DAS BLUT DER RATTE - Erzählungen aus dem Hut
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Unerwartete Begegnungen unserer Helden führen zu ersten deutlichen Hinweisen zu den Hintergründen ihrer Erlebnisse. Sie glauben sogar, unübersehbare Spuren gefunden zu haben, deren Verfolgung sich lohnen würde. Hin- und hergerissen und nachdrücklich von der Entdeckung erschüttert, es nicht nur mit einer einzigen Ratte zu tun zu haben, bleiben sie jedoch vorläufig an ihren Zufluchtsort gebannt und lesen einander wiederum elf haarsträubende Erzählungen vor.
Die dritten Elf:
Highway To Hell
Die Putze
Freiheit
Afrikas unerkannte Engel
Der Spießer
Die Auserwählte
Weg vom Fenster
Kreative Therapie
Der Folterer
Geschenke des Augenblicks
Himmlische Integration
und die Fenster verdunkelt sind,
darfst du nicht glauben, allein zu sein.
Epiktet
Afrikas unerkannte Engel
Da ich selbst nur einige wenige Buchstaben zu Papier bringen kann, muss ich mich darauf verlassen, dass der, der diese Zeilen geschrieben hat, meine Worte so wiedergibt, wie sie gemeint waren. Das ist vermutlich keine leichte Arbeit gewesen. Denn manchmal spreche ich bitter und unempfindlich, so als würde ich schlagen oder spucken, und die Sprache dieses Landes beherrsche ich überdies nur unvollkommen.
Es gibt einen Teil meines Lebens, zu dem mir meine Erinnerung nichts sagt. So kenne ich weder Vater noch Mutter und habe keine blasse Ahnung, wo ich geboren wurde. Selbst mein Alter kann ich nur ungefähr bestimmen, erahnen bestenfalls. Die Bilder meiner Kindheit wurden irgendwann ausgelöscht und sind bis zum heutigen Tag nicht zurückgekehrt.
Deshalb kann ich auch keine Antwort auf die Frage nach meiner Muttersprache geben. Ich habe mehrere Sprachen grob kennengelernt und benutzte sie. Manche kann ich auch nur verstehen, ohne sie selbst zu sprechen.
Mit Portugiesisch ist das beispielsweise so. Anfangs wusste ich das nicht, denn niemand hat mir damals auch nur ansatzweise beigebracht, was Geografie ist. Woher sollte ich also wissen, dass der Ort, an dem ich täglich im Schlammwasser stand, um Diamanten herauszukratzen, nicht übermäßig weit entfernt von der Grenze eines riesigen Gebietes lag, das Angola hieß und in dem man portugiesisch sprach? Erst als ich Fernão kennenlernte, einen alten Mann, dessen Haut nur halb so schwarz war wie die meine, und der diese Sprache gebrauchte, merkte ich, dass ich jedes seiner Worte verstand. Dieser Mensch wurde mein Engel, mein Retter, meine Chance, und ich erzähle diese Geschichte, weil ich möchte, dass sich künftige Generationen an ihn erinnern.
Wäre ich ihm nicht begegnet, hätte ich vielleicht nicht einmal erfahren, dass das von den Leuten um mich her häufig verwendete Wort Kasai eine Provinz des Kongo bezeichnete, eines Landes, das sich noch viel weiter ausdehnte als Angola. Und dass die Sprache, in der wir uns täglich Schimpfworte an den Kopf warfen, den Namen Tshiluba trug. Heute habe ich sie schon wieder teilweise vergessen, aber damals war sie mir geläufig, weil sie alle Leute ringsum und ganz besonders die Einwohner Luebos benutzten.
In Luebo wohnte ich. Wahrscheinlich war ich überzeugt davon, dass das, was ich dort tat, wohnen sei. Tatsächlich schlief ich in einem Bretterverschlag und teilte Essen und Schnaps mit vier anderen Minenarbeitern, die ziemlich wortkarg waren, dafür aber recht gern ihre Fäuste sprechen ließen. Wir nannten Luebo „unsere Stadt“ und es war damals alles, was ich kannte.Heute aber müsste ich bekennen, dass es sich nur um eine Ansammlung von Hütten handelte, die sich scheu und unterwürfig um einige moderne Bürogebäude scharten, in denen die ausländischen Minengesellschaften residierten.
Alles, was vor dieser Zeit lag, habe ich niemals in mein Gedächtnis zurückrufen können. Wenn ich versuche, daran zu denken, höre ich viele Schüsse und Schreie, aber das ist auch alles. Mir fällt dazu rein gar nichts ein, und wem das nicht passt, der braucht meine Geschichte nicht zu lesen. Natürlich habe ich Angst, dass die vergessenen Jahre noch weit schlimmer gewesen waren als die Diamantenmine. Es mag durchaus sein, dass deshalb mein Hirn streikt und mir nichts mitteilen will.
Täglich riss man uns aus dem Schlaf und trieb uns zu einem Transporter, der morgens zu den Schlammlöchern fuhr und uns abends zurück brachte. Die Arbeit, die ich dort ausführen durfte, hielt mich am Leben. Manchmal wundere ich mich darüber, dass ich immer wieder Lust hatte, weiterzumachen. Ich führe das darauf zurück, dass ich so sehr jung war und deshalb ziemlich neugierig. Vielleicht geschah ja irgendwann etwas richtig Schönes, Angenehmes, zumindest Besseres als das tägliche Wühlen im Schlammwasser.
Diesen Traum hatten wahrscheinlich die meisten von uns und einige bezahlten ihn glatt mit dem Leben. Sie versuchten, gefundene Diamanten verschwinden zu lassen, um sie für sich selbst zu behalten, doch die Bewacher passten auf wie die Luchse. Nichts entging ihrer Aufmerksamkeit. Zusätzlich hatten sie ringsum Kameras angebracht, sodass sie selbst die unscheinbarste Bewegung, die einer von uns vollführte, noch Tage später kontrollieren konnten. Manchmal erschossen sie einen auf der Stelle und manchmal begnügten sie sich damit, über ihn herzufallen und ihn zusammenzuschlagen. Oder sie quälten ihn vor unseren Augen. „Zur Warnung“ geschehe das, erklärten sie, wenn sie einem die Hand abgehackt hatten und ihn verstümmelt eine Weile in seinem Blut liegen ließen, mitten im Schlamm. Damit wir wüssten, wie es Dieben erginge.
Erst mit der Zeit bekam ich einen nebelhaften Begriff davon, welchen Wert Diamanten besaßen und weshalb jene Bergbaugesellschaften so gierig waren, sie der Erde und dem Gestein zu entreißen. Wir aber, die diese Arbeit für sie verrichteten, durften dafür nur essen und schlafen und Schnaps saufen. Einige von uns, die sparsam lebten und weniger tranken, gaben ihre Barschaft für billige Weiber aus und besuchten ungefähr einmal wöchentlich einen Puff. So jung wie ich war, als ich in die Diamantenmine kam, hatte ich wohl von diesen Dingen noch keine Ahnung, aber ganz so schwer von Begriff war ich andererseits auch nicht und lernte schnell. Trotz der harten Arbeit wachte ich häufig morgens auf und stöhnte, weil mein Speer so steif und blutgefüllt war, dass ich einiges darum gegeben hätte, ihn in die saftige Möse eines vollbusigen Mädchens zu stoßen. Deshalb begann auch ich bald zu sparen, nur für eine Nacht mit einer der Nutten.
Insgesamt verhielt ich mich meistens ruhig und war bemüht, mich von jedem Streit fernzuhalten. Außerdem wäre ich den meisten dieser Männer nicht gewachsen gewesen. Ganz besonders mied ich den Schnaps. Ich hatte nur zu oft schon beobachtet, wie sie einen zu Tode stachen, wenn sie in Fahrt gerieten und nicht mehr wussten, was sie taten. Meistens ging es um Frauen, aber die Arbeiter misstrauten einander auch, weil jeder vom anderen glaubte, er besitze ein Geheimversteck voller Diamanten. Da ich damals nach meiner Schätzung noch nicht einmal zwanzig war, begriff ich erst allmählich die Einzelheiten und Zusammenhänge des Lebens, das wir führten.
Als ich endlich die Summe beisammen hatte, die ich für ein Mädchen brauchte, betrat ich zum ersten Mal das berüchtigte Haus und geriet an eine, die ihr Handwerk verstand und mir viel Spaß bereitete. Sie war praktisch die erste Frau in meinem Leben und ich hätte zufrieden sein können. Doch ich hatte eine schwere Dummheit begangen.
Statt nur das Geld mit mir zu nehmen, das ich für die Nacht mit ihr benötigte, hatte ich alles eingesteckt, was ich überhaupt besaß. Und als ich den Puff verlassen hatte, merkte ich, dass mein gesamtes kleines Vermögen verschwunden war.
Wutentbrannt kehrte ich zurück und wollte das Weib zur Rede stellen. Da aber trat mir ein Gigant von Mann entgegen und versetzte mir einen solchen Schlag ins Gesicht, dass ich die Besinnung verlor und erst viel später wieder zu mir kam, als ich draußen auf der Straße lag.
Von nun an mied ich das besagte Haus und arbeitete verbissen weiter. Doch ich überlegte öfter und öfter, ob es auf irgendeine Weise möglich sei, die Diamantenmine zu verlassen und trotzdem zu überleben. Wie aber hätte ich das anstellen sollen?
Angenommen, ich ginge einfach weg: wohin hätte ich mich wenden können? Ich wusste damals ja nicht einmal, in welcher Richtung Angola lag. Von anderen Ländern oder dem Rest der Welt hatte ich keinen blassen Schimmer. Lesen und Schreiben konnte ich nicht und die verhasste Sklavenarbeit warf mit Mühe das tägliche Brot ab. Weder wusste ich etwas von Verwandten und Freunden noch hatte mir jemand gesagt, woher ich kam und wieso ich eigentlich in dieser Mine gelandet war. Die Welt außerhalb der Schlammlöcher und Hütten war mir völlig unbekannt. Deshalb konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass eine andere Beschäftigung mit einem höheren Verdienst für mich möglich gewesen wäre. Es sah ganz danach aus, als bliebe mir nur die Wahl zwischen einem langsamen und einem schnellen Tod.
Ein Ausweg schien undenkbar. Als ich nicht mehr wusste, ob ich verzweifeln sollte oder noch hoffen durfte, war ich drauf und dran, nun auch meinerseits mit dem Trinken zu beginnen. Und so begegnete ich Fernão, denn ich traf ihn in der Kneipe, in der sich meine Leidensgefährten gewöhnlich in den Schlaf soffen. Fremde übten meistens eine starke Anziehungskraft auf mich aus und so setzte ich mich zu ihm, sobald ich auf ihn aufmerksam geworden war. Er fragte mich auf Portugiesisch, wie ich hieße, woher ich käme und wieviel Jahre ich bereits in der Mine arbeitete. Ich verstand seine Worte und antwortete auf Tshiluba, dass mich alle Tom nennen würden, weil niemand meinen echten Namen wisse, nicht einmal ich selbst. Und wie alt ich sei, könne ich ebensowenig sagen.
Daraufhin entspann sich ein seltsames Gespräch, welches er stur auf Portugiesisch und ich ebenso halsstarrig auf Tshiluba fortführte. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran und auf Deutsch hätte es etwa so geklungen:
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