DAS BLUT DER RATTE - Erzählungen aus dem Hut
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Die neuen Abenteuer unserer drei Wohnungslosen bringen neue Rätsel und Fragen mit sich. Ihre prekäre Situation bleibt indessen zunächst bestehen. Die elf weiteren Geschichten, die sie im Laufe zweier spannender Tage erschließen, führen ihnen zum einen ihre eigene Wut und Frustration vor Augen, lassen zum anderen aber auch neue Hoffnung in ihren Seelen aufkeimen. Die riesige Ratte bleibt ihnen dabei ebenso treu wie die detektivische Lust an der Suche nach den Hintergründen und Ursachen der beunruhigenden Ereignisse um sie her.
Die zweiten Elf:
Das unerkannte Paradies
Von einem Augenblick zum anderen
Der Zuhälter
Die Begleitdame
Lehrjahre eines Engels
Faustrecht
Die Philosophin
Bruder Hilarion
Was Bildung vermag
Der Enttäuschte
Für gewisse Stunden und darüber hinaus
denn man kann alles deuten.
Hermann Hesse
Gähnend streckte sich Steilmast nach allen Seiten. Das fahle Licht des düsteren Herbstmorgens fiel vom Nebenraum ein und signalisierte ihm, dass er länger geschlafen haben musste als gewöhnlich. Grumpel jedoch schnarchte noch immer, und auch Lamme gab kein Lebenszeichen von sich.
Der Ofen spendete keinerlei Wärme mehr. Vielleicht waren die letzten Glutreste bereits erkaltet. Auf dem Schrank aber hockte regungslos die riesige Ratte. Steilmast blinzelte und hielt seine Blicke ein paar Minuten lang auf sie geheftet, doch sie saß still wie ein Standbild.
Sie wird es sofort bemerkten, wenn ich nach dem Tiegel greife oder dem Hammer, überlegte der Liegende. Wenn ich mich bewege, ist sie alarmiert. Entweder sie verschwindet wie meistens, oder sie springt mich oder einen von uns an. Eines Tages wird sie mit ihrer gesamten Sippschaft kommen, und dann sind wir geliefert.
Ihm schien, als richte das Tier seine Blicke auf ihn. Und obwohl er den Druck seiner übervollen Blase lästig fand, beschloss er, lieber zu warten, bis entweder Lamme oder Grumpel ebenfalls wach sein würden. Außerdem erinnerte er sich daran, dass sie den Hut, aus dem sie die elf Schriftrollen entnommen hatten, um sie zu lesen, zurück in das Loch in der Wand stellen wollten. Wahrscheinlich kam auch die Ratte immer wieder über diesen Weg. Das alte Fallrohr, welches hinter der Öffnung sichtbar wurde, verlief durch einen breiten Schacht, der fast schon einem Menschen genügend Platz bieten könnte. Während all der Wochen, in denen sie hier hausten, war noch keiner von ihnen auf die Idee gekommen, diesen Schacht einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Lamme regte sich und hustete.
„Ach, du Scheiße!“, krächzte er dann. „Da ist das Vieh doch schon wieder!“
Als er aber seinen Schlafsack zurückwarf, um aufzustehen, verschwand die Ratte augenblicklich.
„Sie beobachtet uns nur, wie es scheint“, meinte Steilmast, weiterhin starr zum oberen Rand des Schranks blickend. „Eine Art Stasi vermutlich.“
„Mit einem netten ,Guten Morgen‘ hättest du dir auch keinen abgebrochen“, brummte Lamme, dessen Stimme noch immer wie ein Reibeisen klang.
„Sind wir verheiratet, oder was?“, frotzelte Steilmast. „Mach dich lieber raus und geh schiffen, wenn du sowieso aufstehst! Mir zerreißts gleich den Hydranten, ich will auch!“
„Hättest ja längst gehen können, du stinkend fauler Arsch!“
Lammes Laune war offensichtlich noch der Nacht verpflichtet und einigermaßen erdgebunden. Doch nun hielt er sich nicht länger auf und begab sich auf den Weg zum Klo.
Während Grumpel unausgesetzt weiterschnarchte, pellte sich Steilmast mühevoll aus seinem Schlafsack. Nachdem er sich vollständig aufgerichtet hatte, packte er das Unterteil des Schrankes und rückte diesen so weit zur Seite, dass er die breite Wandöffnung leicht erreichen konnte. Dann nahm er den geheimnisvollen Hut und plazierte ihn wieder genau an die Stelle, wo sie ihn zwei Tage zuvor gefunden hatten. Derjenige, der die Schriftrollen darin aufbewahrt hatte, würde, wenn er danach suchte, nur deren Behältnis finden und müsste sich bemerkbar machen, wenn ihm an den merkwürdigen Geschichten lag. Und wenn gar nichts geschah, wüssten sie, dass all ihre Annahmen und Spekulationen allein ihrer Fantasie entsprangen und Hut wie Inhalt vor langer Zeit an der besagten Stelle vergessen worden waren. In diesem Fall hatte ihr Fund eher gar nichts mit jener Ratte zu tun. Jede mögliche Spur, die sie verfolgen konnten, führte dann nirgendwohin.
Steilmast schob den Schrank wieder zurecht. Danach wurden Lammes Schritte auf dem Gang draußen hörbar und das Klo war für ihn frei.
„Heute organisiere ich was“, erklärte der Ältere, als sich beide trafen. „Biernachschub und diverse Fressalien. Mir kam gerade eine Idee.“
„Werde dich nicht daran hindern“, antwortete Steilmast, während sein Gesicht grässliche Grimassen bildete, weil ihm der Blasendruck immer heftiger zu schaffen machte. „Der Alte kriegt seinen Arsch vor dem Mittag sowieso nicht hoch.“
Lamme grinste verständnisvoll und hielt seinen Kumpel nicht länger auf. Ihm war plötzlich eingefallen, dass auch er einen Bewohner der Riesenstadt und sogar dessen Adresse kannte. Um zu ihm zu gelangen, würde er eine Schwarzfahrt mit dem Bus oder der S-Bahn riskieren müssen. Die Chancen, dass der Mann ihm half, waren denkbar hoch, denn es handelte sich um einen Geistlichen.
Zwar war es hauptsächlich Annalena gewesen, Lammes Frau, die sich treu zur Kirche hielt, doch er hatte sie dazumal oft genug begleitet, sodass er auf Pfarrer Hermelings gutes Gedächtnis und christliche Nächstenliebe hoffen durfte. Die Hürde, die es jetzt zu nehmen galt, war einzig und allein die nicht geringe Entfernung. Der anvisierte Gottesmann wohnte im Nordosten, während sich der Unterschlupf der drei Penner im äußersten Süden Berlins befand.
Als Steilmast vom Klo zurückgekehrt war und in schwer verständlichen Sätzen vor sich hin murmelte, wie er die Ratte endlich stellen und erlegen wollte, sagte Lamme zu ihm:
„Bis heute abend bin ich wieder zurück. Jedenfalls hoffe ich das. Habe eine Idee, aber ich muss ein Stück fahren. Sollte ich am späten Abend noch immer nicht da sein, braucht ihr euch trotzdem nicht ins Hemd machen. Ich schaff’ es schon. Will bloß nicht mit leeren Händen zurück kommen.“
„Hast du einen Plan?“, erkundigte sich Steilmast ungläubig. „Einen besseren als ich?“
„Du hast gestern was besorgt, heute bin ich dran“, erklärte Lamme bestimmt. „Den Alten sollten wir auch bald anspitzen.“
Er fühlte, dass er beweisen musste, was in ihm steckte. Beim letzten Mal, als er sich neuen Proviant hatte erbetteln wollen, war er von dem Jüngeren um Längen geschlagen worden.
„Wenn du meinst“, lenkte dieser nun bereitwillig ein. „Vielleicht ist es auch wirklich das Vernünftigste.“
Steilmast presste seine Lippen zusammen, als er das gesagt hatte. Seine Gefährten brauchten nicht zu wissen, wieviel Geld er noch bei sich trug. Da Lamme sich nun geradezu aufdringlich anbot, war es für den Jüngeren fast schon Gesetz, ihn nicht an der Durchführung seiner Pläne zu hindern.
„Ich geh’ bestimmt auch noch raus, aber mach nur“, meinte er nickend, indem er sich ein Brötchen vom Vortag, das er flüchtig mit Butter bestrichen hatte, zwischen die Zähne schob. „Loni ist zwar ’ne süße Schnecke, aber ich kann sie nicht jeden Tag belästigen.“
Lamme nahm sich nicht die Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Er verteilte zwei Brötchen und eine Dose Bier in seinen Hosen- und Jackentaschen, warf den Zurückbleibenden ein gemurmeltes „Macht euch einen Fetten, Jungs!“ hin und eilte in die feindliche Welt hinaus.
Ein leichter, aber stetiger Nieselregen überzog Straßen und Häuser mit einem grauen Schleier und lastete spürbar auf den Gemütern derer, die ihrer Arbeitsstelle entgegen hasteten oder sich von anderen Zwängen getrieben fühlten. Unwillkürlich knöpfte Lamme seine Jacke bin obenhin zu und kniff die Augen zusammen, während er seinerseits dem nächstbesten S-Bahnhof zueilte.
Da dieser nicht allzu weit entfernt lag, erreichte der unauffällig wirkende Penner – im Gegensatz zu ihm hätte man seinem Gefährten Grumpel dessen Herkunft sofort angesehen – einen dicht mit Wartenden gefüllten Bahnsteig, auf dem im selben Augenblick ein Zug einfuhr. Sobald dieser hielt und die Waggontüren sich öffneten, sprang Lamme, ohne zu zögern, hinein selbstverständlich auch ohne Fahrkarte. Dass er dabei mit zwei Passagieren zusammenstieß, die aussteigen wollten und ihm Flüche nachsandten, nahm er kaum wahr, zumal seine Blicke auf einen freien Sitzplatz geheftet waren, den er sich auf diese Weise leicht sichern konnte.
Obwohl er recht gern bequem saß, war er sich des Risikos, das er damit einging, sehr wohl bewusst. Sollte ein Kontrolleur den Waggon betreten, würde er mindestens zehn Sekunden länger brauchen, um den Ausstieg zu erreichen. Da er auf seinen „Riecher“ vertraute, der ihm die Gefahr schon melden würde, wenn sie sich erst von weitem näherte, war er entschlossen, „Bequemlichkeit zu wagen“.
Nach ihm drängten dermaßen viele Menschen in die Abteile, dass sie fast alle stehen mussten und zumindest ihre Kleidungsstücke aneinander rieben. Lamme musterte sie eingehend, doch sein Bauch signalisierte ihm, dass die Situation sicher und unter den Zugestiegenen keiner war, der ihm gefährlich werden konnte. Bis zur Stadtmitte würde er ungefähr eine halbe Stunde unterwegs sein, um dann noch einmal umzusteigen. Wenn der Wagen bis dahin so dicht gefüllt blieb, würde er einen Kontrolleur – falls ein solcher überhaupt auftauchte – rechtzeitig bemerken, um ihm zu entkommen. Deshalb entspannte er sich ein wenig, tat so, als sähe er aus dem Fenster und nutzte dessen Spiegelwirkung, um verstohlen die ihm gegenüber sitzende junge Frau zu betrachten. Der Mantel, den sie trug, sah dünn aus und war offensichtlich eher für den Sommer geeignet. Sie hatte die oberen beiden Knöpfe geöffnet, sich aber so tief in ihn vergraben, dass es fast aussah, als wolle sie sich verstecken. Ihre pechschwarzen Haare verloren sich unter einem breiten Kragen, und Lamme fragte sich unwillkürlich, wie lang sie wohl sein mochten.
Auf der Gangseite hatten zwei Dunkelhäutige Platz genommen. Derjenige, der dem Penner schräg gegenüber saß, schien fast noch ein Jüngling zu sein. Er wandte sein Gesicht immer wieder der Frau zu und zwinkerte zuweilen aufdringlich, doch sie gab vor zu schlafen. Es war ihr anzumerken, dass sie auf die Gesellschaft dieses Sitznachbarn lieber verzichtet hätte.
Die Bahn fuhr an. Lamme zwängte sich in die Ecke, stellte sich ebenfalls schlafend – schließlich war es noch nicht einmal neun Uhr – und beobachtete weiterhin auf bewährte Art sämtliche Vorgänge. Beinahe hätte er sich vor Schreck durch einen Laut oder eine Bewegung verraten, denn nun geschah etwas, das ihn einige Sekunden lang glauben ließ, sich in einen irrwitzigen Traum verirrt zu haben.
Der braunhäutige Jüngling, dem es nicht gelungen war, die Frau an seiner Seite aus der Reserve zu locken, zog plötzlich den Reißverschluss seines Hosenschlitzes auf, brachte ein erigiertes Glied von eindrucksvoller Länge zum Vorschein und begann ungeniert, an diesem herumzuspielen.
Lamme vernahm undeutlich, wie die Fahrgäste zu raunen begannen und Bemerkungen fallen ließen wie „Was ist das nur für ein Schwein!?“ oder „So ein Drecksgesindel!“
Niemand aber versuchte, den Frechling am Weitermachen zu hindern.
Der andere Dunkelhäutige, der diesem gegenüber und unmittelbar neben dem Penner saß, ließ ein glucksendes Lachen aufsteigen. Die Schwarzhaarige im Mantel hingegen tat beharrlich so, als bemerke sie nichts.
Die Bahn hielt nach kurzer Fahrt wieder und eine satte Menschentraube zwängte sich durch die Tür nach draußen. Auch die beiden Dunkelhäutigen standen auf, um den Wagen zu verlassen. Der schamlose Herausforderer hielt sich nicht damit auf, aus diesem Grund seinen gewaltigen Prügel wieder in der Hose verschwinden zu lassen, sondern benutzte ihn, um einige obszöne Gesten in Richtung der ihn so hartnäckig ignorierenden Frau zu senden, bevor er sich davon machte. Als er endlich verschwunden war, blieb sein Sitzplatz leer, obwohl der Gang sich wieder mit Stehenden gefüllt hatte.
Die Bahn fuhr weiter.
„Dass sie immer noch mehr von diesen Schweinen ins Land lassen!“, beschwerte sich eine ältere, ziemlich dicke Frau. Sie hatte sich auf den Sitz neben Lamme gezwängt und quetschte ihre Worte wütend durch die Zähne, anscheinend in der Hoffnung, der Mann an ihrer Seite oder die Schwarzhaarige schräg gegenüber seien bereit, ein Gespräch mit ihr zu beginnen.
Lamme fühlte sich noch viel zu überrumpelt von dem, was er soeben erlebt hatte und hielt es für besser, zu schweigen. Der Frau erging es vermutlich ähnlich, denn auch sie verriet mit keiner Bewegung, ob sie überhaupt wahrnahm, was um sie her geschah.
„Ist wahrscheinlich eine ungewöhnliche Art, zu flirten“, ließ sich stattdessen ein Mann vernehmen, der im Gang neben dem Sitzplatz der Dicken stand. Dem Aussehen nach mochte er um die Dreißig sein, doch es ließ keine Rückschlüsse zu, ob er studierte oder einer Beschäftigung als Tankwart nachging.
„Sie finden das wohl noch gut, wie?“ Der dritte Fahrgast, der sich an dem Gespräch beteiligte, hatte ebenfalls nur einen Stehplatz, hielt eine Aktenmappe unter dem Arm und trug einen dunklen Anzug samt Krawatte. „Die wachsen so auf, das sage ich Ihnen! Eritrea, schätze ich mal. Muslime! Respekt vor Frauen oder überhaupt vor Anderen ist denen fremd.“
„Und sie lassen immer noch mehr von denen rein“, wiederholte die Dicke beschwörend. „Stellen Sie sich bloß mal vor, was hier los ist, wenn fünfzig solche Kaffern hier in der Bahn sitzen und so anfangen wie der vorhin!“
„Bedenken Sie, was Sie sagen!“, mahnte der Jüngere, der vielleicht doch ein Tankwart war. „Das sind auch Menschen! Sie wissen es eben nicht besser, na und?“
„Sie sind wohl n Linksgrüner, was?“ Der Krawattenträger lachte verächtlich. „Refugees welcome und so. Ich sage Ihnen eins: Ganz gleich, wie viele Bomben da unten fallen – die, die es nötig hätten zu fliehen, haben weder Geld noch eine Chance! Die kommen nicht! Die, die kommen, haben ganz andere Gründe! Aber ganz andere!“
„Ach so?“ Der Jüngere gab sich kampfeslustig. „Welche denn?“
„Fahr hin und gucks dir an, Freundchen!“ Dem Mann mit der Aktenmappe schwoll allmählich die Zornesader, aber die Bahn verlangsamte wiederum ihre Fahrt. „Ich stehe nicht hier, um Ignoranten die Welt zu erklären, und glücklicherweise muss ich hier raus!“
Damit schob er sich in Richtung der Ausstiegstür und verweigerte jegliche Fortsetzung des unerquicklichen Gespräches.
„Wahrscheinlich so ein Blaubrauner“, konnte sich der Tankwart-Typ nicht enthalten, laut zu vermuten. „Der soll bloß sehen, dass er Boden gewinnt!“
„Sie sind mir ja einer !“, empörte sich die Dicke, als die nächste Aus- und Einstiegsprozedur beendet war und der Zug sich erneut in Bewegung setzte. „Was hat Ihnen denn der Mann getan? Den Perversen von vorhin nehmen Sie in Schutz, aber wenn einer bloß seine Meinung sagt, können Sie das nicht vertragen, wie?“
„Ich kann diese Dumpfbacken nicht leiden“, erklärte der Angesprochene schulterzuckend, „das gebe ich offen zu.“
„Was wissen Sie denn über diesen Mann?“, mischte sich da plötzlich und unerwartet die Schwarzhaarige im Mantel ein, als hätte sie endlich entschieden, wieder zum Leben zu erwachen. Sie beugte sich nach vorn und ihre Augen sprühten Funken, während sie fortfuhr: „Solche wie Sie bringen uns ja alle ins Unglück! Da pflanzt sich einer neben mich, versucht mich andauernd zu belästigen und wichst mir am Ende einen vor, das ist für Sie ein ,ungewöhnlicher Flirt‘! Und wenn dann jemand die Dinge beim Namen nennt, fällt Ihnen bloß ,Dumpfbacke‘ ein! Vielleicht weiß er ja nicht wirklich, ob der Wichser nun aus Eritrea kommt oder sonstwoher, aber dass diese Arschlöcher sich einbilden, sie könnten hier jede Frau aufreißen, ist niemandem etwas Neues! – Solche wie Sie aber …“ – mit diesen Worten erhob sie sich mit hochrotem Gesicht von ihrem Platz und pflanzte sich unmittelbar vor dem Tankwart auf – „… kotzen mich tausendmal mehr an!“
Die Umstehenden vergaßen beinahe zu atmen, so gespannt waren sie auf den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung. Lamme schätzte, dass sie auf eine schallende Ohrfeige hofften, und er staunte selbst, wie schnell die Schwarzhaarige aus ihrer Erstarrung erwacht war.
Da der Gegenstand ihrer Ärgers jedoch – sichtlich erschrocken – nunmehr schwieg, geschah nichts weiter, als dass sie sich an ihm vorbeimanövrierte und neben der Tür aufstellte, um an der Folgestation auszusteigen.
Auch Lamme konnte sich nun nicht mehr lange aufhalten. Bald würde er umsteigen müssen, und er empfand es als lästig, dass die Dicke neben ihm noch immer keine Ruhe gab und es für wichtig hielt, auch seine Meinung auszukundschaften.
„Bravo!“, konstatierte sie voller Genugtuung, indem sie ihn leicht anstieß. „Bravo! Die hats ihm aber gegeben, was?“
Dass der Tankwart-Typ nur einen halben Meter schräg hinter ihr stand und jedes ihrer Worte leicht mithörte, kümmerte sie offenbar wenig. Lamme wollte sich jedoch um keinen Preis auf einen Wortwechsel mit ihr einlassen.
„Ich n-n-nix v-v-verrschdehn“, stieß er stotternd hervor, indem er das r rollte. „W-weiß n-nich.“
„Polak, was?“, fragte die Dicke verdutzt. „Oder Russki?“
„R-rumäne“, stammelte Lamme und beschloss, auch seinerseits endlich Anstalten zum Aufbruch zu machen. Was, wenn diese Frau ein paar Fremdsprachen beherrschte?
„Dabei sehen Sie gar nicht wie Dracula aus“, erwiderte die Dicke und lachte kurz auf, anscheinend im Gefühl, einen Witz gemacht zu haben.
„Tut mirr leid“, entschuldigte sich Lamme und schob sich zum Gang. „Auf Wiederrsehn!“
„Tschüs, Dracula!“, versetzte die Dicke schnodderig und schüttelte den Kopf, während sie ihm mühsam Platz machte. „Leute gibts!“
Wenig später saß Lamme im Waggon einer anderen S-Bahn-Linie und atmete tief durch. Hier umgaben ihn nur wenige Fahrgäste, und nach Kontrolle sah es auch nicht aus. Ihm war es gleich, wie die Leute über Ausländer oder andere Zeitgenossen dachten. Außerdem hatte er nicht die geringste Lust, sich an Diskussionen zu beteiligen, die so gar nichts mit dem Leben zu tun hatten, das er selbst führte. Ihm fiel auf, dass er es mochte, die Welt so zu betrachten, als zeige man sie ihm als Film in einem Kino. In Erinnerung an die soeben erlebten Szenen lachte er beinahe vergnügt in sich hinein.
Vielleicht ist es ein Glücksfall, Penner zu sein, dachte er. Ich bin freier als sie, tausendmal freier.
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