiß ich nicht. Na ja, vielleicht hatte ich schon Angst, aber ich hab sie nicht gemerkt. Ich hab frühzeitig angefangen, mit manchen Leuten zu spielen, vor allem mit Polizisten. Was ich aber erzählen will, ist in den Sechzigern passiert, als ich mich schon ein wenig auskannte.
In einem kleinen Nest bei Berlin habe ich öfter jemanden besucht, der in sein Motorrad verliebt war. Eine alte AWO stand da im Schuppen, die blitzte wie neu. Fast jeden Tag haben wir eine Tour gemacht und abends saßen wir lange beim Bier. Er hatte natürlich auch so seine Ängste, wie ich schon sagte. Wenigstens drei oder vier Bier hat er gebraucht, bis man über alles mit ihm reden konnte.
Wenn er mächtig tankte, ging es leicht und so hat er es eben oft getan, vor allem, wenn ich da war. Wenn es nämlich etwas immer gab im alten Ossitanien, dann war es Alkohol. Jedesmal, wenn ich drüben war, bin ich darauf gestoßen. Manchmal hatte ich den Verdacht, es sei der Weisheit letzter Schluss. Deren Weisheit!
Dann kam der Abend, an dem ich weiter wollte. Die S-Bahn in Strausberg musste ich kriegen. Wenn ich vor Mitternacht über die Grenze nach Westberlin kam, konnte ich mir eine Menge Scherereien ersparen. Die haben höllisch aufgepasst, was für Daten in den Papieren standen.
Natürlich haben wir wieder geschluckt vorher. Mit ein paar Flaschen Bier fing es an, dann sind wir zu irgendeinem Schnaps übergegangen, ich glaube, Rum-Verschnitt war’s oder ein ähnliches Teufelszeug. Ich hab mich zurückgehalten, aber auch bei mir hat’s mächtig gedreht. Auf einmal der Blick auf die Uhr, der Schreck: Oh, ich muss los! Ja, aber wie? Ein paar Kilometer waren es schon bis zur S-Bahn, ein Bus oder so was fuhr nicht um diese Zeit.
Ich fahr dich, keine Frage!, sagt der gute Frank zu mir. (Frank hieß er, das weiß ich noch genau.) Wir nehmen das Motorrad.
Wenn ich nicht ebenfalls besoffen gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht gewehrt. Aber ich war heilfroh, dass er mir helfen wollte.
Er war ein wahnsinnig guter Fahrer, er hat sich zusammengerissen und das Ding aus dem Schuppen geholt. Seine Eltern haben oben im Haus geschlafen, die haben nicht mal was gemerkt. Wenn ich mich recht entsinne, hat er die Karre richtig gut festgehalten, ist nirgendwo damit angestoßen und hat sie auch nicht umkippen lassen. Gewundert habe ich mich schon und ich glaube, in diesem Augenblick war der Alkohol kaum zu spüren. Weder bei ihm noch bei mir. Ich hab mich so hellwach gefühlt, dass ich mich bis heute noch gut erinnere.
Dann ging’s los, ich hinten drauf mit einer großen Tasche in der Hand. Er fuhr wie immer, rasant und ausgesprochen sicher. Auf einmal sehen wir den Bahnübergang, etwa hundert Meter vor uns.
Die Schranken gehen runter!
Diese Stelle kannten wir beide gut, dort konnte einer warten, bis er schwarz wurde. Mindestens zwanzig Minuten, bevor der Zug kam, waren sie unten, mehrmals am Tag. Die haben auf dem Stellwerk Kaffee getrunken indessen oder Skat gespielt, wer weiß. Wenn Frank angehalten hätte, wäre meine S-Bahn fort gewesen.
Natürlich hat er nicht gebremst.
Zieh den Kopf ein!, hat er mir zugerufen, und ich hab den Kopf eingezogen. Er gab Gas und raste über den Bahnübergang mit mindestens fünfundsiebzig Sachen.
Ich hab die Augen zugemacht, dass ich die Schranken nicht sehen musste, aber es war bestimmt wahnsinnig knapp gewesen.
Klasse!, dachte ich, ich krieg meine Bahn! Und hab erst mal durchgeatmet.
Aber nun kam der Hammer. Die Polizei!
Es war vor einer Kurve und mein guter Frank musste wohl oder übel langsamer fahren. Als die zwei Uniformkäuze vor ihm auftauchten und ihre Kelle raushielten, hat er nicht den Mumm gehabt, zu türmen. Ich wusste, wieviel er geschluckt hatte, und was den Umgang mit denen betraf, da war ich besser.
Lass mich das machen!, konnte ich ihm noch zuflüstern. Halt du die Schnauze, ich deichsele die Sache!
Er hat bloß genickt. Ich bin gleich abgestiegen und hab den einen angequatscht.
Das können Sie nicht machen mit uns!, hab ich gesagt. Ich muss unbedingt meinen Zug kriegen, ich hab bloß noch ein paar Minuten.
Das interessiert uns nicht! Sie haben mit überhöhter Geschwindigkeit den Bahnübergang passiert. Ich nehme an, Sie wissen, dass Sie an Bahnübergängen höchstens Dreißig fahren dürfen.
Eine stumpfe, kaltschnäuzige Stimme. Der Andere stand bloß dabei. Auf die Idee, dass ich gar nicht der Fahrer war, kam glücklicherweise keiner und pusten lassen haben sie mich auch nicht. Außerdem haben sie kein Wort von der Schranke gesagt.
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