DER GARTEN DER FREUNDSCHAFT
Wie ein roter Faden zieht sich die Geschichte einer innigen Freundschaft zweier Frauen durch dieses Buch.
Darin eingebettet sind Erzählungen über Menschen in besonderen Lebenslagen und in extremen Situationen. Es sind Geschichten über menschliche Größe oder Schwäche.
Maria Volkermann berichtet von historischen Ereignissen und ihrem Bezug dazu. Sie bricht eine Lanze für das Pflegepersonal und plädiert für ein offenes Miteinander aller Menschen.
Heitere Begebenheiten und tragisches Geschick wechseln sich ab. Was kann im Leben nicht alles passieren?
Johann Wolfgang von Goethe
Der 60. Geburtstag
Ingrid ging über die leere Scheunendeele*. Es war 6 Uhr in der Frühe und sie konnte nicht schlafen. Sie hatte es versucht, sich vor zwei Stunden hingelegt, nachdem alle Gläser abgeräumt und die Reste des Büfetts im Kühlschrank verstaut waren. Konrad und ihre Tochter hatten ihr geholfen, die schliefen jetzt fest, aber Ingrid fand keine Ruhe, zuviel ging ihr im Kopf herum. Nun stand sie allein auf der verlassenen Deele.
Sie ging langsam von Tisch zu Tisch, erfüllt von Gedanken an ihre Gäste, die hier so fröhlich mit ihr gefeiert hatten. Ein herrliches Fest lag hinter ihr. Alle waren gekommen, um ihr zum 60. Geburtstag zu gratulieren, sich mit ihr über den neuen Lebensabschnitt zu freuen, denn sie trat in die passive Phase der Altersteilzeit ein. Sie durfte jetzt endlich zuhause bleiben und all die Dinge tun, die sie schon immer machen wollte. Vorgestern war ihr letzter Arbeitstag gewesen! Sie war mit Wünschen für ihr Glück und ihre Gesundheit umarmt worden. Ja, Gesundheit. Niemand nahm Notiz von ihrer bedrückten Stimmung.
Ingrid trat an den Tisch, wo die Kolleginnen gesessen hatten. Die mussten nun ohne sie zurechtkommen. Ihre Tätigkeit auf der Diabetes-Station lag jetzt in anderen Händen.
Ingrid hatte ihre Arbeit immer mit großem Engagement und Verantwortungsgefühl für die Patienten verrichtet. Als Diabetes-Beraterin war sie verantwortlich für die Schulung der Zuckerkranken gewesen, sie gab Ernährungstipps, ging mit ihnen einkaufen, erklärte den richtigen Umgang mit Spritzen und Blutzuckermessgeräten. Sie überwachte die Blutzuckerwerte und kam selbst mit schwierigsten Patienten klar. Über die Jahre nahm sie ständig an Weiterbildungsmaßnahmen teil und galt als kompetent und zuverlässig. Auf der Station würde sie eine Lücke hinterlassen. Das Kollegium hatte Ingrid zum Abschied ein Bild geschenkt, ein großes schönes Foto, auf dem alle Mitarbeiter der Station fröhlich in die Kamera lächeln. Zur Erinnerung! Wie lange würde man noch an sie denken? Wäre in der Hektik des Klinikalltags Zeit für einen Moment des Erinnerns: Ach, schade, dass Ingrid nicht mehr bei uns ist! Sie machte sich hierüber keine Illusionen, aus den Augen aus dem Sinn, jeder Mensch ist zu ersetzen. Oder etwa nicht?
Auf der Deele hing noch kalter Zigarettenrauch in der Luft. Ingrid öffnete die Deelentür, frische Morgenluft strömte herein und sie fröstelte, es war erst Mitte Mai und die Nächte noch kühl, darum zog sie den Reißverschluss ihrer Jogging-Jacke zu. Vor der Tür stand der Bierwagen, nun verwaist und nutzlos. Vor Stunden hatten sich dort die Gäste gedrängt, sich Getränke bestellt und gut gelaunt unterhalten. Nun standen nur noch einige Biergläser mit verschalten Pfützen auf dem Tresen, von den letzten Gästen dort abgestellt.
Ingrid machte sich daran, die Blumengestecke von den Tischen abzuräumen. Schade, dachte sie, viel zu schade zum Wegwerfen. Aber sie musste es tun. Der Blumenschmuck war flieder- und champagnerfarben, wie sie es sich gewünscht hatte.
Ihre Freundin Maria hatte die Dekoration aus Schneeballblüten, Strandflieder und Funkien gebunden. Maria arbeitet
gerne mit Blumen und Pflanzen und hat sich auch sofort angeboten, beim Schmücken zu helfen. Ingrid war ihr dankbar dafür. Dankbar war sie auch ihrem Mann Konrad. Er hatte keine
Kosten und Mühen gescheut, um seiner Frau ein schönes Geburtstagsfest zu bereiten. Die Scheunendeele war gereinigt, ge-
weißelt und mit frisch geschlagenen Birkenzweigen geschmückt,
Tische, Stühle und Bänke vom Heuboden heruntergeschleppt, der Bierwagen abgeholt und ein Alleinunterhalter engagiert wor-
den.
Als absolutes Highlight, als Überraschung für Ingrid und die Gäste, hatte Konrad in der Nacht ein großes Höhenfeuerwerk abbrennen lassen. Es war wunderschön stimmungsvoll gewesen und hatte die neunzig Gäste tief beeindruckt.
Sie schauten in den Dortmunder Nachthimmel und staunten über die vielfarbigen Lichter und Sterne, die sich wie Fontänen über die Hofgebäude ergossen. Wie an Neujahr, dachte Ingrid, richtig feierlich, etwas ganz Besonderes. Sie wischte sich mit dem linken Ärmel ihrer Jacke über die Augen. Ihr Mann hatte sich den ganzen Abend tapfer geschlagen, niemand konnte ihm etwas angemerkt haben. Unermüdlich waren Konrad und sie auf der Tanzfläche gewesen. Sie wusste, dass seine Fröhlichkeit nur zur Schau gestellt war, denn in seinen Augen hatte sie die tiefen Sorgen erkannt. Sie kannte ihn gut.
Nachher mussten sie es den Kindern sagen!
Ingrid zog sich einen Stuhl zum Geschenktisch heran. Sie begann, die Geschenke auszupacken, Briefumschläge zu öffnen und die Karten zu lesen. So viele fröhliche und liebevolle Sätze waren geschrieben worden. Ingrid nahm sie alle in sich auf. Den Blumenstrauß von Konrad würde sie mitnehmen, entschloss sie sich. Wie so oft in den letzten Tagen strich sie über ihre rechte Wange, über die Schwellung, die anscheinend niemandem aufgefallen war. Die Geldgeschenke waren für die An-
schaffung ihres neuen E-Bikes gedacht, das schon einsatzbereit an der Mauer lehnte. Jemand hatte eine Blumengirlande um den Lenker geschlungen. Vorläufig werde ich es wohl nicht benutzen können, dachte seine Besitzerin. Werde ich es überhaupt noch mal fahren? Natürlich! Sie scheuchte ihre dunklen Gedanken beiseite. In vier Monaten würde das Enkelkind geboren werden, ihr zweites, aber das erste auf dem Hof. Ingrid freute sich so sehr darauf. Es wurde ein Junge erwartet und sie möchte ihn aufwachsen sehen. Von ihrer kleinen Enkeltochter hatte sie viel zu wenig. Sie lebte bei ihrer Mutter in Süddeutschland und kam selten zu Besuch. Aber gestern war die kleine Anna dabei gewesen, den ganzen Tag und die halbe Nacht, bis zum großen Feuerwerk, das sie mit Begeisterung verfolgt hatte. Auch der Zauberer war für Anna und die anderen Kinder eine faszinierende Überraschung gewesen. Mit großen Augen beobachteten die kleinen Gäste die Tricks und Fingerfertigkeiten des bunt kostümierten Clowns. Er fabrizierte aus bunten Luftballons zahlreiche Figuren und Tiere und verschenkte sie dann an die Kinder. Da hatten die kleinen Gäste gestaunt und gelacht, eine Feier ganz nach ihrem Geschmack.
Die Rede ihres Schwagers war zu Herzen gegangen: „Ich danke euch beiden, dir und Konrad, für die Unterstützung und
Anteilnahme, als ich an einem Tiefpunkt war und es mir sehr schlecht ging. Ich danke euch für die Beharrlichkeit und Treue, mit der ihr mich immer wieder aufgesucht und ermuntert habt, mein Leben zu leben.”
Ingrid ging in die Küche, um Kaffee zu kochen, bald würde ihr Sohn aufstehen, um die Schweine zu füttern. Vielleicht steckte er ja seinen Kopf durch die Tür, vom Kaffeeduft angelockt. Zum Mittagessen würde auch ihre Tochter dabei sein, dann wollte sie mit allen reden. Sie musste es jetzt offenbaren, dass sie am Nachmittag ins Krankenhaus gehen und einen Tag später operiert werden würde. Alle Voruntersuchungen waren schon in den Tagen vor dem Fest absolviert worden. Die Ärzte hatten es dringlich gemacht, sie wollten schon in der vergangenen Woche operieren, aber Ingrid hatte darauf bestanden, es war ihr wichtig gewesen: Sie wollte vorher ihren Geburtstag feiern und es sollte ein schönes Fest werden.
Nachdem sie sich am Nachmittag in dem Krankenzimmer der Tumorklinik eingerichtet hatte, setzte sie sich aufs Bett und rief ihre Freundin Maria an, um sie in Kenntnis zu setzen: „Hallo Maria, hier ist Ingrid, ich bin im Krankenhaus und werde morgen operiert.“
„Was ist passiert“, fragte ihre Freundin besorgt, „hattest du auf der Fete noch einen Unfall?”
„Nein, ich habe einen Tumor in der Mundhöhle, und der wird morgen operiert. Es wird ein größerer Eingriff werden. Sie werden mir Haut verpflanzen und ich weiß nicht, ob ich danach gut sprechen kann. Außerdem müssen noch Lymphdrüsen im Halsbereich entfernt werden.“
Ingrid spürte, dass es Maria die Sprache verschlug, doch dann fing die Freundin sich und sagte mit belegter Stimme: „Das ist ja furchtbar, wie hast du das nur auf deiner Feier verheimlichen können? Ich werde keine ruhige Minute haben, bis du alles überstanden hast. Ich komme dich besuchen, sobald du einigermaßen wach bist, und jetzt würde ich dich so gerne in die Arme nehmen.”
Nach diesem Gespräch legte sich Ingrid auf die Seite und schaute auf den Blumenstrauß, den sie sich mitgebracht hatte. Die Angst kroch hoch, machte sich breit, ließ sie frieren. Nein! Sie würde sich nicht unterkriegen lassen! Sie musste da nun durch, ohne Wenn und Aber, es gab keinen anderen Weg!
Es war der 13. Mai und Muttertag, und sie wollte es schaffen!
Meine Bekanntschaft mit Ingrid
Ich hatte es mir an diesem sonnigen Mai-Sonntag mit einem Buch auf der Terrasse gemütlich gemacht. Von meinem Sitzplatz aus beobachtete ich die fleißigen Meiseneltern, die unermüdlich ihre Brut in dem Nistkasten fütterten, den ich im Frühjahr aufgehängt hatte. Das flehentliche Piepsen der Jungen lenkte mich immer wieder von meiner Lektüre ab. Bis vor kurzem saß auch mein Mann Wilm hier draußen bei mir. Wir tranken einen Kaffee und unterhielten uns über die grandiose Geburtstagsparty meiner Freundin Ingrid, auf der wir gestern Abend anlässlich ihres 60. Geburtstags fröhlich mitgefeiert hatten.
Zugleich war sie in die passive Phase ihrer Altersteilzeit gegangen. Ein doppelter Grund, um fröhlich zu sein. Aber Ingrids Fröhlichkeit war gestern eher verhalten gewesen, was mich nicht besonders stutzig gemacht hatte, denn sie hatte ein ruhiges, besonnenes Naturell. Sie neigte nicht zu überschäumenden Gefühlsregungen, so wie ich.
Mein Handy klingelte und ich erkannte Ingrids Nummer auf dem Display.
„Das war ja eine tolle Fete, bist du auch zufrieden?”, begrüßte ich sie.
Meine Freundin klang reserviert, was nicht so recht zu dem Satz passte, den sie sagte: „Ja, meine Feier war wunderbar, alle Gäste werden sich bestimmt lange daran erinnern und ich mich auch.”
Und dann erzählte sie mir, was ihr bevorstand. Schon morgen würde sie an einem bösartigen Tumor in der Mundhöhle operiert werden, ein größerer Eingriff mit Hautverpflanzung und Lymphdrüsenentfernung. Die Voruntersuchungen hatte
sie in der Woche vor ihrem Geburtstag absolviert, aber die Operation sollte erst nach der Feier durchgeführt werden, darauf hatte Ingrid bestanden.
„Maria, wahrscheinlich werde ich danach nicht gut sprechen können, die Ärzte wissen nicht genau, wie tief der Tumor sitzt. Ich schicke dir eine SMS, wenn ich es überstanden habe”, sagte meine Freundin gefasst. Bei dem Gespräch hatte es in meinem Kopf zu brausen begonnen, Angst machte sich breit und Verzweiflung. Bevor wir unser Telefonat beendeten, versprach ich ihr, sie sobald wie möglich zu besuchen. Ich vergaß sogar, ihr alles Gute zu wünschen.
Wilm fand mich laut weinend auf der Terrasse vor. Er konnte mich nicht beruhigen, denn ich hatte eine vage Ahnung von dem, was Ingrid bevorstand. Als Pflegefachkraft hatte ich schon zu viel erlebt.
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