DAS LABYRINTH DER RASENDEN ZEIT
Aus einem merkwürdigen Gefängnis auf einer Nordmeerinsel ist ein Entkommen angeblich leicht möglich, wenn man ein unter anderem mit Tarot-Symbolen codiertes Labyrinth durchquert. Doch man muss es in sehr kurzer Zeit schaffen, es hinter sich zu lassen, sonst setzt ein extrem beschleunigter Alterungsprozess ein. Handelt es sich dabei um ein hochgeheimes Experiment mit Raum und Zeit, oder sind diejenigen, die sich darauf einlassen, nur Opfer geschickter Manipulation? Warum drohen dem, der darüber zu berichten versucht, Tod oder erneute Gefangenschaft?
Mit dem Labyrinth der rasenden Zeit taucht der Leser in eine spannend-mysteriöse Geschichte ein, deren Bogen sich vom Thema Totalüberwachung bis hin zum persönlichen Wachstum des Einzelnen erstreckt, und wer bereits einige Romane Buchwalds gelesen hat, ahnt, dass auch dieses Werk ihn von der ersten bis zur letzten Seite fesseln wird.
ISBN 978-3-949143-16-8, 424 S.
Selbst heute kann ich noch kaum begreifen, wie ich das habe schaffen können. Wahrscheinlich war ich der Zweite oder sogar der Dritte, aber die drinnen wissen gar nichts davon und vermuten bestimmt, dass ich draufgegangen bin. Alle anderen, die es versucht haben, sind in ihre Zellen zurückgekehrt. Man würde sie prügeln müssen, bevor sie sich noch einmal darauf einlassen. Denn unter den Häftlingen ist der Weg nach draußen nur ein Gerücht, obwohl man sie an jedem einzelnen Tag mit der Behauptung vollpredigt, es gebe einen.
Selbstverständlich handelt es sich um einen Knast mit allerhöchster Geheimhaltungsstufe. Nicht mal jetzt könnte ich auf der Karte die Koordinaten zeigen. Er ist fast das ganze Jahr über von Eis und Schnee umgeben, und das ist von oben wie von der Seite ein Anblick, der immer und überall gleich ist. Die Eingeborenen, die damit aufgewachsen sind – falls es dort überhaupt welche gibt –, mögen anders darüber denken, aber einem wie mir ist eine tiefere Einsicht in die Elemente nicht gegeben.
Eigentlich möchte ich von nichts anderem erzählen als dieser Flucht. Dazu muss ich mit dem Gefängnis selber anfangen, denn das war bereits eine Offenbarung für sich, im Bösen wie im Guten. Wobei der Unterschied ziemlich stark verschwamm.
Die Stelle, die man auf einer Landkarte tatsächlich bezeichnen kann, ist der Nordmeerarchipel Sewernaja Semlja, der zu Russland gehört. Er besteht aus ungefähr dreißig unterschiedlich großen Inseln und auf einer von ihnen befindet sich die bewusste Einrichtung, selbstverständlich vom Geheimdienst unserer unbesiegbaren Nation initiiert und ausgedacht. Mit Billigung und Wissen der russischen Kollegen.
Warum ich dorthin gekommen bin, tut wenig zur Sache. Sagen wir, ich bin Mitwisser in ein paar Geschichten gewesen, die mit dem berühmten Skull & Bones Club1* zu tun haben, und bei einigen von diesen Brüdern in Ungnade gefallen. Wahrscheinlich musste ich froh sein, dass sie mich nicht umgelegt hatten. Ich schätze, sie lassen so manchen am Leben, weil sie ihn noch für irgendwelche hinterfotzigen Aktionen einsetzen möchten oder als Köder brauchen.
Nun hatte ich schon viel von unseren Gefängnissen gehört oder gelesen, aber noch keines hautnah erlebt. Wenn ich jedoch Vorkenntnisse gehabt hätte, wäre mir das in diesem Fall eher hinderlich gewesen als zupass gekommen. Denn das System, in das ich geraten war, erwies sich nicht, wie gewöhnlich, als eine Erfindung des Teufels, sondern eher als die eines ausgeklügelten Genies in Spiellaune. Es überforderte die Knallharten völlig, weil herkömmliche Überlebenstaktiken, Kraft oder Geschicklichkeit sich nicht nur als sinnlos, sondern auch vollkommen unnötig herausstellten. Diejenigen, die diesen verrückten Knast erschaffen hatten, gingen wahrscheinlich davon aus, dass die Sorte Mensch, die allgemein hinter derartigen Mauern festgehalten wird, absolut unfähig ist, durch eine offene Tür zu gehen.
Dazu kommt das Isoliertsein. Du kannst keinem der Bewacher trauen – das ist sozusagen ewiges Knastgesetz –, aber du darfst auch keinem deiner Mitgefangenen trauen. Wenn du dich mit einem von ihnen zusammentust, um ihm einen Handel oder etwas in der Art vorzuschlagen, musst du sicher sein, dass du seinen Interessen entgegenkommst, sonst kannst du es vergessen. Hinter Gefängnismauern tut niemand etwas aus reiner Menschenliebe.
Also, man stelle sich vor: Sewernaja Semlja, die „nördliche Erde“, wie mir das jemand übersetzte. Eis und Schnee.Wenn es zuweilen ein wenig wärmer wird, Wasser, eiskaltes Wasser. Nach Süden zum Festland ist es so weit, dass du ohne Hilfe niemals durchkämst. Du brauchst andere Menschen und zumindest noch ein Boot, vom nötigen Proviant einmal abgesehen. Das Festland ist aber nichts als Tundra und meistens ebenso vollständig tiefgefroren wie die Inseln. Es mag Abenteuerromane geben, die so tun, als käme einer unter Extremstrapazen durch, aber ich fürchte, selbst der stärkste Mann gibt spätestens an dieser Stelle sein Leben her. Und da habe ich die Tiere, Bären beispielsweise, noch nicht mal in Betracht gezogen.
Bis heute weiß ich nicht, ob es Siedlungen auf den Inseln gibt. Keiner von uns hatte da eine Ahnung. Unsere Bewacher behaupteten natürlich, man könne im Höchstfall auf Zelte von nomadisierenden Eingeborenen treffen, also Menschen, die von wer weiß was lebten. Darin mochte immerhin eine schwache Hoffnung liegen, denn Naturkinder verstanden es nur zu gut, die Bedingungen der Eiswüste zu nutzen. Andererseits versicherte man uns, dass es mit den Nomaden Abmachungen gäbe. Die brächten jeden zurück, den sie fänden.
Das Gefängnis selbst bestand aus einer Art Bunker, war also unterirdisch, jedenfalls zum größten Teil. Von dem Trakt aus, in dem die Häftlinge untergebracht waren, gelangte keine Maus an die Sonne. Über Monate und Jahre saßen die Männer sozusagen in künstlichem Licht. Bei einigen führte das zum Kollaps ihres Verstandes, bei anderen nur zu Blindheit. Trotzdem passten sich viele recht gut an und zu denen gehörte auch ich.
In den Zellen war man meistens zu zweit. Die gelegentlichen Fälle, bei denen nur einer übrigblieb, weil er seinen Mithäftling umgebracht hatte, wurden billigend in Kauf genommen. Für die Außenwelt galten wir ohnehin als verschollen und waren vermutlich auf ewig abgeschrieben.
Das echt Makabre an der Sache war – und ich glaube nicht, dass es auf diesem Planeten etwas Vergleichbares gibt – die offene Tür. Wenn ich das sage, meine ich es auch so. Täglich war sie weit geöffnet, nächtlich, immer. Nicht die Zellentüren meine ich damit, sondern die Chance, jederzeit wegzukommen, die Freiheit zu erringen, im Grunde genommen beinahe problemlos. Beinahe.
An jedem Morgen – es war uns völlig gleichgültig, welche Tageszeit es war und wir konnten es auch nicht kontrollieren, aber ich nenne es mal so – wurden wir zu einer Art Appell zusammengetrommelt und traten in mehreren Reihen an. Dann hielt uns einer eine Rede, immer derselbe Mann. James nannte er sich, schlicht und einfach James. Am Anfang habe ich darüber gelacht, aber bald war mir kaum noch bewusst, dass er sich ständig neu vorstellte. Er erklärte uns in dürren Worten, dass wir entweder bis zu unserem Tod in diesem Gefängnis bleiben müssten oder aber weggehen könnten, wenn wir denn wollten. Jederzeit dürften wir das tun; wir bräuchten nur ein Dokument zu unterschreiben und seien gewissermaßen frei. Wenn wir es schafften, durch das Labyrinth zu gelangen.
Als ich James zum ersten Mal reden hörte, dachte ich, er sei völlig übergeschnappt. Nachdem ich registriert hatte, dass er bei jedem Appell den gleichen Text abspulte, gewöhnte ich mich indessen daran. Wenn er nicht zu uns sprach, saß er hinter Glas an einem Bürotisch und wartete auf den nächsten Idioten, der sich bereit erklärte, den Weg durch das Labyrinth anzutreten.
Noch heute kann ich die gesamte Ansprache wiederholen, so stark haben sich die Worte in mein Gedächtnis gebrannt. Um zu beschreiben, was es mit diesem Labyrinth auf sich hatte, will ich sie an dieser Stelle wiedergeben.
„Ihr könnt jederzeit nach Hause gehen“, beschwor uns James. „Es ist nicht so schwer wie ihr denkt. Die Tür liegt offen vor euch, da drüben ist sie. Nur durch das Labyrinth müsst ihr kommen. Keine Angst, da lauert euch niemand auf. Es ist nur ein wissenschaftliches Experiment mit Raum und Zeit und dem menschlichen Verhalten. Sogar Wegweiser gibt es. Trotzdem kann man in die Irre gehen. Wenn ihr clever seid, findet ihr den Weg in die Freiheit, so oder so. Am Ausgang des Labyrinths wartet ein Hubschrauber, der euch zu einem Schiff bringt und somit zurück in die bewohnte Welt. Das ist keine Falle. Wir halten unser Wort. Solltet ihr euch jedoch innerhalb des Labyrinths eine Weile aufhalten wollen, bedenkt, dass in diesem Bereich jeder Tag wie ein Jahr ist und euer Körper darauf reagiert. Wenn ihr also eine Woche darin bleibt, altert ihr um sieben Jahre. Das ist der Preis und wir meinen, er ist nicht zu hoch für einen, der wahrhaft frei sein will.“
Ich glaube, kaum einer von denen, die diese Sätze Tag für Tag vernommen haben, kann sie je wieder vergessen. Wir fühlten uns furchtbar von diesem James verhöhnt, mussten aber zugeben, dass sie ein verlockendes Rätsel enthielten.
Ungefähr ein ganzes Jahr hatte ich in diesem Gefängnis zugebracht, bis ich das Wagnis einging. Nun mag einer behaupten, dass es kaum besonderen Muts bedurfte, zumal es anscheinend so gewaltige Chancen des Gelingens in sich barg. Doch man mag es glauben oder nicht: Nur sehr, sehr wenige entschlossen sich dazu.
Erst vermochte ich es nicht zu fassen, aber bald wurde mir klar, dass dieses sogenannte Labyrinth tatsächlich gewisse Schrecken enthielt. Bevor ich deshalb mein Wegabenteuer beschreibe, muss ich erst mal berichten, was Stück für Stück dazu führte, dass ich mich dazu entschloss, es einzugehen.
Nach dem zweiten Monat meines Aufenthalts starb ein Mann, von dem alle wussten, dass er den Versuch gemacht hatte, obwohl dieses Ereignis schon zwei Jahre zurücklag. Tall Jimmie nannten sie ihn und es hieß, er habe sich drei Wochen lang in dem geheimnisvollen Irrgarten aufgehalten. Während dieser Zeit hatten sich alle gefragt, ob er vielleicht in die Freiheit gelangte oder nur innerhalb der verschlungenen Gänge irgendwie zu Tode kam. Und so manchem erschienen diese Vermutungen bereits ziemlich schreckenerregend.
Im Alter von vierundvierzig Jahren hatte Tall Jimmie seine Zelle verlassen, robust, bärenstark und einigermaßen gewalttätig. Dann war er zurückgekehrt. Seine Haut hatte schlaff und faltig ausgesehen, sein Haar war grausträhnig geworden und seine Hände hatten gezittert.
Am Ende war es wohl der Krebs gewesen, der ihm den Rest gab.
Einigen von uns hatte er jedoch noch kurz vor dem Tod seine Erlebnisse berichtet. Unter denen, die ihm damals voller Spannung zuhörten, war auch ich gewesen.
„Es ist die absolute Täuschung“, beschrieb Tall Jimmie in verzweifeltem Ton. „Das Schlimme ist gerade, dass dir nichts Schlimmes geschieht, nichts Weltbewegendes. Es gibt keine Ungeheuer da und keine Messer, die aus dem Nichts auftauchen und sich in dein Herz bohren. Die Sache könnte kinderleicht sein, aber wer das denkt, ist ihr schon auf den Leim gegangen. Du suchst den Ausgang, und solange du suchst, findest du nicht.“
Nur die Umsitzenden konnten vernehmen, was er sagte, denn das Fließband, an dem wir irgendwelchen Krimskrams zusammenbasteln mussten, lief nicht gerade geräuscharm. Im Grunde bildete es eine der wenigen Gelegenheiten, mit Gefangenen zu sprechen, die nicht unmittelbare Zellennachbarn waren.
„Was ist das bloß für ein himmelschreiender Blödsinn!“, regte sich Buster auf, ein fetter, halsloser Kerl, der allzu gern Tritte und Hiebe verteilte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. „,Solange du suchst, findest du nicht!‘ Natürlich musst du suchen, um zu finden! Kein Wunder, dass du bloß noch ein Wrack bist, ein einziger Haufen Scheiße!“
„Du kannst dir immer aussuchen, wo du lang gehst.“ Tall Jimmie gab sich redliche Mühe, die Sache verständlicher zu machen. „Es stehen Hinweise überall, aber wenn du nicht weißt, wie du die richtigen von den falschen unterscheidest, rennst du bloß im Kreis. Nicht mal Proviant brauchst du, du findest überall was. Aber du verlierst Minuten und Stunden und Tage. Und wenn du die Schnauze voll hast, merkst du, dass du bis zum Tod durch die Gänge irren kannst, dann ziehst du es von alleine vor zurückzukehren. Ob ihr es nun glaubt oder nicht: zurück geht es innerhalb von Sekunden. Auf einmal stehst du vor einem Weg und folgst einem Pfeil und schon bist du wieder hier, machst die Tür zum Speiseraum auf und sie geben dir was zu essen. Nur dass dieser James kotzdämlich und triumphierend grinst! Eines Tages bringe ich ihn um dafür!“
Der Ärmste hatte beileibe nicht mehr die Kraft besessen, irgendjemanden umzubringen. Nur eine Woche später war er hinausgetragen worden.
Dark Mystery2, mein Zellennachbar, der wegen seiner oft zur Schau getragenen Schweigsamkeit so genannt wurde, bewegte eines Tages überraschend die Lippen und setzte mir wie aus heiterem Himmel seine Theorie auseinander.
„Sie belügen uns“, grummelte er böse. „Es ist bloß eine Masche, um uns zu verleiten, da reinzugehen. Wenn wir drin sind und extrem schnell altern, haben sie uns als Problem vom Hals. Sie brauchen uns nicht mehr lange zu ernähren und gar nichts weiter zu tun. Wenn sie nur darauf hoffen, dass wir uns gegenseitig an die Gurgel springen, ist das zwar auch erfolgreich, aber zuwenig. Deswegen haben sie sich dieses Labyrinth ausgedacht. In Wahrheit gibt es überhaupt keinen Ausweg.“
„Na, wenn wir als Versuchskarnickel herhalten sollen, wollen sie auch, dass wir bei den Versuchen mitspielen“, gab ich zu bedenken. „Dafür aber sind es garantiert zu wenige, die auf die Sache einsteigen.
Von zehn Jungs kommen neun als Tattergreise zurück, während niemand weiß, was aus dem zehnten geworden ist. Vielleicht ist er irgendwo im Labyrinth gestorben, aber es könnte auch sein, dass er die Freiheit erreicht hat, woher wollen wir das wissen?“
„Pass auf, Freundchen!“, fauchte mich Dark Mystery an. „Wenn ich ein Loch durch Dauerfrostboden und Eis graben könnte, danach draußen wäre und mich vielleicht durch halb Sibirien kämpfen müsste, um irgendwo wieder mit einem Leben anzufangen, dann hätte ich zwar ein gewaltiges Risiko, doch ich hätte auch noch ein paar Jahre vor mir. Wenn ich mich aber auf diesen Unfug mit dem Labyrinth einlasse, bin ich in ein paar Tagen so alt, dass überhaupt nichts mehr geht. Es ist ein hinterfotziger Trick von diesen Drecksäcken, nichts anderes.“
Dass er recht hatte, lag auf der Hand. Es hieß allgemein, es habe bislang nur einen einzigen Flüchtling gegeben, der nie zurückgekehrt war. Ausnahmslos alle Gefängnisinsassen bekannten sich zu der Ansicht, dieser Mann sei inmitten des Labyrinths verstorben. Wenn die Bewacher einen Leichnam beseitigten, hätten sie es beileibe nicht nötig, darüber auch nur ein Sterbenswörtchen an die Häftlinge verlauten zu lassen.
„Habt ihr jemals gefragt?“, wollte ich wissen.
„Was denn? Um belogen zu werden?“ Buster lachte grölend. „Diese Schweine befragen! Du bist der größte Dummkopf, der mir je vorgekommen ist!“
Mit diesen Worten beugte er sich zur Seite und spuckte verächtlich auf den Boden. Mir aber war fortan klar, dass das Thema Labyrinth mein Leben inmitten dieser Rauhbeine nicht erleichtern würde.
Ich beschloss daher, Schweigen über das Ganze zu bewahren und vor allem nicht mehr an Tall Jimmie zu denken. Doch was ich gehört und gesehen hatte, ließ mich nicht mehr los. Immer heftiger setzten mir meine inneren Bilder zu, bis ich fürchtete, verrückt zu werden, wenn ich nicht herausbekommen könnte, was es mit diesem perversen Labyrinthtrick tatsächlich auf sich hatte. Und als einige der sogenannten „Schweren“ begannen, sich über meine Schweigsamkeit zu ärgern und sie zum Anlass nahmen, mich immer öfter zu schikanieren, geriet ich zusehends in Versuchung, das vielleicht lebensgefährliche Wagnis einzugehen.
Im Grunde hatte ich nichts zu verlieren. Nirgends in der Welt wartete jemand auf mich, dessen war ich sicher. Zu meinen Eltern hatte ich immer nur sporadisch Kontakt gehabt. Mein Bruder lebte irgendwo in Europa und kümmerte sich herzlich wenig um meine Angelegenheiten. Und was die durchaus zahlreichen Frauen betraf, die ich kannte, so war ich selbst immer derjenige gewesen, der keine verbindlichen Beziehungen eingehen wollte.
Ebensowenig hatte ich Geld oder Besitz angehäuft. Es gab einen Anwalt, der die Reste eines kleinen Vermögens überwachte, das ich einmal als das meinige betrachtet hatte, aber jenem Mann traute ich ohnehin nicht. Das einzige, was mich wirklich trieb, war meine Neugier.
Lange Zeit fühlte ich mich hin- und hergerissen. Die boshaften und grobschlächtigen Männer, die mich umgaben, halfen mir letztendlich, eine Entscheidung zu treffen. Täglich sorgten sie dafür, dass mein Leben unter ihnen zunehmend einem Aufenthalt in der Hölle glich. Dark Mystery bedrohte mich gelegentlich mit einem Messer, ritzte aber nur meine Haut und schien mich – zumindest vorläufig – noch nicht töten zu wollen. Was ihn neuerdings zur Weißglut brachte, war mein Schnarchen. Zumindest behauptete er das, obwohl er es monatelang ertragen hatte, ohne sich ein einziges Mal zu beschweren. Einmal ließ er Buster nach der Arbeit mit in unsere Zelle, dann drängte er mich in eine der Ecken. Dort musste ich es ertragen, dass mir der Dicke seinen Schwanz in den Hintern schob und sich abreagierte, noch bevor einem der Bewacher etwas aufgefallen wäre.
Buster blieb nicht der einzige, der mir gegenüber auf diese Weise seine Überlegenheit demonstrierte. Leider war ich vielen von ihnen an Körperkräften nicht gewachsen. Damit ich „benutzbar“ blieb, passten sie indes ebensogut auf, dass ich nicht Opfer von anderen Gewalttaten wurde.
Im Gefängnis existierte sogar eine kleine Bibliothek, obwohl nur wenige ihre Schätze für sich in Anspruch nahmen. An bestimmten Wochentagen durfte man sich Lesestoff aus den Regalen aussuchen und mit in die Zelle nehmen. In der Hoffnung, dass mich Dark Mystery wenigstens ab und zu in Frieden lassen würde, wählte ich mir des öfteren einige Bücher aus, von deren Lektüre ich mir nicht nur Ablenkung, sondern auch neue Impulse versprach.
Und so kam der Tag, an dem der rebellische Geist André Gide mir den entscheidenden Anstoß gab. Ich hatte noch nicht einmal mit dem Lesen begonnen, sondern blätterte mich zerstreut durch eines seiner Bücher, als mein Blick plötzlich von einem bemerkenswerten Satz angezogen wurde: Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern vordringen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen.
Das mochte nicht einmal eine besondere Weisheit sein, sondern allenfalls ein Gemeinplatz. Aber den meisten von uns ist diese Tatsache trotzdem nicht bewusst.
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