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DER GEISTERPILGER VON LENGENFELD oder Wie man den Dingen auf den Grund geht
Andreas H. Buchwald
DER GEISTERPILGER VON LENGENFELD oder WIE MAN DEN DINGEN AUF DEN GRUND GEHT
Drei Frauen, die unabhängig voneinander und aus sehr unterschiedlichen Motiven Teilabschnitte des sächsischen Pilgerweges erkunden, begegnen einem Mann, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sein Auftreten gemahnt zwingend an Constantin von Tischendorf, und zuweilen scheint es, als sei er es tatsächlich... – Die vorliegende, durchaus ungewöhnliche und spannend-unterhaltsame Novelle macht nicht nur den großen Sohn Lengenfelds auf neuartige Weise lebendig, sondern beleuchtet gleichzeitig viele Themen unserer Zeit, wobei die besinnungserzwingende Ausnahmesituation der Jahre 2020 und 2021 eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
ISBN 978-3-949143-08-3, 152 S.
DER GEISTERPILGER VON LENGENFELD oder WIE MAN DEN DINGEN AUF DEN GRUND GEHT
Drei Frauen, die unabhängig voneinander und aus sehr unterschiedlichen Motiven Teilabschnitte des sächsischen Pilgerweges erkunden, begegnen einem Mann, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sein Auftreten gemahnt zwingend an Constantin von Tischendorf, und zuweilen scheint es, als sei er es tatsächlich... – Die vorliegende, durchaus ungewöhnliche und spannend-unterhaltsame Novelle macht nicht nur den großen Sohn Lengenfelds auf neuartige Weise lebendig, sondern beleuchtet gleichzeitig viele Themen unserer Zeit, wobei die besinnungserzwingende Ausnahmesituation der Jahre 2020 und 2021 eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
ISBN 978-3-949143-08-3, 152 S.
Vorwort
Seit Mai 2021 wohne ich nun in Lengenfeld, einem Viertausendfündhundert-Seelen-Ort, wie ich mir sagen ließ, der den Titel Tischendorf-Stadt trägt. Obwohl ich, in einer belesenen altlutherischen Familie aufgewachsen, den Namen des Entdeckers des Codex Sinaiticus immerhin kannte, hatte ich mich noch nie mit den näheren Umständen seines Lebens beschäftigt.
Eine Besichtigung des Lengenfelder Stadtmuseums wurde zur Initialzündung der Idee, den einst in dieser Stadt geborenen Constantin von Tischendorf wiederauferstehen zu lassen, nach Möglichkeit lebendiger, als seine eher sachlich berichtenden Biografen das in der Vergangenheit getan haben. Da Lengenfeld zusätzlich eine Station des sächsischen Jakobsweges bildet und ich selbst einst Jakobspilger war, bot es sich an, das eine mit dem anderen zu verbinden.
Beim Quellenstudium merkte ich sehr schnell, dass über das Privatleben des berühmten Theologen und Abenteuerreisenden entweder kaum etwas bekannt ist oder einfach nur sparsam berichtet wird, aus welchen Gründen auch immer. Dadurch ergibt sich ein gewisser Reiz zur Erkundung „unentdeckten Geländes“, dem ich beim Schreiben durchaus ein wenig nachgab.
Man möge die vorliegende Novelle daher trotz ihrer allgemeinen Lebensnähe als vollständige Fiktion betrachten, am besten wohl als Spiel der Phantasie, das zum einen ein gewisses Lesevergnügen bieten soll und zum anderen Denkanstöße zu bislang vielleicht ungewohnten Sichtweisen. Somit kann und will
sie auf keinen Fall mit den bisherigen Veröffentlichungen über und um Tischendorf konkurrieren, noch viel weniger diese korrigieren. Vielleicht aber kann sie bei denen, die noch nie etwas von Bibel-Handschriften und deren Entdeckungsgeschichte gehört haben, Interesse wecken und den prominenten Sohn des vogtländischen Städtchens wie auch den sächsischen Jakobsweg neu ins Rampenlicht holen.
Andreas H. Buchwald
Lengenfeld, 22. Februar 2022
Wir wissen nie genau, ob wir finden, was wir suchen,
wir hoffen nur, daß das, was wir suchten,
uns findet.
Peter E. Schumacher
Angelika die Erste
I
Im Spätsommer des denkwürdigen Jahres Zweitausendzwanzig begann Angelika Solfidner zu zweifeln. An ihrer Familie und ihren Freunden, an Gott, an der Welt, an allem, was ihr bisher etwas bedeutet hatte. Und der Zweifel, der sie so unvermutet befiel, war eine schmerzliche, widerwärtige Erfahrung. Etwas, das sie an jedem Morgen teils zu unterdrücken, teils wegzuwischen versuchte, und das sich dennoch spätestens am Abend mit neuer Kraft zurückmeldete und sie kaum schlafen ließ. Deshalb befürchtete sie, ihr Leben werde daran zerbrechen, wenn es ihr nicht gelang, ihre innere Unausgewogenheit zu besiegen.
Dabei war sie erst zweiundvierzig Jahre alt, verfügte trotz der drei Kinder, die sie geboren und größtenteils schon aufgezogen hatte, noch immer über beneidenswerte Körpermaße. Das lange, strahlendblonde Haar, das sie meistens offen trug und um ihren Kopf wehen ließ, zog inzwischen mehr Männerblicke an, als es das in ihrer Jugend getan hatte. Ihre Verdauung funktionierte bestens, ihr Herz schlug im richtigen Rhythmus, und die sich vorsichtig andeutende Menopause bereitete ihr vorläufig keinerlei Schwierigkeiten. Die gelegentlichen Migräneanfälle, die sie in gewissen Abständen für ein paar Stunden ans Bett fesselten, weil sie ziemlich heftig daherkamen, bekämpfte sie traditionsgemäß mit Tabletten und hielt auf diese Weise die dabei zu erleidenden Schmerzen in Grenzen. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für fundamentalen Dauerzweifel konnte man sich schlichtweg nicht vorstellen.
„Geh doch einfach mal auf den Pilgerweg“, sagte Conrad, ihr Mann, eines Morgens zu ihr. Immerhin war ihm die auffällige Schweigsamkeit seiner im allgemeinen fröhlichen und gesprächigen Gattin aufgefallen.
„Pilgerweg? Meinst du den in Spanien?“ Sie sah ihn erstaunt an.
„Quatsch, Spanien!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Die berühmte Wallfahrtsstraße liegt hier vor unserer Tür. Sie geht von Zwickau bis Oelsnitz und weiter bis nach Hof. Wahrscheinlich kann man von dort auch irgendwie in südlicher Richtung weiterwandern. Am Ende führen alle Wege nach Santiago.“
„Und du meinst …?“
„Ich meine gar nichts“, verwahrte er sich. „Aber ich fürchte, du bist nicht mehr die, die du mal warst. Du kommst in die Krise, weil dich die Kinder nicht mehr so wirklich brauchen. Bei Krisen hilft Pilgern, habe ich mir sagen lassen. In meinem Betrieb haben wir einen, der diesen Jakobsweg gegangen ist, hier in Sachsen. Das war schon vor zwei Jahren, aber er ist immer noch wie verwandelt. Vorher hat er immer allein gelebt, anscheinend gab es nirgendwo eine Frau, die mit ihm einverstanden gewesen wäre. Nach seiner Pilgertour aber – da hat es glatt gefunkt! Fast vierzig Jahre musste er alt werden, bis das passierte, und jetzt ist er fest davon überzeugt, dass der Weg für dieses Wunder verantwortlich war. Wahrscheinlich ist er beim Wandern bloß mal endlich locker geworden; schließlich kenne ich ihn schon lange, und deshalb schätze ich die Sache so ein.“
Conrad arbeitete in einer freien Reparaturwerkstatt für Kraftfahrzeuge. Es war nicht seine Art, über so etwas zu sprechen wie den Jakobsweg. Angelika fürchtete, dass auch er sich unmerklich verändert hatte. Aber sie dachte lange über seinen Rat nach.
Immerhin war es eine gute Idee, wie sie fand. Helfried, ihr Ältester, kam nur noch selten nach Hause, seitdem er ein Studium in Dresden begonnen hatte. Und Sibylle, die gerade erst achtzehn geworden war, pendelte ebenfalls zwischen zwei Wohnungen und träumte schon vom Heiraten. Ihr zweiunddreißigjähriger Freund hatte sein Theologiestudium beendet und in Zwickau – unmittelbar vor Ort also – eine Pfarrstelle angetreten. Nur Leandra, die Jüngste, ging noch regelmäßig im Elternhaus aus und ein, zögerte ihre Entscheidung für einen speziellen Werdegang hinaus und träumte sich durch ihre Tage. Sie war die einzige, um die sich Angelika wirklich Sorgen machte, denn stundenlang zu lesen oder sonst untätig herumzusitzen, selten aus dem Haus zu gehen, zu keiner Veranstaltung fahren zu wollen, um ein paar Jungen kennenzulernen, war alles andere als jugendgemäß und passte nicht zu einer Solfidner. Obwohl die Mutter sich eingestand, dass die strenge evangelisch-lutherische Erziehung, die sie selbst genossen und immer noch in Teilen weitergegeben hatte, nicht allen Kindern in gleicher Weise gut tun mochte.
Die Kirche selbst – nun ja! Angelika und Conrad hatten sich daran gewöhnt, sie so zu nehmen, wie sie war. Man konnte
sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufregen, die mit den Lehren des Nazareners nicht übereinstimmte. Gottes Bodenpersonal hatte eben so seine Ecken und Kanten, damit musste man leben. Und so waren es erst die Kinder gewesen, die ihre Eltern hin und wieder zum Nachdenken über gewisse Zusammenhänge zwangen.
Helfried war seit seiner Konfirmation fast allen Gottesdiensten ferngeblieben, und das sehr konsequent, denn er ließ sich da von niemandem etwas sagen. Was ihm nicht passte, darüber schwieg er sich aus, und auf Fragen gab er gewöhnlich ziemlich ausweichende Antworten. Sibylle wiederum hatte sich anscheinend ganz und gar dem Glauben ihrer Mütter und Väter verschrieben, und ihre Liebesbeziehung zu Friedrich, jenem Theologen, tat ein Übriges. Bei Leandra musste man abwarten, denn so verträumt wie ihr Umgang mit dem Alltag, fielen auch ihre Ansichten aus, die sie zwar selten, aber immerhin doch gelegentlich äußerte.
Dazu kam nun, dass in diesem Jahr Dinge geschehen waren, die sich niemand so hatte vorstellen können. Eine Pandemie,
von deren Auswirkungen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung betroffen war, wurde unter gewaltigem medialen Thea-terdonner ausgerufen, und die Leute sollten sich plötzlich an „Maßnahmen“ halten, deren Sinn sie weder verstanden noch einsahen. Und deshalb waren sie ihr zum Auslöser des tiefen Zweifels geworden, den Angelika nicht mehr abzuschütteln vermochte.
Die Sache mit den Abständen wäre ja noch leicht zu verkraften gewesen. Wer aber lief schon ständig mit einem imaginären Zollstock herum, um zu überprüfen, wie weit entfernt von seinem Vordermann er beispielsweise in einer Schlange vor dem Bäckerladen stand?! Doch dann kamen die Masken, die man sich plötzlich über Mund und Nase ziehen sollte, sodass man Mühe hatte, genügend Luft zu bekommen. Sogar in der Kirche, während des Gottesdienstes, sollten die Leute solche Dinger tragen! Unvorstellbar, dass Jesus so etwas gutgeheißen hätte!
Bei ihrer Halbtagsarbeit in der Postfiliale kam es weniger darauf an. Offiziell hieß es, dass die Glasscheibe am Schalter sie schützte, und da sie nicht ständig kontrolliert wurde, verzichtete sie auf den leidigen „Mund-Nasen-Schutz“, der, wie ihr schien, weit eher die Bezeichnung „Maulkorb“ verdient hätte. Allerdings hielt sie immer ein solches Ding bereit, um im Notfall das Ordnungsamt oder wen auch immer zufriedenstellen zu können.
Im Mai hatte der Wahnsinn begonnen, und Angelika fand ihn furchtbar. Nachdem sie beim Einkauf im Supermarkt mehrmals angemotzt worden war, weil sie es sich erlaubte, auf einen solchen Pseudoschutz zu verzichten, fügte sie sich jedoch, griff bei einem Billigangebot zu und hängte sich endlich auch selbst einen solchen Lappen vor das Gesicht, sobald sie einkaufen ging. Conrad verhielt sich ähnlich; allerdings genoss er den Vorteil, dass sein Arbeitgeber es mit dergleichen Dingen nicht so genau nahm, sodass er nur selten minutenlang die Sauerstoffzufuhr einschränken musste. Im Sommer, so schien es jedenfalls zunächst, wurden so gut wie alle Leute in diesen Dingen wieder nachlässig, bis im Herbst alles wieder mit neuem Schwung begann. Inzwischen sah es ganz danach aus, dass es schlimmer zu werden versprach, Tag für Tag.
Auf diese Weise wurden Angelikas Zweifel ebenfalls lauter und lästiger, während ihr Gedächtnis ihr unablässig Conrads Rat vorhielt.
Ein großer Teil des Septembers verging, ohne dass sie etwas unternahm. Doch als sie sich eines Tages in der Küche allein wähnte, murmelte sie vor sich hin: „Ich sollte tatsächlich etwas tun. Mein Mann hat recht. Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.“
Obwohl sie so manches über jenen geheimnisvollen Weg gelesen hatte, der, was sein endgültiges Ziel betraf, erst in der Kathedrale von Santiago de Compostela oder am Kap Finisterre enden sollte, dachte sie nicht daran, es der Mehrheit der Jakobswanderer gleichzutun. Eine Wallfahrt hatte immerhin noch nie zuvor auf ihrem Pflichtprogramm religiöser Rituale gestanden, und deshalb war sie nicht bereit, mehr darin zu sehen, als ein eigenwilliges Abenteuer. Was sie dazu brauchte, waren einzig feste Schuhe und ein strapazierfähiger Rucksack. Für einen Stock fühlte sie sich zu sportlich, und die Muschel, mit der sich die Pilger im allgemeinen kenntlich machen, hielt sie für lächerlich und entbehrlich. Obwohl sie hoffte, dass der bewusste Weg recht gut ausgeschildert war, beschloss sie, auf jeden Fall eine Karte dabei zu haben, und sie musste auch überlegen, wieviel Tage sie sich genehmigen und welches vorläufige Ziel sie sich setzen wollte.
Die Hälfte einer fast schlaflosen Nacht verbrachte Angelika damit, sich alle Einzelheiten ihrer Wanderung auszumalen, um eventuellen Hindernissen oder sonstigen unglücklichen Ereignissen vorzubeugen. Leider hatte sie sich selbst noch nie getestet und wusste nicht, wieviel sie wie lange auf ihrem Rücken tragen konnte, ja, welche Fußmärsche ihr überhaupt zuträglich sein mochten. Schließlich entschied sie sich dafür, zunächst nur wenige Tage zu pilgern, von ihrer Wohnung in Zwickau bis nach Hof. Auf diese Weise würde sie nicht einmal lange an ihrer Arbeitsstelle ausfallen und konnte die wenigen dazu notwendigen Urlaubstage leicht bekommen. Und übernehmen würde sie sich auf einer so kurzen Strecke bestimmt nicht, auch nicht mit einer Traglast von etwa zehn Kilo. Nur ihre jeweiligen Nachtlager konnte sie nicht vorausberechnen und wusste auch nicht, wie die entsprechenden Quartiergeber sie behandeln würden, wenn sie ihnen ohne die leidige Gesichtsmaske gegenübertrat. Ihre jüngsten Erfahrungen mit einigen Entscheidungsträgern der Kirche ließen in dieser Hinsicht nur wenig Raum für Optimismus zu, doch nach einem Sommer, in dem sie sich nicht einmal eine Urlaubsreise gegönnt hatte, brannte sie darauf, wenigstens ein kleines Abenteuer zu erleben, und das sollte ihr ein solches Risiko durchaus wert sein.
Die Wanderung bis Hof bedeutete dennoch kaum mehr als eine Probe für sie, ein Testeinstieg. Noch hatte sich nichts Wesentliches daran geändert, dass sie eine traditionsbewusste sächsische Lutheranerin war, die weit mehr an das inspirierte Wort Gottes in der Bibel glaubte als an Pilgerwege. Zum einen trieb sie die Neugier, zum anderen wollte sie dem merkwürdigen Hinweis ihres Mannes auf den Grund gehen. Vor zwanzig Jahren hatte sie Conrad bis zum Wahnsinn geliebt, während sie sich jetzt nicht selten dabei ertappte, einen Unbekannten in ihm zu sehen, einen, von dem sie nicht mehr wusste als von ihrem Vorhaben. Was ging in diesem Mann vor nach all den Ehejahren? Was beschäftigte ihn außer seiner täglichen Arbeit und den immer gleichen Aufgaben innerhalb der Familie? Warum hatte er in den letzten Jahren immer weniger von sich erzählt, schon lange nicht mehr alles mit ihr geteilt wie früher? Und – warum hatte sie selbst dabei zugesehen und sich auf die Kinder konzentriert? Die Macht des Einerleis hatte sie voneinander wegdriften lassen, ohne dass es ihnen wirklich bewusst geworden war …
Nicht weniger als ein Wunder wünschte sie sich nun plötzlich von diesem geheimnisvollen Wanderweg. Das tiefgründige Buch von Paulo Coelho zu diesem Thema, das sie kürzlich begeistert gelesen hatte, ohne es zu verstehen, bestärkte sie in dieser Hoffnung. Dabei hätte sie nicht einmal sagen können, wie ein solches Wunder im einzelnen aussehen sollte. Wenn sie indessen alle Herausforderungen leicht meisterte und ihr die Sache gefiel, wollte sie sich ein Jahr später eine lange Auszeit nehmen, um den weltberühmten Camino von Saint-Jean-Pied-de-Port bis zur Kathedrale von Santiago zurückzulegen, vielleicht sogar bis zur Atlantikküste.
Der Folgetag war ein Samstag, an dem Conrad schon am Mittag nach Hause kam. Da sie fast zur selben Zeit ihren Einsatz in der Postfiliale als beendet betrachten konnte, saßen sie sich beide am Mittagstisch schräg gegenüber, während Leandra, die nichts essen wollte, die Abgeschiedenheit ihres Zimmers bevorzugte.
„Ich tu’s“, sagte Angelika unvermittelt zu ihrem Mann, indem ihre Augen aufleuchteten, „ich gehe pilgern.“
Conrad nickte nur, und es sah aus, als habe er nichts anderes erwartet.
„Du fragst nicht einmal, wann“, sagte sie daraufhin vorwurfsvoll, „ist es dir denn schon so gleichgültig, ob ich zu Hause bin oder nicht?“
„Vielleicht, weil ich selber dir zugeredet habe“, erwiderte er, immer noch ziemlich unbewegt. „Du hast es beschlossen, und du wirst es tun.“
Sein Benehmen bestätigte ihre Angst, dass er sich von ihr entfernt hatte. Damit aber wollte sie sich gerade jetzt nicht aufhalten.
„Ich bekomme erst in ein paar Tagen frei“, erklärte sie mit einem resignierten Seufzer. „Will erst mal nur bis Hof gehen. Am nächsten Wochenende bin ich soweit, denke ich. Zehn Tage Urlaub habe ich gerade noch gut, und fünf davon will ich nehmen, weil ich keine Ahnung habe, wie lange ich für diese Strecke brauche.“
„Meinen Segen hast du.“ Conrad verzog seinen Mund ein wenig, sodass es aussah, als ob er lächelte. „Wir werden schon zurechtkommen, Leandra und ich.“
Und so kam es, dass Angelika Solfidner am frühen Morgen des siebenundzwanzigsten Septembers, einem Sonntag, in ihren ausgetretenen Winterschuhen und mit einem Rucksack bepackt ihre Wohnung verließ, um auf einer ungewissen Wanderung Gott selbst oder wenigstens einem seiner Wunder zu begegnen.
Seit Mai 2021 wohne ich nun in Lengenfeld, einem Viertausendfündhundert-Seelen-Ort, wie ich mir sagen ließ, der den Titel Tischendorf-Stadt trägt. Obwohl ich, in einer belesenen altlutherischen Familie aufgewachsen, den Namen des Entdeckers des Codex Sinaiticus immerhin kannte, hatte ich mich noch nie mit den näheren Umständen seines Lebens beschäftigt.
Eine Besichtigung des Lengenfelder Stadtmuseums wurde zur Initialzündung der Idee, den einst in dieser Stadt geborenen Constantin von Tischendorf wiederauferstehen zu lassen, nach Möglichkeit lebendiger, als seine eher sachlich berichtenden Biografen das in der Vergangenheit getan haben. Da Lengenfeld zusätzlich eine Station des sächsischen Jakobsweges bildet und ich selbst einst Jakobspilger war, bot es sich an, das eine mit dem anderen zu verbinden.
Beim Quellenstudium merkte ich sehr schnell, dass über das Privatleben des berühmten Theologen und Abenteuerreisenden entweder kaum etwas bekannt ist oder einfach nur sparsam berichtet wird, aus welchen Gründen auch immer. Dadurch ergibt sich ein gewisser Reiz zur Erkundung „unentdeckten Geländes“, dem ich beim Schreiben durchaus ein wenig nachgab.
Man möge die vorliegende Novelle daher trotz ihrer allgemeinen Lebensnähe als vollständige Fiktion betrachten, am besten wohl als Spiel der Phantasie, das zum einen ein gewisses Lesevergnügen bieten soll und zum anderen Denkanstöße zu bislang vielleicht ungewohnten Sichtweisen. Somit kann und will
sie auf keinen Fall mit den bisherigen Veröffentlichungen über und um Tischendorf konkurrieren, noch viel weniger diese korrigieren. Vielleicht aber kann sie bei denen, die noch nie etwas von Bibel-Handschriften und deren Entdeckungsgeschichte gehört haben, Interesse wecken und den prominenten Sohn des vogtländischen Städtchens wie auch den sächsischen Jakobsweg neu ins Rampenlicht holen.
Andreas H. Buchwald
Lengenfeld, 22. Februar 2022
Wir wissen nie genau, ob wir finden, was wir suchen,
wir hoffen nur, daß das, was wir suchten,
uns findet.
Peter E. Schumacher
Angelika die Erste
I
Im Spätsommer des denkwürdigen Jahres Zweitausendzwanzig begann Angelika Solfidner zu zweifeln. An ihrer Familie und ihren Freunden, an Gott, an der Welt, an allem, was ihr bisher etwas bedeutet hatte. Und der Zweifel, der sie so unvermutet befiel, war eine schmerzliche, widerwärtige Erfahrung. Etwas, das sie an jedem Morgen teils zu unterdrücken, teils wegzuwischen versuchte, und das sich dennoch spätestens am Abend mit neuer Kraft zurückmeldete und sie kaum schlafen ließ. Deshalb befürchtete sie, ihr Leben werde daran zerbrechen, wenn es ihr nicht gelang, ihre innere Unausgewogenheit zu besiegen.
Dabei war sie erst zweiundvierzig Jahre alt, verfügte trotz der drei Kinder, die sie geboren und größtenteils schon aufgezogen hatte, noch immer über beneidenswerte Körpermaße. Das lange, strahlendblonde Haar, das sie meistens offen trug und um ihren Kopf wehen ließ, zog inzwischen mehr Männerblicke an, als es das in ihrer Jugend getan hatte. Ihre Verdauung funktionierte bestens, ihr Herz schlug im richtigen Rhythmus, und die sich vorsichtig andeutende Menopause bereitete ihr vorläufig keinerlei Schwierigkeiten. Die gelegentlichen Migräneanfälle, die sie in gewissen Abständen für ein paar Stunden ans Bett fesselten, weil sie ziemlich heftig daherkamen, bekämpfte sie traditionsgemäß mit Tabletten und hielt auf diese Weise die dabei zu erleidenden Schmerzen in Grenzen. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für fundamentalen Dauerzweifel konnte man sich schlichtweg nicht vorstellen.
„Geh doch einfach mal auf den Pilgerweg“, sagte Conrad, ihr Mann, eines Morgens zu ihr. Immerhin war ihm die auffällige Schweigsamkeit seiner im allgemeinen fröhlichen und gesprächigen Gattin aufgefallen.
„Pilgerweg? Meinst du den in Spanien?“ Sie sah ihn erstaunt an.
„Quatsch, Spanien!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Die berühmte Wallfahrtsstraße liegt hier vor unserer Tür. Sie geht von Zwickau bis Oelsnitz und weiter bis nach Hof. Wahrscheinlich kann man von dort auch irgendwie in südlicher Richtung weiterwandern. Am Ende führen alle Wege nach Santiago.“
„Und du meinst …?“
„Ich meine gar nichts“, verwahrte er sich. „Aber ich fürchte, du bist nicht mehr die, die du mal warst. Du kommst in die Krise, weil dich die Kinder nicht mehr so wirklich brauchen. Bei Krisen hilft Pilgern, habe ich mir sagen lassen. In meinem Betrieb haben wir einen, der diesen Jakobsweg gegangen ist, hier in Sachsen. Das war schon vor zwei Jahren, aber er ist immer noch wie verwandelt. Vorher hat er immer allein gelebt, anscheinend gab es nirgendwo eine Frau, die mit ihm einverstanden gewesen wäre. Nach seiner Pilgertour aber – da hat es glatt gefunkt! Fast vierzig Jahre musste er alt werden, bis das passierte, und jetzt ist er fest davon überzeugt, dass der Weg für dieses Wunder verantwortlich war. Wahrscheinlich ist er beim Wandern bloß mal endlich locker geworden; schließlich kenne ich ihn schon lange, und deshalb schätze ich die Sache so ein.“
Conrad arbeitete in einer freien Reparaturwerkstatt für Kraftfahrzeuge. Es war nicht seine Art, über so etwas zu sprechen wie den Jakobsweg. Angelika fürchtete, dass auch er sich unmerklich verändert hatte. Aber sie dachte lange über seinen Rat nach.
Immerhin war es eine gute Idee, wie sie fand. Helfried, ihr Ältester, kam nur noch selten nach Hause, seitdem er ein Studium in Dresden begonnen hatte. Und Sibylle, die gerade erst achtzehn geworden war, pendelte ebenfalls zwischen zwei Wohnungen und träumte schon vom Heiraten. Ihr zweiunddreißigjähriger Freund hatte sein Theologiestudium beendet und in Zwickau – unmittelbar vor Ort also – eine Pfarrstelle angetreten. Nur Leandra, die Jüngste, ging noch regelmäßig im Elternhaus aus und ein, zögerte ihre Entscheidung für einen speziellen Werdegang hinaus und träumte sich durch ihre Tage. Sie war die einzige, um die sich Angelika wirklich Sorgen machte, denn stundenlang zu lesen oder sonst untätig herumzusitzen, selten aus dem Haus zu gehen, zu keiner Veranstaltung fahren zu wollen, um ein paar Jungen kennenzulernen, war alles andere als jugendgemäß und passte nicht zu einer Solfidner. Obwohl die Mutter sich eingestand, dass die strenge evangelisch-lutherische Erziehung, die sie selbst genossen und immer noch in Teilen weitergegeben hatte, nicht allen Kindern in gleicher Weise gut tun mochte.
Die Kirche selbst – nun ja! Angelika und Conrad hatten sich daran gewöhnt, sie so zu nehmen, wie sie war. Man konnte
sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufregen, die mit den Lehren des Nazareners nicht übereinstimmte. Gottes Bodenpersonal hatte eben so seine Ecken und Kanten, damit musste man leben. Und so waren es erst die Kinder gewesen, die ihre Eltern hin und wieder zum Nachdenken über gewisse Zusammenhänge zwangen.
Helfried war seit seiner Konfirmation fast allen Gottesdiensten ferngeblieben, und das sehr konsequent, denn er ließ sich da von niemandem etwas sagen. Was ihm nicht passte, darüber schwieg er sich aus, und auf Fragen gab er gewöhnlich ziemlich ausweichende Antworten. Sibylle wiederum hatte sich anscheinend ganz und gar dem Glauben ihrer Mütter und Väter verschrieben, und ihre Liebesbeziehung zu Friedrich, jenem Theologen, tat ein Übriges. Bei Leandra musste man abwarten, denn so verträumt wie ihr Umgang mit dem Alltag, fielen auch ihre Ansichten aus, die sie zwar selten, aber immerhin doch gelegentlich äußerte.
Dazu kam nun, dass in diesem Jahr Dinge geschehen waren, die sich niemand so hatte vorstellen können. Eine Pandemie,
von deren Auswirkungen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung betroffen war, wurde unter gewaltigem medialen Thea-terdonner ausgerufen, und die Leute sollten sich plötzlich an „Maßnahmen“ halten, deren Sinn sie weder verstanden noch einsahen. Und deshalb waren sie ihr zum Auslöser des tiefen Zweifels geworden, den Angelika nicht mehr abzuschütteln vermochte.
Die Sache mit den Abständen wäre ja noch leicht zu verkraften gewesen. Wer aber lief schon ständig mit einem imaginären Zollstock herum, um zu überprüfen, wie weit entfernt von seinem Vordermann er beispielsweise in einer Schlange vor dem Bäckerladen stand?! Doch dann kamen die Masken, die man sich plötzlich über Mund und Nase ziehen sollte, sodass man Mühe hatte, genügend Luft zu bekommen. Sogar in der Kirche, während des Gottesdienstes, sollten die Leute solche Dinger tragen! Unvorstellbar, dass Jesus so etwas gutgeheißen hätte!
Bei ihrer Halbtagsarbeit in der Postfiliale kam es weniger darauf an. Offiziell hieß es, dass die Glasscheibe am Schalter sie schützte, und da sie nicht ständig kontrolliert wurde, verzichtete sie auf den leidigen „Mund-Nasen-Schutz“, der, wie ihr schien, weit eher die Bezeichnung „Maulkorb“ verdient hätte. Allerdings hielt sie immer ein solches Ding bereit, um im Notfall das Ordnungsamt oder wen auch immer zufriedenstellen zu können.
Im Mai hatte der Wahnsinn begonnen, und Angelika fand ihn furchtbar. Nachdem sie beim Einkauf im Supermarkt mehrmals angemotzt worden war, weil sie es sich erlaubte, auf einen solchen Pseudoschutz zu verzichten, fügte sie sich jedoch, griff bei einem Billigangebot zu und hängte sich endlich auch selbst einen solchen Lappen vor das Gesicht, sobald sie einkaufen ging. Conrad verhielt sich ähnlich; allerdings genoss er den Vorteil, dass sein Arbeitgeber es mit dergleichen Dingen nicht so genau nahm, sodass er nur selten minutenlang die Sauerstoffzufuhr einschränken musste. Im Sommer, so schien es jedenfalls zunächst, wurden so gut wie alle Leute in diesen Dingen wieder nachlässig, bis im Herbst alles wieder mit neuem Schwung begann. Inzwischen sah es ganz danach aus, dass es schlimmer zu werden versprach, Tag für Tag.
Auf diese Weise wurden Angelikas Zweifel ebenfalls lauter und lästiger, während ihr Gedächtnis ihr unablässig Conrads Rat vorhielt.
Ein großer Teil des Septembers verging, ohne dass sie etwas unternahm. Doch als sie sich eines Tages in der Küche allein wähnte, murmelte sie vor sich hin: „Ich sollte tatsächlich etwas tun. Mein Mann hat recht. Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.“
Obwohl sie so manches über jenen geheimnisvollen Weg gelesen hatte, der, was sein endgültiges Ziel betraf, erst in der Kathedrale von Santiago de Compostela oder am Kap Finisterre enden sollte, dachte sie nicht daran, es der Mehrheit der Jakobswanderer gleichzutun. Eine Wallfahrt hatte immerhin noch nie zuvor auf ihrem Pflichtprogramm religiöser Rituale gestanden, und deshalb war sie nicht bereit, mehr darin zu sehen, als ein eigenwilliges Abenteuer. Was sie dazu brauchte, waren einzig feste Schuhe und ein strapazierfähiger Rucksack. Für einen Stock fühlte sie sich zu sportlich, und die Muschel, mit der sich die Pilger im allgemeinen kenntlich machen, hielt sie für lächerlich und entbehrlich. Obwohl sie hoffte, dass der bewusste Weg recht gut ausgeschildert war, beschloss sie, auf jeden Fall eine Karte dabei zu haben, und sie musste auch überlegen, wieviel Tage sie sich genehmigen und welches vorläufige Ziel sie sich setzen wollte.
Die Hälfte einer fast schlaflosen Nacht verbrachte Angelika damit, sich alle Einzelheiten ihrer Wanderung auszumalen, um eventuellen Hindernissen oder sonstigen unglücklichen Ereignissen vorzubeugen. Leider hatte sie sich selbst noch nie getestet und wusste nicht, wieviel sie wie lange auf ihrem Rücken tragen konnte, ja, welche Fußmärsche ihr überhaupt zuträglich sein mochten. Schließlich entschied sie sich dafür, zunächst nur wenige Tage zu pilgern, von ihrer Wohnung in Zwickau bis nach Hof. Auf diese Weise würde sie nicht einmal lange an ihrer Arbeitsstelle ausfallen und konnte die wenigen dazu notwendigen Urlaubstage leicht bekommen. Und übernehmen würde sie sich auf einer so kurzen Strecke bestimmt nicht, auch nicht mit einer Traglast von etwa zehn Kilo. Nur ihre jeweiligen Nachtlager konnte sie nicht vorausberechnen und wusste auch nicht, wie die entsprechenden Quartiergeber sie behandeln würden, wenn sie ihnen ohne die leidige Gesichtsmaske gegenübertrat. Ihre jüngsten Erfahrungen mit einigen Entscheidungsträgern der Kirche ließen in dieser Hinsicht nur wenig Raum für Optimismus zu, doch nach einem Sommer, in dem sie sich nicht einmal eine Urlaubsreise gegönnt hatte, brannte sie darauf, wenigstens ein kleines Abenteuer zu erleben, und das sollte ihr ein solches Risiko durchaus wert sein.
Die Wanderung bis Hof bedeutete dennoch kaum mehr als eine Probe für sie, ein Testeinstieg. Noch hatte sich nichts Wesentliches daran geändert, dass sie eine traditionsbewusste sächsische Lutheranerin war, die weit mehr an das inspirierte Wort Gottes in der Bibel glaubte als an Pilgerwege. Zum einen trieb sie die Neugier, zum anderen wollte sie dem merkwürdigen Hinweis ihres Mannes auf den Grund gehen. Vor zwanzig Jahren hatte sie Conrad bis zum Wahnsinn geliebt, während sie sich jetzt nicht selten dabei ertappte, einen Unbekannten in ihm zu sehen, einen, von dem sie nicht mehr wusste als von ihrem Vorhaben. Was ging in diesem Mann vor nach all den Ehejahren? Was beschäftigte ihn außer seiner täglichen Arbeit und den immer gleichen Aufgaben innerhalb der Familie? Warum hatte er in den letzten Jahren immer weniger von sich erzählt, schon lange nicht mehr alles mit ihr geteilt wie früher? Und – warum hatte sie selbst dabei zugesehen und sich auf die Kinder konzentriert? Die Macht des Einerleis hatte sie voneinander wegdriften lassen, ohne dass es ihnen wirklich bewusst geworden war …
Nicht weniger als ein Wunder wünschte sie sich nun plötzlich von diesem geheimnisvollen Wanderweg. Das tiefgründige Buch von Paulo Coelho zu diesem Thema, das sie kürzlich begeistert gelesen hatte, ohne es zu verstehen, bestärkte sie in dieser Hoffnung. Dabei hätte sie nicht einmal sagen können, wie ein solches Wunder im einzelnen aussehen sollte. Wenn sie indessen alle Herausforderungen leicht meisterte und ihr die Sache gefiel, wollte sie sich ein Jahr später eine lange Auszeit nehmen, um den weltberühmten Camino von Saint-Jean-Pied-de-Port bis zur Kathedrale von Santiago zurückzulegen, vielleicht sogar bis zur Atlantikküste.
Der Folgetag war ein Samstag, an dem Conrad schon am Mittag nach Hause kam. Da sie fast zur selben Zeit ihren Einsatz in der Postfiliale als beendet betrachten konnte, saßen sie sich beide am Mittagstisch schräg gegenüber, während Leandra, die nichts essen wollte, die Abgeschiedenheit ihres Zimmers bevorzugte.
„Ich tu’s“, sagte Angelika unvermittelt zu ihrem Mann, indem ihre Augen aufleuchteten, „ich gehe pilgern.“
Conrad nickte nur, und es sah aus, als habe er nichts anderes erwartet.
„Du fragst nicht einmal, wann“, sagte sie daraufhin vorwurfsvoll, „ist es dir denn schon so gleichgültig, ob ich zu Hause bin oder nicht?“
„Vielleicht, weil ich selber dir zugeredet habe“, erwiderte er, immer noch ziemlich unbewegt. „Du hast es beschlossen, und du wirst es tun.“
Sein Benehmen bestätigte ihre Angst, dass er sich von ihr entfernt hatte. Damit aber wollte sie sich gerade jetzt nicht aufhalten.
„Ich bekomme erst in ein paar Tagen frei“, erklärte sie mit einem resignierten Seufzer. „Will erst mal nur bis Hof gehen. Am nächsten Wochenende bin ich soweit, denke ich. Zehn Tage Urlaub habe ich gerade noch gut, und fünf davon will ich nehmen, weil ich keine Ahnung habe, wie lange ich für diese Strecke brauche.“
„Meinen Segen hast du.“ Conrad verzog seinen Mund ein wenig, sodass es aussah, als ob er lächelte. „Wir werden schon zurechtkommen, Leandra und ich.“
Und so kam es, dass Angelika Solfidner am frühen Morgen des siebenundzwanzigsten Septembers, einem Sonntag, in ihren ausgetretenen Winterschuhen und mit einem Rucksack bepackt ihre Wohnung verließ, um auf einer ungewissen Wanderung Gott selbst oder wenigstens einem seiner Wunder zu begegnen.
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